Gelegentlich scheint ein virtueller Ansprechpartner zu helfen. Foto: AdobeStock

Das Internet spielt auch in der psychologischen Betreuung eine immer größere Rolle. Die Schwierigkeit für Nutzer: aus der Vielfalt der Programme das passende für sich auszuwählen

Stuttgart - Nicht alle Menschen, die Probleme haben, möchten einem Psychologen in die Augen schauen, wenn sie ihr Innerstes nach außen kehren. Manche telefonieren lieber. Andere schreiben lieber am Computer oder Smartphone. So erhält beispielsweise die Psychologin Carolina Mayer aus Leipzig, die seit einem Jahr Online-Beratung bietet, mehr und mehr Anfragen von Interessenten. „Ein großer Vorteil ist, dass die Hemmschwelle, ein solches Angebot zu nutzen, gering ist“, sagt sie. „Im Rahmen der Online-Beratung habe ich öfter erlebt, dass sich Menschen an mich gewandt haben, bevor es zu gravierenden Problemen kommen konnte.“

Bei ihr geht der Beratung in der Regel ein persönliches Erstgespräch voraus. So will sie herausfinden, ob ein Online-Coaching überhaupt sinnvoll ist. „Vor allem bei leichten bis mittelgradigen Depressionen kann eine solche Begleitung effektiv sein“, sagt Mayer. Auch Menschen mit sozialen Phobien, denen die Gegenwart anderer Angst macht, ziehen schriftliche Beratungen vor. Die Kommunikation per Mail läuft ähnlich ab wie ein Gespräch, sagt Mayer: Der Patient beschreibt, wie er sich fühlt und was ihn beschäftigt. Im Gegenzug bekommt er eine Einschätzung der Situation, eventuell Rückfragen sowie Aufgaben und Anregungen. Ob dieser Austausch für einen Klienten geeignet ist, ist eine Frage der Persönlichkeit. Neben der Lust, sich schriftlich auszudrücken, muss er viel Motivation und Disziplin mitbringen.

Dass die Psychologin von Online-Beratung und nicht von Internettherapie spricht, hat seinen Grund: Die Berufsordnung sieht vor, dass bei einer Therapie Diagnose und Aufklärung „in unmittelbarem Kontakt zwischen Psychotherapeut und Patient“ erfolgen. Eine reine Internettherapie ist also verboten. Schließlich sind auch Stimme, Sprechweise, Mimik, Gestik und Bewegungen wichtig, damit sich der Therapeut ein Bild vom Patienten machen kann. Umgekehrt sind die Begriffe „Beratung“ und „Coaching“ nicht geschützt – daher dürfen diese Dienste auch von Laien angeboten werden. Um sich davon abzugrenzen, hat der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) ein Gütezeichen für qualifizierte Online-Berater eingeführt.

Überlastete Praxen bedeuten eine große Nachfrage

Neben solchen niedergelassenen Psychologen gibt es im Internet unzählige andere Anbieter, die Hilfe versprechen. Da psychotherapeutische Praxen oft überlastet sind, ist die Nachfrage groß. Einige Portale bieten eine Auswahl von Psychologen, die man ­gezielt anschreiben kann. Andere sind reine Computerprogramme, bei denen Fragebögen ausgewertet und vorgefertigte Antworten gegeben werden. Bei anderen hat man zusätzlich Kontakt zu Psychologen. Auch Krankenkassen sind in dem Bereich aktiv: So bieten etwa die Techniker-Krankenkasse („Depressionscoach“) oder die Barmer GEK („Pro Mind“) eigene Online-Programme an.

„Das Problem ist, dass die Angebote oft intransparent sind“, sagt Fredi Lang vom BDP. „In vielen Fällen handelt es sich um reine Geschäftemacherei.“ So seien Widerruf und Datenschutz häufig nicht gewährleistet. Nicht selten berufen sich Anbieter als Beleg für ihre Wirksamkeit auf Studien, die bei ­näherem Hinschauen nicht belastbar seien, kritisiert Lang. Daher will der Verband demnächst ein Gütesiegel einführen, das die Portale beantragen können. Auch die Deutsche Psychotherapeuten-Vereinigung sieht den Online-Markt kritisch. „Psychisch belastete oder kranke Menschen sollten sich nicht auf Experimente mit unsicherem Ausgang ­einlassen“, heißt es dort. Falsche Hilfe könne psychische Erkrankungen verschlimmern. Online-Angebote seien eine Ergänzung und kein Ersatz für eine Psychotherapie.

„Die Bereitschaft der Bundesbürger, solche Angebote zu nutzen, ist groß“, sagt Christiane Eichenberg, Leiterin des Instituts für Psychosomatik an der Sigmund-Freud-Universität Wien. So habe eine ihrer Studien ergeben, dass mehr als ein Viertel aller Deutschen bereit wäre, sich Hilfe im Internet zu holen. Die Nutzer schätzten vor allem, dass sie anonym und unabhängig von Zeit und Ort schreiben können. Und dass es kaum Wartezeiten gibt. „Im Allgemeinen klappen solche Beratungen auch gut“, sagt Eichenberg, die selbst lange als Online-Beraterin gearbeitet hat. „Studien zeigen auch, dass sich über das Online-Setting eine tragfähige therapeutische Beziehung herstellen lässt.“ Voraussetzung ist, dass Menschen antworten – und nicht die Maschine.

Bei einer bipolaren Störung wird es schwierig

An ihre Grenzen stößt die Online-Beratung bei schweren Störungen. So heißt es etwa in der Gebrauchsanweisung des Therapieprogramms „deprexis 24“, dass das Programm bei „Vorliegen einer bipolaren Störung, einer psychotischen Störung (zum Beispiel Schizophrenie) oder bei vorhandenen Suizidgedanken“ nicht eingesetzt werden sollte. Allerdings kann sich die Situation auch im Laufe der Anwendung verschlechtern. „Bei sehr belasteten Menschen lässt sich nicht alles steuern“, gibt Eichenberg zu bedenken.

Suizidgedanken zu erkennen und richtig zu reagieren sei eine „große Herausforderung“ für Online-Berater, betont sie. Auch automatische Programme wie „deprexis 24“ versuchen, eine Suizidgefährdung schnell zu erkennen: Wenn man etwa bejaht, in den letzten zwei Wochen fast jeden Tag daran gedacht zu haben, lieber tot als lebendig zu sein, erscheint ein Warnhinweis samt verschiedenen Notfallnummern.

Und wie effektiv sind Online-Interventionen? In einigen Studien haben sie sich bei manchen Störungen als genauso wirksam ­erwiesen wie herkömmliche Therapien. Vor allem bei Angststörungen und depressiven Störungen sei die Wirkung gut belegt, sagt Eichenberg. „Am besten ist die Wirksamkeit aber, wenn der Nutzer auch persönlichen Kontakt zu einem Therapeuten hat. “

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