Manche Viertklässler haben die Matheaufgaben bei Kompass 4 zum Weinen gebracht. Was die Schüler rechnen mussten, und was über Testkonzept und Bewertung bekannt ist.
Sicher sind unter den fast 100 000 Viertklässlern, die den Kompass 4-Test in Mathematik geschrieben haben, auch einige, die Ida und Alex heißen. Vielleicht haben sie sich gefreut, dass sie in der allerletzten Aufgabe auf zwei Comicfiguren mit ihren Vornamen gestoßen sind. Ob sie die Aufgabe lösen konnten? Nachdem das Kultusministerium erklären musste, dass 86 Prozent der landesweit getesteten Schüler bei dieser Prüfung nur Hauptschulniveau erreicht haben, sind Zweifel berechtigt.
Die Aufgabe geht so: Ida hat zwei Zahlen ausgesucht. Werden sie addiert, kommt 100 heraus. Der Unterschied zwischen den beiden Zahlen ist 10. Aus diesen wenigen Angaben muss Idas Kumpel Alex ermitteln, welches die beiden Zahlen sind. Die Lösung: 45 und 55. Beide Zeichentrickfiguren gucken fröhlich in die Welt. Dass das bei vielen Kindern nicht mehr so war, als sie auf der letzten Seite des Mathetests angekommen waren, ist inzwischen aus einer Umfrage der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft mit Berichten über Tränen und Verunsicherung bei vielen Viertklässlern bekannt.
Wo findet man die Mathe-Aufgaben?
Die Aufregung bei Eltern und Lehrkräften groß. Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) hat die Flucht nach vorne angetreten und den aktuellen Test als ungeeignet eingestuft, die tatsächlichen Schülerleistungen zu erfassen. „Davon ist bei so schlechten Werten nicht auszugehen“, hat sie erklärt. Inzwischen hat sie für Transparenz gesorgt, sodass das Institut für Bildungsanalysen Baden-Württemberg (IBBW) die Kompass 4-Aufgaben für Mathematik und – auch das zweite Fach Deutsch – auf seiner Homepage veröffentlicht hat. Die Aufmerksamkeit für die landesweite Prüfung ist so groß, weil sie eigentlich ein Baustein der neuen Grundschulempfehlung sein soll, die im Fall des Gymnasiums bindend ist. Kompass 4 entscheidet mit über die weitere Schullaufbahn. Insgesamt mussten die Kinder 22 Aufgaben in 45 Minuten lösen.
Was sagen Forscher zum Testkonzept?
Aus der Luft gegriffen sind die Aufgaben nicht. In der vierten Klasse geht es in Mathematik um „Zahlen und Operationen, Raum und Form, Größen und Messen, Daten, Häufigkeit und Wahrscheinlichkeit“, heißt es auf der Internetseite des IBBW. Grundlage für den Unterricht und damit auch für den Test sind der baden-württembergische Bildungsplan und die bundesweit gültigen Bildungsstandards in Deutsch und Mathematik. Der Test prüft mithin, was im Unterricht dran ist.
Wie wird korrigiert und bewertet?
Laut IBBW ist der jeweilige Fachlehrer an landesweit einheitliche Korrekturhinweise und Bewertungsmaßstäbe gebunden. Schüler bekommen im Kompass-Test laut Kultusministerium eine Empfehlung fürs Gymnasium, wenn sie im Durchschnitt der beiden Fächer Deutsch und Mathematik mindestens siebzig Prozent der Aufgaben richtig gelöst haben. Die Mindestanforderung in jedem Fach einzeln liege bei sechzig Prozent. In Noten umgerechnet entspreche bei Kompass 4 das gymnasiale Leistungsniveau in jedem Fach der Note 2,5 oder besser.
Verwirrend ist, dass diese Werte sich nicht mit den Angaben zu pädagogischen Gesamtwürdigung der Schülerleistung decken, die ein weiterer Baustein der Grundschulempfehlung ist: Laut Ministerium werden für eine Grundschulempfehlung für das Gymnasium eine Mindestanforderung von Drei in jedem Fach und eine eine Durchschnittsnote von 2,5 in den beiden Kernfächern genannt. Demnach wären die fachspezifischen Anforderungen im Kompass-Test eine halbe Note höher.
