Völlig aufgedreht: Der Nationalspieler Jamal Musiala will auch gegen Spanien wieder jubeln. Foto: Baumann/Julia Rahn

An diesem Freitag treffen im Viertelfinale Deutschland und Spanien aufeinander. Es ist das Duell der beiden besten Teams der EM. Ein Vergleich vor der Begegnung in Stuttgart.

Für viele Fachleute und Fans ist es das vorweggenommene Endspiel: Deutschland gegen Spanien. Doch die beiden Fußballnationen treffen bei der EM bereits im Viertelfinale an diesem Freitag (18 Uhr/ARD) in Stuttgart aufeinander. Dabei stehen sich die zwei bisher besten Mannschaften des Turniers gegenüber – der Bundestrainer Julian Nagelsmann mit seinem reformierten Team, das bislang das Publikum mitgerissen hat, und der Nationalcoach Luis de la Fuente mit seiner neuen Auswahl, die sich als Pass- und Pressingmaschine präsentiert hat. Ein Vergleich.

 

Trainer Julian Nagelsmann hat bisher ein gutes Gespür bewiesen – für das Personal, die Strategie, die Emotionalität. Dabei geht das Rollenkonzept des Bundestrainers auf. Er hat jedem Spieler vor dem Heimturnier verdeutlicht, was er von ihm erwartet und wo sein Platz im Kader ist. Zu den Stars kamen so die Herausforderer und Arbeiter. „Das Ganze ist aber nicht in Stein gemeißelt“, sagt Nagelsmann. Schon allein deshalb, weil er das Leistungsprinzip nicht außer Kraft setzen will. War die Stammelf in der Vorrunde gesetzt, hat sie der Bundestrainer gleich im ersten K.-o.-Spiel angepasst.

Luis de la Fuente war vor seiner Beförderung Nachwuchscoach beim spanischen Verband – und deshalb nur den vielen Spielern ein Begriff, die mit ihm Juniorentitel gewonnen hatten. Mittlerweile hat sich der Nationaltrainer einen Namen gemacht, da er das Tiki-Taka weiterentwickelt und um Zielstrebigkeit ergänzt hat. De la Fuente steht meist am Spielfeldrand, flippt jedoch selten aus. Dafür gab es auch kaum einen Grund.

Torwart Manuel Neuer hat rechtzeitig seine Turnierform erreicht. Die Torhüterdebatte, die Deutschland kurzzeitig ereilt hatte, ist keine mehr. Der 38-Jährige ist nun der deutsche EM-Rekordspieler, vor allem aber wieder zuverlässig. Im Achtelfinale gegen Dänemark war Neuer mehrfach zur Stelle, als er benötigt wurde. Zweimal hat er nun schon zu null gespielt und erst zwei Gegentore zulassen müssen. Für Neuers Geschmack sind das natürlich zwei zu viel.

Rein statistisch ist Unai Simon besser. Der spanische Schlussmann hat erst ein Gegentor hinnehmen müssen – und das war ein Eigentor von Robin Le Normand. Doch Simon umweht keine Aura wie Neuer. Der 27-Jährige von Athletic Bilbao ist explosiv und schnellkräftig, was sich in glänzenden Paraden zeigt. Allerdings ist Simon auch für punktuelle Patzer gut. Gerne positioniert er sich weit vor dem Tor, um in das Ballbesitzspiel einbezogen zu werden. Das gibt es jedoch nicht ohne Risiko.

Abwehr In Spanien halten sie Antonio Rüdiger für ein Verteidigungsmonster. Sie nennen ihn schon mal „El Loco“, den Verrückten, weil der 31-Jährige von Real Madrid den Stürmern mit seiner Körperlichkeit und Aggressivität mächtig zusetzt. Rüdiger selbst gefällt diese Rolle. Zuletzt hat er sie voller Emotionalität gegen Dänemark ausgelebt. In solchen Augenblicken ist es gesünder, Rüdigers Weg nicht zu kreuzen.

Als Schwachpunkt in der Innenverteidigung wird – in der spanischen Wahrnehmung – Jonathan Tah gesehen. Doch der 28-Jährige spielt stark. Tah ist nach einer Gelbsperre wieder dabei. Herausfordernd wird die Sache für die Außenverteidiger. Joshua Kimmich (gegen Nico Williams) und David Raum (gegen Lamine Yamal) müssen die Flügeltänzer in den Griff bekommen.

