Dieses Rebhuhn lebt in der Wilhelma. Es gibt zwar noch wilde Rebhühner in Baden-Württemberg, aber nur noch wenige. Das Vogelschutzzentrum Mössingen setzt sich für ihren Erhalt ein. Foto: dpa/Sina Schuldt

Seit 25 Jahren päppelt das Vogelschutzzentrum Mössingen kranke und verletzte Tiere auf. Derzeit kämpft die Station verzweifelt um die Rettung der letzten Rebhühner im gesamten Südwesten.

Mössingen - Ein eleganter Start sieht anders aus: Zuerst will der junge Rotmilan gar nicht aus der Transportbox, dann plumpst er ungeschickt auf die Wiese, und zuletzt hält er sich nur mit Mühe in der Luft. Quax, der Bruchpilot. Auf einem nahen Hausdach ruht er sich schließlich aus, bevor er endgültig davonschwebt. „Der Rotmilan war aus dem Nest abgestürzt und hatte sicher eine schwere Zeit“, sagt Daniel Schmidt-Rothmund, der Leiter des Vogelschutzzentrums Mössingen. Doch dieses Mal gibt es ein Happy End.

 

Seit 25 Jahren schon bemüht sich das Zentrum am Albtrauf bei Mössingen um möglichst viele Happy Ends; rund 23 000 Sperlinge, Amseln, Mäusebussards und Turmfalken sind seither von besorgten Spaziergängern und aufmerksamen Vogelfreunden eingeliefert worden. Längst gilt das Zentrum unter der Obhut des Nabu-Landesverbands als die professionellste der knapp zehn Auffangstationen in Baden-Württemberg und wird deshalb auch vom Land finanziell unterstützt. Dieser gute Ruf gründet stark in der Person des Biologen Schmidt-Rothmund, der 2020 selbst auf sein 20-Jahr-Jubiläum in Mössingen zurückblicken kann.

Zwei Drittel der Vögel überleben nicht

Aber das Leben schreibt nicht nur schöne Geschichten. Tatsächlich können die insgesamt sechs Mitarbeiter des Zentrums nur jeden dritten Vogel retten. Ein Drittel stirbt schon bei der Herfahrt oder in der ersten Nacht, ein weiteres Drittel muss später mithilfe von Kohlendioxid eingeschläfert werden. Die meisten dieser Tiere dienen, so herzlos es klingt, später sogar als Futter für die Überlebenden. Daniel Schmidt-Rothmund muss jedenfalls oft erklären, warum er es für ihn falsch verstandene Tierliebe ist, wenn man einen Vogel etwa mit einem gebrochenen Flügel aufpäppelt: „Wildvögel kann man nicht lebenslang in einer Voliere halten, das wäre Tierquälerei – und draußen hätten diese Vögel keine Chance.“

Natürlich kämpfen die Menschen in der Vogelstation um jeden Pflegling, aber sie sehen sich in erster Linie als Natur- und nicht als Tierschützer. Das bedeutet: Ihnen ist es wichtiger, Ursachen der Gefährdung zu beseitigen, etwa ungeschützte Stromleitungen, als jedes einzelne Tier zu retten – es sei denn, es handelt sich um bedrohte Arten wie den Rotmilan oder den Schwarzstorch.

So sahen es schon die Gründer der Vogelstation, zu denen Herbert Fuchs aus Haigerloch gehört. Er und andere Mitstreiter der Nabu-Gruppen der Landkreise Zollernalb, Tübingen und Reutlingen hatten das Zentrum geschaffen und lange betreut. „Wir wollten von vorneherein keine Vogelstation-Klitsche, sondern eigentlich ein Institut für Vogelkunde“, erinnert sich Fuchs. Problem war aber immer die Finanzierung. Dass 2012 der Nabu-Landesverband die Führung übernahm und dass das Land eine kontinuierliche Förderung zusagte, hat den heutigen 350 000-Euro-Jahresetat sicherer gemacht.

Mehrjährige Blühfelder sind unabdingbar für das Rebhuhn

Und tatsächlich sollen in Mössingen nicht nur die jährlich rund 1000 eingelieferten Tiere behandelt werden. Kinder und Jugendliche können zudem in der „Vogelschule“ eintauchen in die faszinierende Welt der Vögel, etwa im Kurs „Schöner wohnen für Piepmätze“.

Vor allem aber hat das Zentrum längst wichtige Artenschutzprojekte übernommen, die von landes- oder gar bundesweiter Bedeutung sind. So werden jährlich 20 bis 30 Eier von Wanderfalken auf Umweltgifte hin untersucht – da der Wanderfalke an der Spitze der Nahrungskette steht, reichern sich in der Eischale zahlreiche Stoffe an. Erst dadurch wurde etwa in den 1970er Jahren offenbar, welchen Schaden das Insektizid DDT anrichtete.

Seit vier Jahren geht es dem Vogelschutzzentrum vor allem um die Rettung der letzten Rebhuhnbestände in Baden-Württemberg. Rund um Rottenburg (Kreis Tübingen) bemühen sich die Projektleiterin Karin Kilching-Hink und ihre Helfer um Kooperationen mit Landwirten – wichtig sind mehrjährige Blühfelder, in denen sich die Rebhühner verstecken und ihre Jungen aufziehen können. Doch die EU fördert bislang nur einjährige Blühstreifen. Da sind dicke Bretter zu bohren: „Für manche Arten haben wir noch höchstens zehn bis 15 Jahre, dann werden sie ganz verschwunden sein“, sagt der Staatssekretär Andre Baumann, der früher selbst Nabu-Landeschef war und vor Kurzem dem Zentrum einen Besuch abgestattet hat. In der gesamten Schweiz ist es bereits so weit – seit letztem Jahr konnten Ornithologen dort keine Rebhühner mehr entdecken. Im Kreis Tübingen gelang es dagegen, den Rebhuhnbestand von 30 auf 60 Paare zu verdoppeln. „Aber für eine stabile Population bräuchten wir eigentlich 250 Paare“, sagt Daniel Schmidt-Rothmund und dämpft so die Euphorie.

Die Arbeit geht dem Zentrum in Mössingen deshalb nicht aus. Und auch die nächsten Bruchpiloten warten schon.