Die 1906 erbaute Villa Bolz am Kriegsbergturm in ihrem ursprünglichen Zustand Foto: Privat

Neuer Aspekt in der Debatte um die Zukunft der Villa Bolz am Killesberg: Der Ärztliche Direktor des Robert-Bosch-Krankenhauses, Professor Mark Dominik Alscher, schlägt vor, das vom Abriss bedrohte Gebäude als Bolz-Gedenkstätte und zugleich als Denkstätte für die digitale Zukunft zu nutzen.

Stuttgart - Was könnte die Villa Bolz neben einer Gedenkstätte für den von den Nazis ermordeten früheren württembergischen Staatspräsidenten Eugen Bolz (1881-1945) noch beherbergen? Eine wichtige Frage in Zusammenhang mit der anstehenden Entscheidung der Landesregierung, ob sie sich um einen Erwerb des Hauses am Killesberg bemüht oder nicht. Klar ist, dass eine Gedenkstätte alleine das große, dreistöckige Gebäude nicht ausfüllen würde. Befürworter eines Erhalts machen sich deshalb Gedanken um eine ergänzende Nutzung. Verschiedentlich wurde vorgeschlagen, die Villa Bolz als Lernort für demokratische politische Bildung zu nutzen. Zuletzt regte der Rektor des Karls-Gymnasiums, Dieter Elsässer, an Stuttgarter Schulen könnten wie in einer Art „fliegendem Klassenzimmer“ Geschichtsunterricht in der Villa abhalten.

Nach unserer jüngste Veröffentlichung in der Samstagsausgabe („Villa Bolz – Kretschmann entscheidet“) meldete sich der Ärztliche Direktor des Stuttgarter Robert-Bosch-Krankenhauses Professor Dr. Mark Dominik Alscher mit einem weiteren Nutzungsvorschlag zu Wort. Alscher hatte zusammen mit David Zakim, emeritierter Medizin-Professor der Cornell-Universität New York, 2008 das Deutsche Institut für digitale Medizin gegründet. Die Stiftung beschäftigt sich unter anderem mit der Frage, welche Chancen die moderne Informationstechnologie angesichts des Ärztemangels in ländlichen Gebieten bietet und wie die Qualität der ärztlichen Versorgung durch den Zugang zu digitaler Medizin sichergestellt werden kann.

„Ein Leuchtturm für die digitale Technik“

Von 2008 bis zum Verkauf der Villa 2014 hatte die Stiftung ihren Sitz in dem ehemaligen Wohnhaus von Eugen Bolz am Kriegsbergturm 44. Im Erdgeschoss wohnte bis zu ihrem Tod im Dezember 2011 die Bolz-Tochter Mechthild Rupf-Bolz; darüber war das Institut untergebracht. Unabhängig von dem Besitzerwechsel (die vier Bolz-Enkel verkauften das Gebäude 2014 an eine Stuttgarter Wohnungsbaugesellschaft) beschloss die Stiftung im vergangenen Jahr, ihren Sitz an das renommierte Karolinska-Institut in Stockholm zu verlagern.

Gedanken über die Nutzung des Gebäudes hatten sich die Professoren Alscher und Zakim frühzeitig gemacht. „Eine Idee war immer – und dabei auch an die Historie des Hauses denkend – dort einen Leuchttum für die Chancen der digitalen Nutzung anzusiedeln“, sagte Alscher unserer Zeitung jetzt. „Die Lage des Hauses mit seinen vielen Weitblicken lädt dazu ein. Das Schwimmbad hatten wir als Vortragssaal angedacht. Daraus wurde aus verschiedenen Gründen nichts.“ Angesichts der aktuellen Diskussion um die Zukunft der Villa Bolz greift Professor Alscher diese Gedanken wieder auf. „Was ich mir gut vorstellen könnte, wäre von Landesseite in dem Gebäude neben einer Gedenkstätte eine Koordinierungsstelle für digitale Chancen und Risiken in der Gesellschaft vorzusehen“, ließ er unsere Zeitung wissen. Seit etwa einem Jahr existiere in Mannheim eine Koordinierungsstelle für Telemedizin. Diese könnte in der Villa Bolz ihren Sitz finden.

CDU fordert: Kretschmann soll handeln

Alscher, der zugleich Kurator des Instituts für digitale Medizin ist, sieht das Thema jedoch nicht auf die Medizin beschränkt. Auch die Bürgerbeteiligung in einer digitalen Gesellschaft – ein besonderes Anliegen der grün-roten Landesregierung – könnte in der Villa Bolz angesiedelt werden. Seine Überlegung: „Für mich wäre der Bogen zwischen dem demokratischen Engagement von Bolz in einer Diktatur und den Chancen und Risiken der Digitalisierung gerade auch hinsichtlich eines Missbrauchs sehr gut unter einem Dach zu integrieren“. Die Immobilie wäre dann mehr als Gedenkstätte: „Sie würde Zukunftsthemen fördern und wäre gut genutzt.“ Eine zukunftsweisende Fragestellung könnte nach Ansicht von Alscher lauten: „Kann man mit moderner Informationstechnologie Diktaturen verhindern?“

Der CDU-Kreisvorsitzende Stefan Kaufmann forderte Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) am Montag auf, die Initiative aus Reihen der Stuttgarter Bürgerschaft aufnehmen: „Es kommt allzu selten vor, dass sich ein so breites, überparteiliches und parteiunabhängiges Bündnis mit dem gleichen Ziel formiert“, erklärte Kaufmann. Das Land als Nachfolger des Staates Württemberg müsse handeln und mit dem Eigentümer des Gebäudes Gespräche aufnehmen, mit dem Ziel aus Villa Bolz ein Demokratie-Denkmal zu machen.

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