Auf spanischer Seite halten sie Angriff für die beste Verteidigung. Dani Carvajal und Marco Cucurella stürmen ständig über die Außenpositionen mit. Dahinter ergeben sich Räume für Konter, aber dafür müssten sie erst den Ball verlieren. Robin Le Normand und Aymeric Laporte rücken im Abwehrzentrum mit auf. Sie sind gut, aber nicht sehr gut – und sie sind nicht die Schnellsten. Das bringt Probleme bei der Konterabsicherung, zumal das Timing nicht immer passt, wann sie herausschieben oder tief stehen sollen. Ein wunder Punkt. Allerdings ist es gegen das spanische Pressing nicht leicht, die Innenverteidiger in Laufduelle zu zwingen.

Mittelfeld Das Spiel wird in der Mitte entschieden, meint Toni Kroos. Es ist davon auszugehen, dass die Spanier versuchen, den königlichen Dirigenten von Real Madrid zuzustellen, um die Kontrolle zu erhalten. „Es sind beides Mannschaften, die den Ball haben wollen. Entscheidend wird jedoch sein, wie wir mit den Phasen umgehen, in denen wir den Ball nicht haben“, sagt Kroos.

Taktisch stellt sich die Frage, ob der Bundestrainer Julian Nagelsmann für die Deutschen die eher spanische Variante mit Florian Wirtz wählt oder erneut auf Leroy Sané setzt, der im Idealfall mehr Tempo und Tiefe in die Offensive einbringt. Unberührt davon bleibt, dass Jamal Musiala mit seinen Dribblings verzücken und verzaubern soll. Das größte Kunststück, das der 21-Jährige bisher vollbracht hat, ist seine Torausbeute: drei Treffer. Das ist ein neues Ausmaß an Effektivität, zu dem auch Ilkay Gündogan beiträgt. Sofern der Kapitän nicht damit beschäftigt ist, das eigene Spiel zu finden.

Ja, was soll man noch über das spanische Mittelfeld sagen? Es wurden schon zahlreiche Elogen verfasst. Die Spieler sind unglaublich passsicher. Selbst auf engstem Raum passen sie scharf und präzise, als sei es das Selbstverständlichste der Welt. Immer in dem Gedanken, nach vorne zu kommen. Die Schlüsselfigur stellt Rodri dar. Er muss schon ausrutschen, damit ihm der Ball vom Fuß geht. Dennoch ergeben sich Räume für den Gegner, vor allem hinter Pedri und Fabian Ruiz, wenn diese aus dem Mittelfeld nach vorne stoßen. Der lange verletzte Pedri hat bisher noch nicht voll überzeugt. Für Spanien ist das jedoch kein großes Problem, da sie als Alternative den Leipziger Dani Olmo und auch sonst eine breite Bank haben.

Angriff Kai Havertz oder Niclas Füllkrug – das war die Frage, die anfangs das deutsche Fußballvolk beschäftigte. Eine Scheindebatte, wie sich erwiesen hat. Havertz bleibt im Zentrum des Sturms, Füllkrug der Joker. Das hat sich bewährt. Vorerst. Man kann ja nie wissen, ob dem Bundestrainer plötzlich eine Idee kommt, die alles verändert. Unabhängig vom Ideenreichtum eines Julian Nagelsmann braucht Havertz als einzige Spitze Unterstützung aus dem Mittelfeld und von den Außenpositionen. Gefordert sind da vor allem Jamal Musiala und Ilkay Gündogan, die als Zehner firmieren und gerne in den spanischen Strafraum eindringen dürfen.

Der spanische Angriff steht ganz im Zeichen der jugendlichen Wunderdribbler Lamine Yamal (16) und Nico Williams (21). Sie sind stark im Eins-gegen-eins und aufgrund ihrer Finten und Schnelligkeit nur schwer zu verteidigen. Die Flügelspieler verstehen sich dabei nicht als Flankengötter. Sie ziehen gerne nach innen, suchen den Weg zum Tor und den Abschluss. Ihre Bedeutung für das Team zeigt sich auch daran, dass sie die Freistöße schießen.

Im Zentrum lauert Alvaro Morata. Bisher hat der Kapitän jedoch wenig Bindung und noch keine EM-Partie über 90 Minuten bestritten. Ein Tor hat der 31-Jährige dabei erzielt. Nicht viel für den Mittelstürmer eines Turnierfavoriten, aber das spanische Spiel ist ja nicht darauf ausgelegt, über einen Zielspieler zum Erfolg zu kommen.

Fazit Ein enges Ding. Die Spanier scheinen nach ihrem Umbruch stabiler. Doch die deutsche Nationalelf kann über sich hinauswachsen und vieles über Emotionalität ausgleichen. Die heimischen Fans stärken sie zudem. Sagen wir, ein 51:49-Prozent-Spiel mit hauchdünnem Vorteil für Spanien.