Beim Stuttgart-Lauf 2019 waren Menschenmassen noch kein Problem. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Der Stuttgart-Lauf hat längst einen Platz im Veranstaltungskalender der Stadt. Doch in diesem Jahr fällt das Traditionsereignis zwangsweise aus. Der Veranstalter bietet eine virtuelle Alternative – mit einem Extra, das zumindest für ein bisschen Atmosphäre sorgt.

Stuttgart - Eigentlich würden sich an diesem Wochenende rund um die Mercedes-Benz Arena in Bad Cannstatt Spitzen- und Hobbyläufer in ihren bunten Sportklamotten tummeln. Dehnend, hüpfend und durchatmend würden sie sich dann physisch und mental auf den bevorstehenden Halbmarathon vorbereiten. Am Start gäbe es ein Aufwärmprogramm mit Moderation, während sich entlang der knapp 21 Kilometer langen Strecke erste Zuschauer einfänden und sich darauf vorbereiteten, in den nächsten Stunden als Motivator zu agieren.

Doch in diesem Jahr fällt das Stuttgarter Traditionsevent, das längst einen festen Platz im Veranstaltungskalender der Landeshauptstadt hat, aus – zumindest in seiner gewohnten Form. Denn Großveranstaltungen sind wegen des Coronavirus verboten. Und um so eine handelt es sich bei dem Stuttgart-Lauf, bei dem neben dem Halbmarathon zig andere Strecken und Disziplinen angeboten werden, unweigerlich. In den vergangenen Jahren waren nicht nur zwischen 15 000 und 18 000 Teilnehmer bei den unterschiedlichen Läufen gemeldet, sondern insgesamt auch 50 000 bis 80 000 Menschen zum Zuschauen an der Strecke.

Freie Streckenwahl beim virtuellen Lauf

„Das Publikum beim Stuttgart-Lauf ist einfach der Wahnsinn. Vor allem, wenn man am Schluss auf dem Zahnfleisch in die Mercedes-Benz-Arena einläuft, können einen die Zuschauer echt noch mal aufbauen“, sagt Roswitha Schön. Die 62-Jährige muss es wissen. Seit der ersten Auflage im Jahr 1994 ist sie über sieben Kilometer dabei, hat keinen Lauf verpasst. Wenige Male sei sie auch den Halbmarathon gelaufen. Die Stuttgarter Sportveranstaltung ist jedes Jahr fest in Schöns Laufkalender eingeplant. Doch in diesem Jahr fand noch keiner der eingetragenen Wettkämpfe statt. Obwohl die Sportlerin die Absage des Stuttgart-Laufs „sehr, sehr schade“ findet, sei es die richtige Entscheidung gewesen. Schließlich seien auch Wettkämpfe abgesagt worden, bei denen weit weniger Läufer an den Start gegangen wären. Umso mehr freut sich die Verwaltungsbeamtin, am Wochenende etwas „völlig Neues“ ausprobieren zu können.

Denn der Württembergische Leichtathletik-Verband (WLV), Veranstalter des Stuttgart-Laufs, hat sich eine Alternative für das groß angelegte Laufereignis einfallen lassen. Unter dem Motto „Wir laufen weiter: allein, mit Abstand, aber immer mit viel Freude!“ findet die 27. Auflage der Sportveranstaltung nun virtuell statt. Was das bedeutet? Die Teilnehmer laufen für sich und zeichnen Zeit und Strecke mit ihrem Handy auf. Wo sie laufen, ist egal. Wichtig sei nur, „dass die Läufer die Distanz von 21 Kilometern zurücklegen – sofern sie sich für den Halbmarathon angemeldet haben“, erklärt der für die Organisation zuständige Alexander Hübner.

Leistungen sind nicht vergleichbar

Immer mehr Laufveranstalter versuchen sich an dieser neuen Laufkategorie. Parallel zum Stuttgart-Lauf findet etwa der Heidelberger Benefizlauf gegen Krebs virtuell statt, ebenso wie der Mannheimer Muddy Angle Run und der Tuttlinger Donautal-Marathon. Schon das sei für Schön Anlass solch eine Veranstaltung „einfach mal auszuprobieren“. Welche Strecke die Sportlerin am Wochenende laufen wird, weiß sie noch nicht: „Entweder ich laufe am Neckar entlang oder im Schurwald. Wenn das Wetter gut und am Neckar viel los ist, werde ich wohl eher in den Wald ausweichen“, erzählt sie.

Egal für welche Strecke sie sich entscheidet, dank der eigens für den Lauf programmierten App kann Schön stets sehen, wo sie sich gerade auf der Stuttgart-Lauf-Strecke befinden würde. Wirklich vergleichbar sind die Leistungen der Läufer aber nicht: Denn Unterbrechungen sind möglich, Höhenmeter werden nicht berücksichtigt. Die Esslingerin stört das nicht – obwohl sie sich selbst als ehrgeizig beschreibt, immer gewillt, vorne in ihrer Altersklasse mitzulaufen. „Unter den aktuellen Umständen geht es nicht anders“, sagt sie. Schon jetzt weiß sie, „dass die Zeit schlechter sein wird als beim Wettkampf.“ Nicht nur, weil die Strecke anders sei und Zuschauer fehlten, auch, weil keine Mitstreiter da seien, die einen mitzögen.

Bewegung und Gesundheit stehen im Fokus

Auch in den Augen der Veranstalter ist die Vergleichbarkeit zweitrangig: „Der Spaß am Laufen steht im Vordergrund, das ist die Philosophie des Stuttgart-Laufs. Wir wollen die Leute dazu bringen, sich zu bewegen und etwas für ihre Gesundheit zu tun“, sagt Gerhard Müller, der WLV-Geschäftsführer. Und das gelingt offenbar: Etwa 5000 Anmeldungen sind für den virtuellen Lauf bisher eingegangen.

Ob die Alternative auch Vorteile hat? „Ich habe auf unseren sozialen Kanälen von einem Starter gelesen, der eigentlich aus Brandenburg gekommen wäre, und jetzt eben dort läuft“, sagt Hübner. Der Stuttgart-Lauf geht quasi auf Reisen. Trotzdem sei das nicht zu vergleichen mit Tausenden lachenden Gesichtern, die in der Benzstraße in Bad Cannstatt auf den Startschuss warten. „Das ist einfach ein anderes Flair. Wir sind Eventveranstalter und lieben es, wenn Sportler auf der Straße zusammenkommen“, sagt Hübner.

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