Um eine Empfehlung für die mittlere Schullaufbahn zu erhalten, müssen die Schüler bei Kompass 4 in Deutsch und Mathe im Schnitt sechzig bis siebzig Prozent der Aufgaben richtig lösen, was einer Note zwischen 2,6 und 3,0 entspricht. Für Schüler, die weniger als sechzig Prozent der Aufgaben richtig gelöst haben ( Note 3,1 oder schlechter) ist laut Ministerium ein grundständige Schullaufbahn empfehlenswert.
Wie kam es zu der Schieflage beim Test?
Bisher gibt es im Grunde nur Mutmaßungen: Dass die Aufgaben zu schwer, die Zeit zu kurz, der Bewertungsmaßstab zu anspruchsvoll gewesen sei, dass für Kinder mit Deutschproblemen der Textanteil zu hoch gewesen sei, oder eine Mischung aus allem die Misere ausgelöst habe. Das Ministerium betont, dass die Ergebnisse von Kompass 4 insgesamt erst im Februar vorliegen. Eine Ursachenanalyse könne seriös erst anhand der dann vorliegenden Daten erfolgen.
Welche Faktoren gibt es noch?
Naheliegend ist, dass dabei auch das generell schlechte Matheniveau der Kinder eine Rolle gespielt hat. Denn ein Leistungsproblem in Mathe gibt es im Südwesten: Die Viertklässler, die jetzt die Kompass-Aufgaben lösen mussten, haben vor einem Jahr einen Lernstandstest (Vera 3) in Mathe absolviert: Mit 45 Prozent lag fast die Hälfte in Mathe nur auf oder sogar unter dem Mindestniveau. Der Jahrgang, der eine Klassenstufe höher ist, hat bei einem landesweiten Test in diesem Jahr (Lernstand 5) bei den Grundrechenarten nur mäßige Leistungen erbracht: 47 Prozent der Fünfklässler braucht laut dieser Studie besondere Unterstützung beim Subtrahieren, um das aktuelle Anforderungsniveau der fünften Klasse zu bewältigen. Beim Multiplizieren sind es 42 Prozent, beim Dividieren sogar sechzig Prozent. Gut genug sind die Grundschüler im Land in Mathe also nicht.
Internationaler Mathematik-Vergleich
Deutschland
Beim jüngsten internationalen Mathe-Vergleich (Timss) mit 58 Staaten, liegen die deutschen Viertklässler klar über dem internationalen Durchschnitt und gleichauf mit den Altersgenossen in der EU. Verschlechtert haben sie sich im Vergleich zur vorherigen Studie nicht – was wegen der Coronabedingten Schulschließungen eine gute Nachricht ist. Aber: Beim aktuellen Mathetest verfehlte jeder vierte Schüler (25.1 Prozent) die Kompetenzstufen 1 und 2 und damit das Niveau, mit dem die Schüler dem Unterricht in der weiterführenden Schule ohne weiteres folgen können. „Mathematisches Lernen in der Sekundarstufe wird dieser Schülergruppe erhebliche Schwierigkeiten bereiten“, heißt es in der Studie. Die Abkürzung Timss steht für: Trends in International Mathematics and Science Study.
Vergleichbarkeit
Eine Auswertung, wie Baden-Württembergs Viertklässler bei Timss abgeschnitten haben, gibt es nicht. Interessant ist der Blick auf die Studie trotzdem auch aus Landesperspektive. Die Timss-Aufgaben fusst zwar auf internationalen Bildungserwartungen und nicht auf den bundesweit geltenden hiesigen Bildungsstandards. Deshalb sind die Ergebnisse nicht eins zu eins vergleichbar. Allerdings verwenden die Schulforscher hier wie da die gleiche fünfstufige Bewertungsskala: Unter Mindeststandard (1), Mindeststandard (2), Regelstandard (3), erweiterter Regelstandard (4) und Spitzenstandard (5).