Jeder fünfte Azubi in der Gastronomie stammt aus Vietnam. Allerdings verfügen viele von ihnen nicht über die attestierten Sprachkenntnisse. Das zeigt sich in Stuttgart.
Sie kommen mit Vertrag, Hoffnung und Zielen: eine Ausbildung in Deutschland, ein Beruf, ein neues Leben – junge Menschen aus Vietnam. Doch Berichte aus Berlin klangen jüngst beunruhigend: An der Brillat-Savarin-Schule, der größten gastgewerblichen Schule Deutschlands, fehlte plötzlich ein großer Teil der vietnamesischen Auszubildenden. Von einem Tag auf den anderen seien die Schüler einfach nicht mehr zum Unterricht erschienen – regelrecht „verschwunden“, berichteten Medien. Der Verdacht: Ausbeutung und Menschenhandel. Gibt es Ähnliches in Baden-Württemberg?
Wer in der Region Stuttgart nach Antworten sucht, landet zuerst dort, wo Abwesenheit sofort auffällt: im Klassenzimmer. An der Landesberufsschule für das Hotel- und Gaststättengewerbe in Bad Überkingen, zuständig für den Regierungsbezirk Stuttgart, machen vietnamesische Auszubildende einen großen Teil der Schüler mit Migrationshintergrund aus. Schulleiter Peter Pohlner nennt konkrete Zahlen: „Wir haben dieses Schuljahr knapp 1500 Schüler, davon 570, also ungefähr 40 Prozent, mit Migrationshintergrund.“ Und innerhalb dieser Gruppe steche Vietnam besonders hervor: „8 Prozent, also 119 Schüler, kommen aus Vietnam.“ Das sei „schon eine große Gruppe“, die in den vergangenen vier bis fünf Jahren deutlich gewachsen sei.
Der Unterricht der Azubis wird zu einer täglichen Herausforderung
Von einem massenhaften „Schwund“ vietnamesischer Schüler berichtet Pohlner nicht. „Die Auszubildenden, die uns gemeldet werden, die kommen in der Regel auch“, sagt er. Und doch reichen die in Berlin beobachteten Auffälligkeiten bis in die Region Stuttgart: Viele der vietnamesischen Auszubildenden verfügen über ein B1-Sprachzertifikat, sprechen jedoch kaum Deutsch – dieses Zertifikat ist aber Voraussetzung für ein Ausbildungsvisum. „Nach unserer Erfahrung erfüllen viele Schüler dieses B1-Niveau definitiv nicht“, sagt Pohlner.
Die Folge: Der Unterricht werde zu einer täglichen Herausforderung für Schüler und Lehrer. Die Schule reagiere mit Sprachförderung, organisiere zusätzliche Kurse. In diesem Schuljahr habe man vom Ministerium Mittel für sechs zusätzliche Sprachkurse genehmigt bekommen, erklärt Pohlner. Die Auszubildenden könnten im Blockunterricht „jede Woche zusätzlich noch mal zwei Stunden Deutschunterricht“ besuchen.
Doch oftmals mangele es an Unterstützung der Ausbildungsbetriebe, weiß Olga Heiser zu berichten. Sie ist Ausbildungsmanagerin an der Gewerblichen Schule im Hoppenlau in Stuttgart und begleitet neu zugewanderte Auszubildende auf dem Weg zum Berufsabschluss. „Viele Betriebe sind bereit, Auszubildende aus Vietnam einzustellen“, sagt sie. „Aber längst nicht alle sind bereit, ihnen Zeit für die Sprachförderung zu geben.“ Auch an der Stuttgarter Berufsschule zeigt sich, dass die tatsächlichen Deutschkenntnisse der Auszubildenden oft hinter den Angaben zurückbleiben. „Rund drei Viertel bestehen den anfänglichen Sprachtest nicht“, sagt Heiser. Viele lägen sprachlich eher auf A2- statt auf B1-Niveau und könnten selbst einfache Fragen kaum beantworten. Dass die Sprachzertifikate vorab illegal erworben werden, hält Heiser für gut möglich. Nachprüfen lasse sich das kaum.
Rolle der sogenannten „Sprachschulen“ ist schwer durchschaubar
Erst vor wenigen Monaten hat die Bundespolizei Stuttgart unter anderem zwei Sprachschulen wegen eines solchen Verdachts durchsucht. Die Prüflinge sollen die Prüfungen in den Sprachschulen abgelegt haben – danach wurden die Ergebnisse mutmaßlich manipuliert. Anschließend seien die korrigierten Prüfungsergebnisse laut Bundespolizei an ein Prüfungsunternehmen übermittelt worden, das die Sprachzertifikate ausstellte. Die Fälle häufen sich – in den vergangenen zwölf Monaten zählte das Landeskriminalamt in Baden-Württemberg eine mittlere dreistellige Zahl an Fällen gefälschter Sprachzertifikate, wie eine Sprecherin auf Nachfrage mitteilt.
Die Rolle der „Sprachschulen“ bleibt dabei schwer zu durchschauen. Diese organisieren Deutschkurse im Herkunftsland – und kümmern sich scheinbar auch um den Weg in die konkreten Ausbildungsbetriebe. Doch offenbar endet ihre Zuständigkeit hier noch nicht. Ausbildungsmanagerin Olga Heiser erinnert sich an einen Vorfall, der ihr bis heute zu denken gibt. Eine Auszubildende hatte beim schulischen Sprachtest deutlich schlechter abgeschnitten, als ihr B1-Sprachzertifikat hatte erwarten lassen. Die Ausbildungsmanagerin informierte daraufhin den Ausbildungsbetrieb, der sich wiederum an jene Stelle wandte, über die die junge Frau nach Deutschland gekommen war. Eine Einrichtung, die sich auf ihrer Homepage als Sprachschule bezeichnet, und laut Impressum in Leipzig sitzt.
