Die Staatsoper Stuttgart hat ihren Spielplan für die nächste Saison bis Ende Januar vorgestellt. Es sei, betont der Intendant Viktor Schoner, kein Notprogramm. Und eine Sanierung des Opernhauses könne in Corona-Zeiten eine Konjunkturhilfe sein.
Stuttgart - Drei Monate war das Opernhaus geschlossen. Jetzt haben die Staatstheater Kurzarbeit angemeldet. Die kommende Saison wird mit Einschränkungen beginnen. Was wird im Musiktheater von der Corona-Krise bleiben?
Herr Schoner, eine Krise kann eine Chance sein. Haben Sie das in den vergangenen Monaten je so empfunden?
Nein. Sänger leben von ihrer Lunge, vom tiefen Ein- und Ausatmen. Auch Oper insgesamt lebt davon. Das ist gerade alles negativ besetzt. Natürlich haben wir Dinge gemacht, die wir sonst nicht gemacht hätten. Dass wir jetzt zum Beispiel Open Air im Hafen Paul Abrahams Operette „Die Blume von Hawaii“ aufgeführt haben oder „Trouble in Tahiti“ von Leonard Bernstein: Auf diese Ideen wäre ich ohne die Corona-Krise nie gekommen. Aber die letzten Monate waren für viele Künstler, mit denen wir zusammenarbeiten, ohne dass sie bei uns fest angestellt wären, ein Schlag in die Magengrube. Für sie ist die viel zitierte Entschleunigung gekoppelt an Existenzangst. Außerdem fallen die großen Häuser, die sonst eine gewisse Stabilität in unser Metier bringen – London, New York, Paris – gerade weg. Es war ja viel von Systemrelevanz die Rede. Niemand fragte nach Humanrelevanz, die aber Basis ist für unsere eigene Daseinsberechtigung. Dabei geht es nicht nur um die Oper, um Kunst, sondern darum, gemeinsam Geschichten erzählt zu bekommen und sich darüber auszutauschen. All das ist gut für eine Balance in der Gesellschaft.
Auch für die Gesellschaft, die draußen am Eckensee mit Krawallen ihre angestauten Aggressionen losgeworden ist?
Da halte ich es mit unserem Ministerpräsidenten: Wir müssen genau hingucken und dürfen keine voreiligen Schlüsse ziehen. Trotzdem: Wenn junge Leute drei Monate lang keine sozialen Räume hatten und noch nicht mal Fußball spielen konnten, dann geht das an ihnen nicht spurlos vorbei - und da hilft auch Netflix nicht. Die Corona-Krise hat bestehende Probleme sichtbarer gemacht.
Was können Sie daran ändern?
Natürlich sind die Jugendlichen da draußen eine andere Welt. Was zur Zeit aber schon fehlt, ist eine Durchmischung des öffentlichen Raumes durch unser Publikum und die Menschen nebendran. Gemeinsam müssen wir dafür sorgen, dass der Obere Schlossgarten ein Wohlfühlort für alle ist. Natürlich kämpfen wir seit Jahren für eine bessere Beleuchtung in Richtung Charlottenplatz und Hauptbahnhof. Aber rund um das Opernhaus gab es keine Probleme. Diese öffentlichen Räume müssen wir wertvoll für alle gestalten, so wie es der Regisseur Valentin Schwarz jetzt mit dem Staatsopernchor getan hat - nicht moralisch, sondern künstlerisch im Rahmen einer „Demonstration“, basierend auf Wagner-Chören.
Glauben Sie, dass die jungen Leute, die sich auf den Stufen des Opernhauses treffen, für die Kunstform Oper zu gewinnen sind?
Vielleicht. Aber ich glaube ohnehin, man muss größer denken. Wenn einer von denen sieht, dass das Gebäude lebendig ist, benimmt er sich davor anders, als wenn das Haus seit drei Monaten geschlossen ist.
Zurück zur Krise als Chance: Sie haben sich immerhin in der Corona-Zeit ziemlich kreative Dinge ausgedacht.
Ja, und diese Ideen kamen aus dem ganzen Haus. Das war die Schwarmintelligenz der Staatsoper Stuttgart.
Verstehen Sie das Programm zu Beginn der kommenden Spielzeit als Notprogramm?
Nein, es ist ein dramaturgisches Programm, ein richtiger Spielplan. Aber die Verantwortung für die Künstler, mit denen wir zusammenarbeiten, hat bei jeder programmatischen Entscheidung eine Rolle gespielt. Und wir haben entschieden, dass ab Herbst wieder der Littmann-Bau das Zentrum unseres Schaffens sein soll.
Worum dreht sich Ihr dramaturgisches Programm?
„Wer ist wir?“: Diese Frage steht über der ganzen nächsten Spielzeit. Ein Hintergrund ist diese AfD-Anfrage nach dem Ausländeranteil an den Staatstheatern vor einem Jahr – sie arbeitet noch immer in uns. Wir wollten jetzt aber nicht einfach noch mal präsentieren, wie international wir sind, und wir wollten auch nicht fragen, wogegen wir sind, sondern erforschen, was genau Deutschland ist, was unsere Identität. Ein weiterer Hintergrund ist das 30-Jahr-Jubiläum der deutschen Wiedervereinigung.
Ab dem 1. August dürfen 500 Leute ins Opernhaus kommen. Kriegen Sie das hin?
Wir arbeiten gerade an Sitzplänen. Und hoffen ansonsten inständig, dass das Leben ab dem 1. Januar wieder ein bisschen normaler ist.
