Die Mauern des Villinger Gefängnisses wirken unüberwindbar – doch schon mehrfach ist Häftlingen in der jüngeren der 175-jährigen Geschichte die Flucht gelungen.
Villingen-Schwenningen - Über die Mauer, durch die Mauer oder auch durch die Tür: Auf verschiedenste Weisen haben Insassen bereits die Flucht aus dem "Café Viereck" in der Villinger Innenstadt versucht. Eine Flucht wurde gar mit dem Leben bezahlt.
1983: Tödliche Flucht
Ein toter Häftling, ein lebensgefährlich verletzter Mittäter und ein schwer verletztes, unschuldiges Kind: So endete ein dramatischer Ausbruch aus der JVA in Villingen am 5. November 1983.
Begonnen hat dieser gegen 16.30 Uhr. Demnach soll der Initiator des Ausbruchs, ein 28-Jähriger Furtwangen Bankräuber, (er überfiel wenige Monate zuvor die Volksbank in seinem Heimatort), einen Vollzugsbeamten in seine Zelle gelockt haben. Mithilfe von drei Komplizen wurde dieser überwältigt, gefesselt und man nahm ihm die Schlüssel ab, ehe man ihn in eine Zelle einschloss. Auch der zweite Vollzugsbeamte wurde unter einem Vorwand über die Sprechanlage gelockt und auf ähnliche Weise überwältigt, bevor man zwei Dienstpistolen und Munition entwendete.
Die vier Gefangenen, darunter ein 21-jähriger Schwenninger, der lediglich eine Ersatzfreiheitsstrafe wegen Fahrens ohne Fahrerlaubnis absaß und zwei Tage später frei gekommen wäre, schlossen anschließend noch einen weiteren Justizbeamten ein. Dieser war nur zufällig am Gefängnis, um zusammen mit seiner Frau nach dem Dienstplan zu schauen. Er befreite nach der Flucht des Quartetts seine Kollegen und alarmierte die Polizei.
Im rund 400 Kilometer entfernten Bad Wildungen (Hessen) wurden die vier Ausbrecher nach einer bundesweiten Fahndung in einer Gaststätte aufgespürt. Als diese von den Beamten betreten wurde, griff der Bankräuber zur Waffe und wurde aber sofort, wie sein Schwenninger Komplize, niedergeschossen. Beide wurden lebensgefährlich verletzt – der Furtwanger starb wenig später an den Folgen. Auch ein Kind, das in der Gaststätte saß, wurde durch einen Schulterschuss verletzt. Die beiden anderen Straftäter lieferte man unverzüglich wieder in ein Gefängnis ein, sie wurde zu sechs Jahren Haft verurteilt. Der Schwenninger Komplize blieb verhandlungsunfähig.
1992: Zum Kaffee über die Mauer
Durchaus als kurios zu bezeichnen ist ein Fall aus dem Jahr 1992. Einem Insassen gelang die Flucht aus dem Gefängnis dank eines Sprungs über die Mauer. Kurz darauf stellte er sich aber wieder den Beamten. Als Begründung brachte der Geflohene vor, er wollte nur mal schnell einen Kaffee in der Stadt trinken.
1997: Mit dem Tisch durch die Wand
Fünf Jahre später misslang ein Fluchtversuch aus der Anstalt. Zwei Häftlinge hatten mit Teilen eines Tisches ein großes Loch in die Außenmauer gestellt. Doch hindurch kamen sie anschließend nicht.
2013: Der Versuch mit der Kordel
Über das Dach wollte im Oktober 2013 ein Untersuchungsgefangener in die Freiheit fliehen. Während eines Hofgangs war der Mann über die Regenrinnen auf das Dach geklettert. Während die Beamten auf dem Hof des Gefängnisses verteilten, befestigte der Häftling eine Kordel am Dach.
Diese hatte er zuvor aus zerrissenen Matratzenüberzügen zusammengebunden. Über die Kordel wollte sich der Gefangene dann abseilen – stattdessen stürzte er und erlitt einen Bruch. In der Folge wurden die Regenrinnen mit Schutzblechen verkleidet.
Info: Die Geschichte des Villinger Gefängnisses
Das Gefängnis war im Jahr 1845 als Komplex mit dem Amtsgericht geplant worden. Die Bauarbeiten für das Amtsgerichtsgebäude begannen, wie der Geschichts- und Heimatverein Villingen schreibt, im Jahre 1847. Das unmittelbar dazugehörige, burgartig mit drei Geschossen geplante Gefängnis wurde ab 1848 gebaut. Hinsichtlich der letztlichen Inbetriebnahme liegen keine gesicherten Informationen vor.
Größere Veränderungen gab es laut Aufzeichnungen erst wieder um 1970. Die Mauer an der Bertholdstraße wurde abgerissen und aufgrund des Ausbaus der Straße näher an das Gefängnis herangerückt. Auch wurde die Mauer von 3,80 Meter auf 4,50 Meter erhöht.
Etwa zur gleichen Zeit stand zur Debatte, Amtsgericht und Gefängnis für einen größeren Gebäudekomplex abzureißen, der von der (alten) Tonhalle bis zur Fideliskirche Hotel, Parkhaus, Büros und Geschäfte beherbergen sollte. Ein Abriss wurde spätestens 1983 obsolet, als man den Gebäudekomplex unter Denkmalschutz stellte.
1987 bis 1988 wurde das Gefängnis für rund 1,8 Millionen Euro renoviert, die Inhaftierten kamen in andere Haftanstalten. Dabei wurden Duschen eingebaut, das Dach erneuert. 1995 erhielt die Anstalt Nato-Stacheldraht, 1996 wurde das Dachgeschoss für den Arbeitsbetrieb umgebaut. Seit bald zehn Jahren wird derweil ein Standort für einen Gefängnisneubau gesucht, der die JVA Rottweil mitsamt der Außenstellen, darunter Villingen, vereinen soll. Mittlerweile ist ein Bauantrag für die neue Haftanstalt im Gebiet Esch in Rottweil gestellt worden.