So viele Nester: Blick aus dem Dachgeschoss des Schiller-Gymnasiums Foto: factum/Granville

Die Vögel, die sich jedes Frühjahr auf dem Campus-Gelände in der Innenstadt niederlassen, machen Schmutz und Lärm. Aber egal: dass sie hier sind, ist ein gutes Zeichen.

Ludwigsburg - Man könnte sagen, im unteren Bereich der Ludwigsburger Solitudestraße, dort, wo sich das Schiller- und das Mörike-Gymnasium befinden, sieht es sehr, sehr unappetitlich aus. So viel Dreck klebt auf dem Gehweg. Man könnte auch sagen, dass es in diesem Teil des Campus-Geländes zeitweise unerträglich laut ist. Von morgens bis abends schallt ein heiseres krra-krra durch die Straße, das der Wind weit durch die Stadt trägt. Weshalb man auch sagen könnte, dass ein Aufenthalt in diesem Bereich einigermaßen ungemütlich ist. Ständig diese schwarzen Vögel, die über die Häuser und Köpfe hinwegsegeln. Laut krähend und massig Hinterlassenschaften produzierend.

Der Rektor sieht die Nachbarn mit Humor

Aber Klaus Arnold äußert nichts dergleichen. Der Leiter des Schiller-Gymnasiums sagt: „Wir nehmen es mit Humor.“ Rainer Ertel, Ornithologe aus Remseck, sagt: „Diese wunderschönen Vögel.“ Und Günter Schlecht von der Stadtverwaltung sagt: „Wir haben eine hohe Verantwortung.“ Bei den krra-krra-Krähen, die das Campus-Gelände als Brutplatz auserkoren haben, handelt es sich nicht um irgendwelche Krähen, sondern um die geschützten Saatkrähen. Dass sie sich in der Stadt wohl fühlen, ist also ein gutes Zeichen, und dass es mehr werden, ein Grund zum Freuen.

Die Kolonialisierung der Platanen auf dem Campus-Gelände begann im Jahr 2005. Damals siedelte sich dort das erste Krähenpaar an. Im Jahr darauf waren es zwei Paare, noch ein Jahr später wurden in den Bäumen 14 besetzte Nester gezählt. Es scheint sich rasch herumgesprochen zu haben, dass die Lebensbedingungen in der Nähe der Schulen krähenkonform sind. Die hohen Bäume mit ihren verzweigten Ästen bieten eine stabile Grundlage für eine sichere Unterkunft, und zur Futterbeschaffung ist es auch nicht weit. Auf den via Luftlinie rasch erreichten Feldern gibt es Sämereien und Insekten, von denen sich die Saatkrähe vorwiegend ernährt. Und dass auf einem Areal, auf dem täglich 4000 Schüler Vesperbrote und dergleichen verzehren, die eine und andere Delikatesse abfällt, ist auch logisch.

Tierischer Anschauungsunterricht

Da die Vögel respektvoll auf Distanz zu den Schülern und Lehrern sind, ist es – auf den zweiten Blick – auch nur logisch, dass der humorvolle Schulleiter Klaus Arnold die guten Seiten der tierischen Nachbarschaft schätzen gelernt hat. Gut sei zum Beispiel, dass die Schüler sportlicher geworden seien. Logo, wenn sie immer die Beine in die Hand nehmen müssen, um ohne Beschiss von A nach B zu gelangen. Der Entscheidungskompetenz der Kollegen sei die Vogelschar ebenfalls zuträglich. Wer mehrmals täglich vor der Überlegung steht, die direkte Route durch den Schmutz zu nehmen oder einen kleinen Umweg zu laufen, entscheidet das bald kurz und knackig. Und – jetzt mal ernsthaft – was prima ist: Mit den Saatkrähen, fachlich: Corvus frugilegus – lässt sich prima Anschauungsunterricht gestalten.

Bestimmt wird kein Ludwigsburger Campus-Kind je vergessen, dass es nicht gefährlich ist, wenn Saatkrähen-Scharen am Himmel auftauchen, sie brüten nun mal in Kolonien. Und dass sie Mitte März mit dem Bau der Nester beginnen, gehört zum biologischen Bildungskanon. Die geschulten Augen erkennen spätestens im zweiten Jahr, dass es Vater Rabe ist, der seine Familie während der Zeit der Brut und Aufzucht mit Nahrung versorgt. Ebenso vermögen sie die Unterschiede zur Rabenkrähe erkennen: Die hellgraue Partie am Schnabelgrund und das buschige Federgewand um die Beine.

Auch die Krähen sind klug

Dieses Wissen ist unter anderem deshalb bedeutsam, weil die Campus-Kinder nicht Gefahr laufen, die selteneSaatkrähe mit der gewöhnlichen Rabenkrähe zu verwechseln und sie zu vergrämen– oder gar zu vernichten. Genau dies nämlich, erklärt der Ornithologe Rainer Ertel, ist einer der Gründe für die erschreckende Dezimierung der Saatkrähenbestände.

So gesehen ist es auch klug gewesen von den Krähen, sich am Campus anzusiedeln. Im Frühjahr 2013 fanden sich in den dortigen Platanen 80 Brutpaare ein, so viele wie nie zuvor – und nicht mehr seither. Das liegt daran, dass die Stadt in jenem Jahr die Bäume massiv zurückschneiden musste. Pilze hatten ihnen zugesetzt. Allerdings habe die Stadt Rücksicht auf die Brutzeit ihrer Krähen genommen und darauf geachtet, dass sie Ausweichquartiere finden, versichert Günter Schlecht vom Fachbereich Tiefbau und Grünflächen der Stadt Ludwigsburg, die die Saatkrähen jährlich zählen lässt. Immerhin ist die hiesige Kolonie die einzige in der Region Stuttgart. Bei der Nachschau 2016 zählten die Experten 42 besetzte Nester – immerhin sieben mehr als im Jahr nach dem Platanenschnitt. „Die Saatkrähen scheinen wiederzukommen“, sagt Günter Schlecht zufrieden.

Im Schulhaus, um das noch klarzustellen, ist von den Krähen kaum etwas zu hören. Und wenn doch – was soll’s. „Das ist ein natürlicher Laut“, sagt Klaus Arnold. Und alles andere bei genauer Betrachtung auch.

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