Spüren Sie die Ängste älterer Besucher?
Wir tun im Rahmen der Corona-Sicherheitsmaßnahmen alles, um unser Publikum vor einer Infektion zu schützen. Und für die Menschen, die sich den Besuch von Live-Aufführungen noch nicht zutrauen, führen wir unser Streaming-Angebot fort, übertragen nächste Saison sogar zusätzlich die Nachgespräche. Jemand, der noch nicht zu uns kommen will, soll sich trotzdem weiterhin als unser Publikum fühlen.
Sie fahren in diesen Monaten und auch weiterhin durch die Zuschauerbeschränkungen ein riesiges Defizit ein. Wer kommt dafür auf?
Die Frage ist immer, von welcher Seite man die Dinge betrachtet. Das gewohnt hohe Einnahmesoll der Staatstheater, besonders der Oper, führt nun zu einem ebenso großen, unverschuldeten Loch im ursprünglich geplanten Wirtschaftsplan. Da die Staatstheater über die letzten zehn Jahre vorbildlich gewirtschaftet haben, können wir die Situation der vergangenen Saison aus eigener Kraft auffangen. Für die kommende Spielzeit ist das sehr viel komplexer: Wir werden aufgrund der Corona-Regeln höchstens 25 Prozent unserer Plätze belegen dürfen. Das bedeutet einen Einnahmeausfall durch Kartenerlös in Höhe von mindestens 75 Prozent. Unsere Träger, Land und Stadt, haben uns erst einmal wissen lassen, dass dieser Fehlbetrag nicht kompensiert werden würde. Da wir aber zur Vorlage eines ausgeglichenen Haushalts verpflichtet sind, auf dessen Basis der Spielplan gemacht wird, bleiben zwei Möglichkeiten: Einsparungen und Kurzarbeit. Unter Wahrung der künstlerischen Qualität werden wir also weniger Vorstellungen spielen als üblich.
Auch die Diskussion um das Thema Sanierung hätte jetzt eigentlich Fahrt aufgenommen.
Das Virus hat nichts daran geändert, dass dieses Haus dringend saniert werden muss. Jetzt schüttet die Politik Milliarden an Unterstützung für verschiedene Bereiche aus. Eine Milliarde für die Sanierung ist immer noch sehr viel Geld, aber es könnte ebenfalls eine Konjunkturhilfe sein – so hat man mal bei anderen Großprojekten im Land argumentiert, und das könnte man bei einem Kulturgebäude ebenfalls. Bisher hat sich noch kein OB-Kandidat offiziell geäußert. Aber es muss saniert werden, sonst bricht uns hier die Hütte zusammen.
Glauben Sie, dass von der Corona-Krise etwas bleiben wird?
Ja, ich denke zum Beispiel an die Filme, die Videofilmer für uns im stillgelegten Stuttgarter Flughafen gedreht haben: eine Art Madrigal-Videoclips, die wir im Dezember bei einem Musiktheaterabend vorstellen wollen. Diese Filme werden einmal Dokumente dieser Zeit sein. Es gehört auch zur Aufgabe von Kunst, an Zeiten zu erinnern, die man am liebsten vergessen würde. Deshalb werden wir auch „Cavalleria rusticana“ im Herbst genau so zeigen, wie wir sie jetzt erarbeitet haben – selbst wenn sich das Liebespaar dann womöglich umarmen dürfte.
Geht es nur um Erinnerung? Nicht auch darum, umzudenken?
Doch, aber das ist noch schwieriger. Dieser Jetset des Opernbusiness zum Beispiel wird sich nur ändern, wenn die Verantwortlichen dafür sorgen. Wenn sie also klimafreundlicher programmieren und darauf achten, dass sie ihre Sänger nicht aus allen Erdteilen einfliegen. Da war und ist das Stuttgarter Modell mit einer starken Ensemblestruktur vor Ort deutlich nachhaltiger.
Was hat Ihnen in den letzten Monaten am meisten gefehlt?
Zusammenzukommen und miteinander im Gespräch zu sein. Der stärkste Spruch für unsere Zeit stammt von Ingeborg Bachmann: „Lange allein sein macht ungerecht.“
Das Gespräch führte Susanne Benda.
Informationen
Info-Kasten:
Die ersten Stuttgarter Opernpremieren
Übernahme Der Regisseur Barrie Kosky richtet seine Berliner Inszenierung von Mozarts Zauberflöte „Corona-tauglich“ ein, Premiere: 3. Oktober. Dirigent: Hossein Pishkar.
Verschiebung Die Premiere des Doppelabends mit Mascagnis „Cavalleria rusticana“ und Salvatore Sciarrinos „Luci mie traditrici“ sollte schon im Juni stattfinden. Neuer Termin: 11. Oktober. Regie: Barbara Frey, Dirigent: Cornelius Meister.
Ersatz Anstelle der geplanten „Frau ohne Schatten“ kombiniert der Regisseur David Hermann Mahlers „Lied von der Erde“ mit Texten von Elfriede Jelinek – im halb fertigen Bühnenbild der Strauss-Oper. Premiere: 27. 10.). Dirigent: Cornelius Meister.
Coronatauglich Felix Rothenhäusler inszeniert, Marc Piollet dirigiert Jules Massenets „Werther“. Premiere: 15. November
Ravel Für einen Abend rund um „L’enfant et les sortilèges“ ist Schorsch Kamerun verantwortlich. Die musikalische Leitung hat Dennis Russell Davies. Premiere: 19. Dezember (ben)