Vinzenz Geiger holt im ersten Rennen der Kombinierer Gold – nach einem Rennen, das noch lange in Erinnerung bleiben wird. Nicht nur wegen der Corona-Umstände.
Zhangjiakou - Hermann Weinbuch ist seit fast 50 Jahren Kombinierer. Erst als Junior, dann als Aktiver mit drei WM-Titeln, seit 1996 als Bundestrainer. Trotzdem kann er sich nicht erinnern, so ein Rennen wie an diesem bitterkalten Abend in Zhangjiakou schon einmal erlebt zu haben. „Unglaublich, was heute passiert ist, ich bin fassungslos“, meinte Weinbuch, „es hat einer gewonnen, der den unbedingten Willen hatte.“ Und der hieß Vinzenz Geiger. Sein unwiderstehlicher Schlussspurt beendete einen Wettbewerb, der wie kein anderer bei diesen Winterspielen von Corona betroffen war. Das hatte auch der Olympiasieger im Kopf. „Es gibt“, sagte er im Moment seines Triumphes, „Wichtigeres als Sport.“
„Die Organisation war schrecklich und schlecht“
Vinzenz Geiger (24) ist ein reflektierter Athlet. Keiner, der sich von Emotionen leiten lässt. Aber diese erste knappe Woche in China hat auch bei ihm Spuren hinterlassen. Weil seine Teamkollegen Eric Frenzel und Terence Weber positiv getestet wurden. Weil er, nachdem er im Flugzeug neben Frenzel gesessen hatte, als (stets negative) Kontaktperson ebenfalls isoliert wurde, wenn auch in der Teamunterkunft. Dort musste er alleine auf dem Zimmer essen, er durfte nicht gemeinsam mit den anderen trainieren. Und weil auch sonst einiges schieflief – zum Beispiel, als ihn der chinesische Fahrer zum Snowboard-Kurs statt zur Schanze kutschierte. „Ich habe mit Eric und Terence gelitten, sie hat es richtig getroffen“, sagte Geiger, „aber ich hatte auch ein paar beschissene Tage. Die Organisation war schrecklich und schlecht, das hat mich genervt.“ Aber er durfte starten. Zum Glück. Denn er war Teil eines denkwürdigen Rennens.
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Johannes Rydzek hatte den besten Sprung der Saison gezeigt, sein Schrei im Auslauf war laut genug, um die in Sichtweite stehende Chinesische Mauer zu erschüttern. Denn der Altmeister wusste, dass er gute Chancen auf Gold haben würde. Er startete von Rang vier, direkt vor sich seinen Oberstdorfer Clubkollegen Julian Schmid und den Österreicher Lukas Greiderer, hinter sich eine komfortable Lücke. Das Trio hatte schon nach der ersten von vier 2,5-km-Runden die gute halbe Minute zum besten Springer Ryota Yamamoto aufgelaufen, fortan machten sie als Vierer-Gruppe Tempo. Immer vorneweg: Johannes Rydzek und Julian Schmid.
Rydzek war der Favorit
Am Ende der dritten Runde, Yamamoto war abgehängt, sah es immer noch so aus, als würde dieses Trio die Medaillen unter sich ausmachen. Rydzek, der stärkste Läufer, hatte die besten Chancen. Doch dann passierte, was Weinbuch später so ausdrückte: „Es kam der Vinz.“
Der dritte Oberstdorfer, zu Beginn als Elfter 1:26 Minuten zurück, war von Kilometer zu Kilometer zuversichtlicher geworden. Er hatte superschnelle Skier, fühlte sich erstaunlich gut. Und attackierte. Der Rückstand auf die Führenden schmolz Meter um Meter, am Streckenrand stieg beim Coach die Nervosität. „Mir wurde es ganz anders“, sagte Weinbuch später, „ich dachte, wir hätten zwei Medaillen im Sack. Die Gefahr, dass der Vinz die anderen hinführt, war riesengroß.“
Irre guter Schlussspurt
Das tat Geiger zwar, er selbst war aber klar der Stärkste. Am letzten Anstieg flog er am führenden Rydzek vorbei, keiner konnte folgen. Am Ende siegte er vor dem Norweger Jörgen Graabak, der sich in seinem Windschatten gehalten hatte, und Lukas Greiderer. Dass er bei seinem Angriff ein Risiko eingegangen war? „War mir egal“, sagte Geiger, „ich bin Einzelsportler, bei Olympischen Spielen geht es um Medaillen.“ Auch Weinbuch trug die taktische Entscheidung seines Schützlings mit. „Seine Leistung war grandios“, so der Bundestrainer, „es sind alle selbstständige Sportler. Ich würde nie einem sagen, dass er nicht angreifen darf.“ Erst recht nicht in einem so wichtigen Rennen.
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Leidtragender war Johannes Rydzek, der in der Oberstdorfer Ortsmeisterschaft die fast schon sichere Goldmedaille auf den letzten 500 Metern verlor, Fünfter wurde. Und die Niederlage respektierte. Noch im Ziel gratulierte er Geiger, kurz darauf sagte er: „Ich habe dieses wahnsinnige Rennen von vorne beherzt gestaltet, alles reingelegt. Mich freut es wahnsinnig für Vinzenz Geiger. Wenn nicht ich, dann wenigstens er.“
Ist die Goldmedaille weniger wert?
Blieb nur noch eine Frage zu klären: Ist eine Goldmedaille weniger glanzvoll, wenn vier der Weltbesten fehlen, darunter im Norweger Jarl Magnus Riiber der Dominierer dieser Saison? „Es ist schon speziell, aber die Olympischen Spiele schreiben spezielle Geschichten“, meinte Rydzek, „das macht den Sieg von Vinzenz Geiger nicht weniger wertvoll.“ So sah es auch der Bundestrainer. „Nach diesem gigantischen Rennen ist das sicher kein Olympiasieg mit Coronasternchen“, befand Weinbuch, „es tut weh, dass die vier nicht dabei waren. Aber das interessiert schon jetzt niemanden mehr.“ Weil von diesem bitterkalten Abend in Zhangjiakou andere Dinge in Erinnerung bleiben werden.