Von dort habe der Betrieb sinngemäß die Antwort erhalten, der schulische Sprachtest sei „etwas Ausgefallenes“ und wenig aussagekräftig. Die Auszubildende habe ein sehr gutes B1 absolviert und könne das jederzeit wieder machen – für den Betrieb bestünde also kein Grund zur Sorge. Den E-Mail-Verlauf sah Heiser nur durch Zufall ein – er war einer Mail des Betriebs an die Schule angehängt. Für Heiser zeigt sich darin ein strukturelles Problem: In der Praxis würden für Betriebe oft nur die Zertifikate zählen, während die Schule mit den tatsächlichen Sprachkenntnissen im Unterricht konfrontiert sei.
Gastronomie: 20,5 Prozent vietnamesische Auszubildende
Wie groß die Bedeutung vietnamesischer Auszubildender im Südwesten inzwischen ist, zeigen Zahlen des Hotel- und Gaststättenverbands Dehoga Baden-Württemberg. In der Gastronomie machen vietnamesische Auszubildende inzwischen rund 20,5 Prozent aus, in der Hotellerie und Beherbergung 8,5 Prozent.
Damit stellen Vietnamesinnen und Vietnamesen in diesen Branchen den größten Anteil unter den aus dem Ausland stammenden Auszubildenden – und sind längst zu einer tragenden Säule geworden in einer Branche, die seit Jahren händeringend Nachwuchs sucht.
Dehoga: Mehr positive Berichte als Hinweise auf Schwierigkeiten
Die Schlagzeilen über verschwundene vietnamesische Auszubildende in Berlin sind wenig überraschend auch dem Hotel- und Gaststättenverband zu Ohren gekommen. Daniel Ohl vom Dehoga in Stuttgart erklärt jedoch: „Wir wissen nichts von auffälligen Erscheinungen nach der Art von Berlin bei uns im Land“. Einzelfälle könne es immer geben, aber ein Muster sei bislang nicht erkennbar. Stattdessen betont er: „Wir haben, ohne dass wir es jetzt mit belastbaren Zahlen unterlegen können, aus dem Bereich der vietnamesischen Azubis mehr positive Berichte als Berichte von Schwierigkeiten.“
Und doch gibt es diese. Sowohl Peter Pohlner, Schulleiter an der Landesberufsschule für das Hotel- und Gaststättengewerbe in Bad Überkingen, als auch Andreas Baitinger, der die Gewerbliche Schule im Hoppenlau leitet, bestätigen, dass es an ihren Schulen immer mal wieder Hinweise und „Gerüchte“ gebe, dass es in „vereinzelten Betrieben nicht so gut“ laufe. Schlussendlich sind die Möglichkeiten der Schulen jedoch begrenzt. „Die Azubis sind zu 80 Prozent ihrer Ausbildungszeit im Betrieb und nur zu 20 Prozent an der Schule“, sagt Pohlner. Die Berufsschule könne deshalb „letztendlich auch nur 20 Prozent des Problems lösen“.
Die Situation der vietnamesischen Auszubildenden in der Region Stuttgart
Arbeitsbedingungen
Überstunden seien ein wiederkehrendes Thema, sagt Olga Heiser von der Gewerblichen Schule im Hoppenlau in Stuttgart. Von Zeit zu Zeit würden sich Auszubildende damit an sie wenden – doch meist bleibe es bei einem einmaligen Gespräch. „Viele kommen kein zweites Mal.“ Auffällig sei, dass vietnamesische Auszubildende Konflikte eher untereinander klären würden. „Sie halten stark zusammen, bilden Grüppchen.“ Das könne ihnen helfen, durch die Ausbildung zu kommen – erschwere aber, Missstände sichtbar zu machen.
Wohnsituation
Häufig würde den vietnamesischen Auszubildenden laut Heiser ein WG-Zimmer organisiert – entweder von der sogenannten Sprachschule, die sie vermittelt hat, oder direkt vom Betrieb. Das sei einerseits ein Vorteil, wie die Ausbildungsmanagerin sagt. Andererseits schaffe das neue Abhängigkeiten. „Wenn jemand den Betrieb wechseln will, steht sofort die Frage im Raum: Wo wohne ich dann?“ Für manche werde das zum Grund, trotz Problemen im Betrieb zu bleiben.
Mittel
Das Azubi-Gehalt allein reiche den Auszubildenden kaum aus, um den Lebensunterhalt zu bestreiten, so Heiser. Viele würden deshalb zusätzlich in Restaurants ihrer Landsleute jobben, um ihr Einkommen aufzubessern. Arbeitskräfte aus dem Ausland zahlen zudem häufig hohe Summen für die Vermittlung und die Reise nach Deutschland. Zumindest von indischen Auszubildenden wisse sie, dass die Kosten zwischen 6000 und 8000 Euro liegen. Bei den Vietnamesen würden ihr keine genauen Zahlen vorliegen – „gut möglich, dass die Kosten hier ähnlich hoch sind“, sagt Heiser.