Tanja Breitenbücher (links) und Michael Kienzle von der Stiftung Geißstraße haben die Erinnerung an die Menschenrechte in Stuttgart organisiert. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Die Aktion „Vielfalt – 0711 für Menschenrechte“ ist die größte Stuttgarter Bürgerinitiative der letzten Jahre gewesen. An diesem Montag geht sie zu Ende. Doch die Initiatoren denken schon weiter.

Stuttgart - Mit einem Festvortrag der Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann im Stuttgarter Stadtpalais geht an diesem Montag eine der größten Bürgeraktionen der vergangenen Jahre zu Ende. Mehr als 220 Institutionen haben sich der Initiative „Vielfalt – 0711 für Menschenrechte“ angeschlossen, um an die universelle Bedeutung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte zu erinnern, die am 10. Dezember 1948 in Paris verabschiedet wurde. Die Stuttgarter Zeitung hat aus diesem Anlass in den vergangenen fünf Wochen alle 30 Artikel der UN-Menschenrechtscharta nachgedruckt, den letzten in dieser Ausgabe. Im Innenstadtbüro unserer Zeitung an der Geißstraße 4 sind diese Grundrechte ebenfalls nachzulesen – frei zugänglich auf den Fensterscheiben installiert.

„Ich habe die Veranstaltungen nicht gezählt, die in unserem Namen stattgefunden haben“, sagt Michael Kienzle von der Stiftung Geißstraße. Zusammen mit Peter Grohmann von den Anstiftern hat der frühere Stadtrat der Grünen und Redenschreiber von Ministerpräsident Winfried Kretschmann die Aktion initiiert.

Die Vernetzung der Institutionen hat funktioniert

Was daraus geworden ist, begeistert den Freund der politischen Basisarbeit regelrecht: „Es hat sich ein Myzel gebildet, von dem aus an allen möglichen Orten zu allen möglichen Zeiten von allen möglichen Institutionen alle möglichen Veranstaltungen wie Pilze aus dem Boden geschossen sind.“ Dass diese Vernetzung – von den Theatern über die Kirchen, Vereine und Verbände bis zu vielen Parteien (unter anderem SPD, FDP, Freie Wähler, Grüne und Linke) – gelungen sei, halte er für den größten Erfolg der Initiative.

Entsprechendes Lob kassiert Kienzle auch von seinem Parteifreund Fritz Kuhn aus dem Rathaus. Er begrüße es, dass in Stuttgart die Initiative ergriffen wurde, um für die Menschenrechte zu werben, sagt der Oberbürgermeister: „Mit den Menschenrechten sind auch Werte wie Toleranz, das Bemühen um Verständigung und ein faires Miteinander verknüpft.“ Da diese Werte heute gefährdet seien, „sollte man Flagge zeigen und sich für die Werte engagieren, die eine Demokratie zu einer wirklichen Demokratie machen“, so Kuhn.

Aleida Assmann spricht über Menschenrechte und Menschenpflichten

Dies wird auch das Thema von Aleida Assmann sein. Für ihre Haltung und ihre Publikationen mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet, wird die Wissenschaftlerin bei ihrem Gastspiel im Stuttgarter Stadtpalais über das kulturelle Gedächtnis, das Erinnern und das Vergessen sprechen. Ihr Credo: „Die vor 70 Jahren proklamierten Menschenrechte werden nur dann verwirklicht, wenn jede Person auch Pflichten übernimmt; wenn Empathie, Gewaltlosigkeit, Solidarität und Schutz der Schwachen im Alltag gelebt werden.“

Diesen universellen Ansatz will auch Michael Kienzle weiterverfolgen. „Wir werden uns im Januar zusammensetzen und überlegen, wie wir die Aktion ausweiten. 0711 ist ja auch die Vorwahl von Esslingen“, sagt der Initiator der Bürgerbewegung. Und: „Es war eine große Ermutigung, zu sehen, dass wir mit unserer Furcht, dass die Menschenrechte den Bach runtergehen, nicht alleine sind.“

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