Die Kugelstoßerin aus Mannheim gewinnt bei den Olympischen Spielen im letzten Versuch sensationell Gold – auch für ihren grandiosen Durchhaltewillen.
Es gibt eine Tradition im Stade de France: Alle Leichtathletinnen und Leichtathleten, die ihren Wettkampf mit dem Olympiasieg beendet haben, läuten danach eine riesige Glocke. „Ding-dong! Ding-dong!“ Damit jeder weiß, was die Stunde geschlagen hat. Bis am Freitagabend durften die deutschen Starter nur zuhören, sie waren noch ohne Goldmedaille. Dann aber schlug die Stunde von Yemisi Ogunleye (25). Die 25-jährige Kugelstoßerin aus Mannheim wurde sensationell Olympiasiegerin – und machte danach auch an der Glocke alles richtig. „Ding-dong! Ding-dong!“
Der vorangegangene Wettkampf hätte dramatischer nicht verlaufen können. Nach Platz zwei in der Qualifikation gehörte Yemisi Ogunleye zu den Mitfavoritinnen, obwohl sie international ein eher unbeschriebenes Blatt ist. Bei der WM 2023 belegte sie Rang zehn, dann gewann sie 2024 ihre ersten beiden Medaillen: Erst Silber bei der Hallen-WM, anschließend Bronze bei der EM. Und nun folgte in Paris ein sechster Durchgang, den sie nie vergessen wird. „Mir fehlen die Worte, es ist unglaublich“, sagte Ogunleye danach, „ich habe in diesem Moment eine unfassbare Ruhe verspürt, die nicht von dieser Erde ist. Ich war so fokussiert, habe die Hände gehoben und gesagt: Gott, das ist ein Moment, den Du mir versprochen hast.“
Vor dem letzten Versuch fehlen 13 Zentimeter
Zuvor hatte Yemisi Ogunleye sich stetig gesteigert, über 19,55 Meter auf 19,73 Meter. Silber war ihr bereits sicher, als sie die Kugel letztmals in die Hände nahm. Das Problem: Auf die führende Neuseeländerin Lee-Maddison Wesche fehlten ihr 13 Zentimeter. Doch noch blieb eine Chance. Yemisi Ogunleye konzentrierte sich, sammelte ihre Kräfte, drehte sich ein letztes Mal – und die Kugel flog auf exakt 20 Meter. Die Mannheimerin sank auf die Knie und nahm die Hände vors Gesicht, denn sie wusste: Nun folgt die längste Minute ihres Lebens. Lee-Maddison Wesche hatte als letzte Starterin schließlich noch einmal die Möglichkeit, die Deutsche zu kontern. Auch der Versuch der Neuseeländerin war weit, aber nicht weit genug. Und Yemisi Ogunleye Olympiasiegerin!
Anschließend gab es kein Halten mehr. Die Gold-Gewinnerin hüpfte wie ein Flummi über die lilafarbene Bahn im Stade de France, schnappte sich eine Deutschland-Fahne, feierte mit Familie und Freunden in der Kurve hinter dem Kugelstoßring. Aus den Stadionlautsprechern ertönte „Völlig losgelöst“, die deutschen Fans tanzten auf der Tribüne zu „Major Tom“ von Peter Schilling. Yemisi Ogunleye krönte mit diesem völlig unerwarteten Triumph eine bemerkenswerte Karriere – die sie zuvor mehrfach fast beendet hätte. Gold gab es folglich auch für ihren Durchhaltewillen.
Zwei Kreuzbandrisse
Als kleines Mädchen tanzte Yemisi Ogunleye Ballett, sie turnte auch – wurde dafür aber bald zu groß. Als sie 13 Jahre alt war, begann sie mit der Leichtathletik. Doch schwere Knieverletzungen warfen sie immer wieder zurück. Nach zwei Kreuzbandrissen innerhalb kürzester Zeit sowie Meniskus- und Knorpelschäden im rechten Knie stand ihre Laufbahn auf der Kippe, bevor sie richtig begonnen hatte. Doch Ogunleye, deren Vater aus Nigeria stammt und die in Heidelberg Sonderpädagogik studiert, kämpfte sich zurück. Ihr Glaube half ihr dabei. „Gottes Liebe hat mich verändert“, sagte sie einmal in einem SWR-Interview, „er ist eine wichtige Stütze in meinem Leben. Egal, was passiert, Gott hat mein Leben in der Hand. Das nimmt mir komplett den Druck. Ich empfinde eine unbändige Freude, meinen Sport ausüben zu dürfen.“
Dass dies mittlerweile viel besser funktioniert als früher, hat auch mit einer Umstellung zu tun – von der Angleittechnik zum Drehstoß. Das ist weniger belastend fürs Knie. Mit ihrer Trainerin Iris Manke-Reimers fährt Yemisi Ogunleye einmal die Woche nach Stuttgart, um am Olympiastützpunkt bei Drehstoß-Spezialist Arthur Hoppe zu trainieren. Dort trifft sie immer wieder auch Alina Kenzel, die es bei den Olympischen Spielen ebenfalls in den Endkampf geschafft hat. Die Kugelstoßerin vom VfB Stuttgart belegte mit 18,29 Metern Rang neun. Und hörte fasziniert zu, als Yemisi Ogunleye die Glocke läutete. „Ding-dong! Ding-dong!“