Blaumeise auf dem Ebershaldenfriedhof. Foto: Ralph Scheer

Sie singen, rufen, tirilieren: Vögel sind die Musikanten des Tierreichs. Der Ornithologe Ralf Hilzinger erklärt Interessierten bei einem Seminar auf dem Esslinger Ebershaldenfriedhof, was die Laute bedeuten. Manches ist überraschend.

Eigentlich ist der Friedhof ein ruhiger Ort. Doch am Morgen ertönt auf dem Ebershaldenfriedhof in Esslingen ein vielstimmiges Vogelkonzert. Meisen, Kleiber, Elstern und Ringeltauben stimmen ihre Lieder an, meist unbeachtet von den Menschen. Der Nabu Esslingen lädt Interessierte dazu ein, die Vogelwelt mit geschärften Ohren zu entdecken. In einem fünfteiligen Vogelstimmenseminar sollen die Teilnehmenden an mehreren Orten lernen, 25 Vogelgesänge im Gelände sicher zu erkennen.

 

„Vogelstimmen kann man in verschiedene Kategorien unterteilen“, sagt der Seminarleiter Ralf Hilzinger. Je nachdem, welchem Zweck sie dienen, wird nach Rufen und Gesängen differenziert. „Die Gesänge werden meist von den Männchen vorgetragen“, erklärt er. Sie dienen einerseits dazu, Weibchen anzulocken, andererseits männliche Artgenossen einzuschüchtern und auf Distanz zu halten. „Das ist Konfliktvermeidung bei Vögeln, man redet miteinander“, sagt Hilzinger und fügt hinzu: „Ein ganz modernes Element, das auch bei Menschen sinnvoll wäre.“ Vor allem bei kleineren Vögeln geht es nicht nur um die Einschüchterung des Konkurrenten und den Wohlklang für die Weibchen, der Gesang ist auch eine Mutprobe. In exponierter Stellung sitzen sie auf dem Präsentierteller – gut sichtbar für diverse Fressfeinde, für die sie eine leichte Beute sind. „Die kleinen Kandidaten müssen vor Habicht oder Sperber auf der Hut sein und nicht nur im Liebesrausch toll klingen“, so der Diplom-Biologe Hilzinger.

Ralf Hilzinger Foto: Ralph Scheer

Rufe fallen in die zweite Kategorie, von denen ebenfalls Varianten existieren. Es gibt Warnrufe, die zwar artspezifisch sind, jedoch von verschiedenen Vogelarten eines Lebensraums verstanden werden. Andere Rufe, wie Kontakt- und Bettelrufe, dienen der Kommunikation zwischen Vogeleltern und ihrem Nachwuchs.

Auch die Flügel sind ein Instrument

Die Lautäußerungen als solche werden bei Vögeln wie beim Menschen im Kehlkopf mit Stimmbändern erzeugt. Daneben gibt es Instrumentallaute wie das Trommeln der Spechte, „die ein richtiges Musikinstrument benutzen, wie einen hohlen Baum oder einen Antennenmast, je nachdem, was ihnen gerade vor den Schnabel kommt“, so der Ornithologe. Instrumente, die Vögel immer bei sich haben, sind Flügel und Schnäbel. „Den Klapperstorch kennen wahrscheinlich die meisten“. Die Flügelgeräusche der Eulen sind nicht so laut und auffällig, dienen aber auch der Verständigung untereinander.

Übergang zwischen Singen und Rufen ist fließend

Der Schwerpunkt des Seminars liegt auf den Gesängen, wobei der Übergang zu den Rufen fließend ist. Hilzinger hat versucht, die Gesänge nach ihrem Schwierigkeitsgrad zu kategorisieren. Am einfachsten ist der „Eintöner“ wie bei der Ringeltaube. Jedoch zeigt sich auch hier eine große Varianz: „Dieser einzelne Ton kann rhythmisiert kommen, in Reihen mit unterschiedlich langen Pausen dazwischen, er kann frequenzkonstant und frequenzmoduliert sein.“ Bei den „Zweitönern“ verwenden die Vögel zwei Töne im Wechsel, wie die Kohlmeise, der Kuckuck oder der Zilpzalp. „Ein musikalisches Grundverständnis hilft bei der Vogelgesangskunde“, meint der Biologe, etwa wenn man die Intervalle bestimmen kann.

Anspruchsvoller wird es, wenn es um Melodien wie die der Blaumeise geht, also was nicht mehr nachgesungen oder nachgepfiffen werden kann. „Wenn Rhythmus und zwei Töne zusammenkommen“, interpretiert Hilzinger es als Melodie. „Die Krönung sind unsere Spötter“, also Vögel, die andere Vogelarten oder alles, was sie irgendwo aufgeschnappt haben, täuschend echt imitieren, darunter auch technische Geräusche. Kandidaten, die diese Kunst beherrschen, sind der Sumpfrohrsänger und der Star.

Der „Regenruf“ ist wohl eher ein Gesang aus Langeweile

Dass Vögel zur Wetterprognose taugen, wie manchmal zu lesen ist, kann Hilzinger nicht bestätigen. So solle etwa der Buchfink einen „Regenruf“ von sich geben, wenn Niederschlag droht. Für den Vogelkundler ist das vielmehr ein Gesang aus Langeweile. Zwar spüren Vögel Luftdruckunterschiede, ihr Gesangsverhalten ist jedoch lichtabhängig. Entscheidend sind Tageslänge und Sonnenscheinintensität. „Eher im Nachklapp“, wenn das Wetter umschlägt, verändert sich auch der Gesang, führt der Nabu-Experte aus.

Vögeln auf der Spur

Vogelbestimmung lernen
Neben Exkursionen rät Hilzinger, zu Hause ein Vogelbuch anzuschauen, sich die lautmalerischen Beschreibungen einzuprägen und diese im Gelände mit den Sichtungen zu verknüpfen. Empfehlenswerte Apps zur Vogelbestimmung sind Merlin Bird ID, BirdNET und Nabu Vogelwelt.

Vogelbeobachtungsplätze im Kreis Esslingen
Geeignet sind Friedhöfe mit altem Baumbestand, da die Vögel an Publikum gewöhnt sind. Ebenso das Jägerhaus in Esslingen, das strukturreich mit verschiedenen Lebensraumtypen von Wald über Waldrand, Streuobstwiesen bis hin zu Ackerland ist. Generell bieten sich die Neckarbrücken an, in Wernau zudem der Neckardamm. Auch der Max-Eyth-See in Stuttgart bietet beste ornithologische Beobachtungsmöglichkeiten.

Ornithologische Fortbildung
Viele Nabu-Gruppen bieten im Frühjahr Vogelexkursionen an, zum Beispiel in Filderstadt/Leinfelden-Echterdingen, Nürtingen und Plochingen. Das Vogelbestimmungsseminar des Nabu Esslingen ist bereits belegt. Weitere Angebote online unter: www.nabu-esslingen.de