Heiko Burkardsmaier bringt für Accenture Song visuelle Effekte ins Kino und Netflix-Serien. Die Region ist mit ihren Firmen und Fachkräften international gefragt – und richtet ab Dienstag eine der weltgrößten Konferenzen für visuelle Effekte aus.
Wenn weltweit die großen Netflix-Serien oder Kinofilme anlaufen, mischt immer wieder auch ein Team aus Stuttgart mit. Heiko Burkardsmaier leitet bei Accenture Song eine Abteilung für visuelle Effekte (VFX), die einige Blockbusterwelten spektakulärer gemacht hat, „gepimpt“ würde man neudeutsch sagen.
Für die Netflix-Fantasyserie „Avatar – Der Herr der Elemente“ schuf das Unternehmen neben Fabelwesen eine virtuelle Stadt. Für die mit dem Emmy nominierte Fantasyserie „Shadow and Bone“ erweckte man einen spektakulären Drachen virtuell zum Leben. „Meiner Meinung nach wird das zu wenig gefeiert, was wir, aber auch andere Unternehmen, in der Region schaffen“, meint Burkardsmaier.
Die Region Stuttgart ist spitze, wenn es um visuelle Effekte geht
Tatsächlich hat sich die Region zum größten Standort für visuelle Effekte und Animationen in Deutschland gemausert – und gilt nach Stockholm als bedeutendstes Zentrum in Europa. Neben Accenture Song VFX, das 2018 Mackevison übernahm, ist Pixomondo mit seinem Stuttgarter Standort ganz vorne dabei. Lange bevor es von Sony übernommen wurde, heimste Pixomondo einst den Oscar für die visuellen Effekte in Martin Scorseses „Hugo Cabret“ ein. Aber auch andere Firmen wie M.A.R.K.13 aus Stuttgart sowie die Ludwigsburger Seru Animation und Studio Soi tragen zum guten Ruf in der Branche bei.
Die vielleicht größten Impulse kommen aber von der Ludwigsburger Filmakademie, die bei den visuellen Effekten auch international renommiert ist, und einer gezielten Förderung seitens des Landes. Auf diese Weise hat die Akademie es auch geschafft, mit der „FMX – Film & Media Exchange“ eine der weltweit wichtigsten Fachkonferenzen für Animationen und visuelle Effekte in Stuttgart aufzuziehen, die von Dienstag bis Freitag im Haus der Wirtschaft über die Bühnen geht. Debattiert werden auch die aktuellen technologischen Entwicklungen der Branche, etwa wie das Schweinehuhn in „Poor Things“ entstand, die virtuellen Schlachtszenen in „Napoleon“ oder die gefrorene Welt des aktuellen Ghostbusters-Films entworfen wurden.
Auch Burkardsmaier gibt Einblicke in die eigene digitale Trickwerkstatt, Accenture Song VFX liegt gegenüber dem wichtigsten Festivalhotel auf dem Stuttgarter Bosch-Areal. Jahrelang leitete der 53-Jährige das Stuttgarter Büro von Pixomondo, bis er 2013 zu Mackevision wechselte und später für das Beratungsunternehmen Accenture die Abteilung für visuelle Effekte ausbaute. Seitdem hat sich die einst kleine Zahl der Angestellten vervielfacht. Dazu kommen freie Mitarbeiter, die sich auf wichtige Effekte spezialisiert haben und etwa digital erschaffene Haare oder Fell wie echt wirken lassen.
Entlang einem Gang voller Büros, die sich kaum von den Computerarbeitsplätzen anderer Büros unterscheiden, führt Burkardsmaier in ein winziges Kino, wo er einige der aktuellen Arbeiten vorführt. Für den Welthit „Stranger Things“ setzte das Studio in der spektakulären Schlüsselszene der vierten Staffel den Hauptbösewicht Vecna digital in Flammen. Für den Milli-Vanilli-Film „Girl You Know It’s True“ erschuf man Tausende virtuelle Konzertbesucher, weil nur einige Dutzend Statisten zur Verfügung standen.
Visuelle Effekte sind längst zu einem Milliarden-Geschäft geworden
Visuelle Effekte wie diese helfen den großen Filmstudios, Kosten zu sparen oder Sicherheitsstandards einzuhalten. Vor allem aber kann man mit ihnen in Welten eintauchen, die es real nicht gibt. Weil sich immer mehr Großproduktionen thematisch auf das Marvel-Universum, Dystopien, Science-Fiction und Fantasy verengen, sind auch visuelle Effekte längst Teil eines Milliarden-Geschäfts geworden, an denen Dutzende Dienstleister hängen. Allein für die aktuelle „Avatar“-Serie war neben Accenture Song ein Dutzend anderer Spezialfirmen beteiligt, die wiederum von ein einem Spezialstab in den USA koordiniert wurden.
Solche Prestigeprojekte seien wichtig, auch um in eigener Sache Werbung zu machen, betont Burkardsmaier. „Stuttgart ist ein schwieriger Standort – die meisten gehen lieber nach London oder Vancouver. Ohne die coolen Projekte hätten wir keine Chance, gute Fachkräfte zu bekommen.“ Doch auch andere Unternehmen sind auf der Suche nach neuen Talenten, weshalb sich die FMX-Konferenz auch zur Jobbörse entwickelt hat. Als „wahrscheinlich größten Recruiting Hub für die VFX-Branche in Europa“, tituliert sie der FMX-Sprecher, „da geht es zu wie in einem Bienenstock.“
Die Streiks in Hollywood wirken sich bis nach Stuttgart aus
In diesem Jahr könnte es allerdings etwas leiser summen. Grund ist der Streik von Autorinnen und Autoren sowie Schauspieler und Schauspielerinnen in Hollywood, der im vergangenen Jahr monatelang die Produktionen lahmlegte. Auch dort ging es um die technischen Fragen der Branchen, etwa wie der Einsatz von KI die Arbeit und Einkommen der Beschäftigten gefährdet.
Obwohl die Dreharbeiten längst wieder angelaufen sind, schlägt die Krise derzeit bei vielen Firmen durch: Mit ihren visuellen Effekten kommen sie oft erst nach den Dreharbeiten ins Spiel. „Die Streikfolgen haben bei vielen ein großes Loch gerissen, die Branche läuft erst wieder an“, sagt Burkardsmaier. „Letztes Jahr haben die internationalen Firmen händeringend nach Personal gesucht, zuletzt hat sich das Blatt gedreht.“
Die Region Stuttgart sieht er im internationalen Vergleich aber weiter gut aufgestellt, die Lage bei den meisten Unternehmen sei stabil. Und es gebe auch einen Vorteil der Auftragsflaute, die er im Sommer für überwunden sieht. „Bisher konnten wir vor allem von der Ludwigsburger Filmakademie nur Nachwuchskräfte gewinnen. Kürzlich haben wir einige erfahrene Fachkräfte eingestellt, die anderswo aufgrund der Krise ihren Job verloren hatten.“