Dagmar Braun im Toberaum der Villa 103, einer Tagesgruppe in Schorndorf Foto: /Gottfried Stoppel

Das Coronavirus bedeutet für viele Kinder, die in Familien mit schwierigem Umfeld leben, eine zusätzliche Belastung. Für die Jugendhilfe ist es schwierig, diese Mädchen und Jungen zu erreichen.

Waiblingen - Wenn Kinder und Jugendliche Unterstützung der Evangelischen Gesellschaft (Eva) brauchen, liegt das in der Regel an einer schwierigen Familiensituation: Häufig sind die Eltern von Arbeitslosigkeit oder Krankheit betroffen, oft kommt es zu Gewalt oder Missbrauch. „Durch Corona werden diese sehr belasteten Seelen noch stärker belastet“, sagt Dagmar Braun. Sie leitet bei der Eva die Abteilung Hilfen für Kinder, Jugendliche und Familien in der Region, welche an mehr als 13 Standorten im Rems-Murr-Kreis rund 200 junge Menschen und deren Familien betreut.

Braun hat zusammengetragen, was die derzeitige Situation für ihre Schützlinge bedeutet: „Mein Papa gehört zur Risikogruppe, ich trage eine Maske und desinfiziere mich ständig, aber ich habe Angst“, erzählt ein 16-Jähriger. Schlimm ist die Situation auch für einen zehn Jahre alten Jungen: „Ich habe mit meinem Bruder ein Zimmer, wir dürfen nicht raus, das ist furchtbar.“ „Ich steh mittags auf und kann nachts nicht schlafen“, erzählt ein zwölfjähriges Mädchen. Eine Elfjährige vermisst die Schule: „In der Schule verstehe ich manches besser als hier beim Lernen.“

Jüngere Kinder leiden extrem unter mangelndem Kontakt

„Die Eskalationen nehmen zu“, hat Braun beobachtet. Den Kindern und Jugendlichen zu helfen, sei durch die Schulschließungen und andere Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie allerdings deutlich schwieriger geworden.

In den stationären Einrichtungen der Eva sind Besuche nicht mehr erlaubt, die zum Teil traumatisierten Jungen und Mädchen können ihre Freunde nicht treffen. Auch die Kontakte zu den Eltern wurden stark eingeschränkt. „Viele Eltern gehören zur Risikogruppe“, erklärt Braun. Gerade die jüngeren Kinder litten extrem darunter. Als Ausgleich seien die Betreuer mit ihren Gruppen in den vergangenen Wochen häufig raus in die Natur gegangen – „damit sie ihre Energie rauslassen können“, sagt Dagmar Braun.

Damit in den stationären Einrichtungen der Jugendhilfe Homeschooling stattfinden konnte, sei eine umfangreiche Umorganisation des Personals notwendig gewesen. So arbeiteten beispielsweise Mitarbeiter der Schulsozialarbeit jetzt im stationären Bereich, berichtet die Abteilungsleiterin. Zugleich gibt es Kollegen, die in Quarantäne mussten und solche, die selbst zur Risikogruppe zählen. „Dieser Dauerkrisenstatus ist anstrengend, meine Mitarbeiter werden müde. Ich kann die Leute nicht verheizen“, sagt Dagmar Braun.

„Abschlüsse sind nicht wichtiger als Kinderschutz“

Auch die ambulante Jugendhilfe gestalte sich schwierig. „Wir erreichen in den ambulanten Hilfen alle Familien, aber der Zugang zu den Kindern und Jugendlichen, die jetzt akut Unterstützung benötigen und noch nicht in Hilfen sind, ist erschwert“, so Braun. Häufig komme der Kontakt über die Kita oder die Grundschule zustande, wenn Erzieher oder Lehrer bemerken, dass etwas nicht in Ordnung ist. Doch seit diese Einrichtungen geschlossen sind, gebe es kaum noch Rückmeldungen. Daher kritisiert die Abteilungsleiterin der Eva, dass die Schulen zuerst für die Abschlussklassen geöffnet wurden: „Dass Abschlüsse wichtiger sind als Kinderschutz, ist unverständlich.“ Ihrer Meinung nach sollten die Kinder so schnell wie möglich wieder zurück in die Schule – „und wenn es nur zwei oder drei Mal die Woche ist“.

Zwar berate die Eva nun verstärkt am Telefon und habe auch eine Krisenhotline eingerichtet, doch viele Familien schämten sich anzurufen. „Für die Eltern ist der Griff zum Telefon extrem schwer. Wir gehen davon aus, dass sich derzeit deshalb einiges anstaut“, sagt Dagmar Braun. Grundsätzlich sei Jugendhilfearbeit Beziehungsarbeit – und diese lasse sich am besten im persönlichen Kontakt leisten. „Das Vertrauen ins Gegenüber ist für die Betroffenen extrem wichtig. Eigentlich ist es in der Jugendhilfe nicht vorstellbar in Quarantänesituationen mit Schutzausrüstung zu arbeiten. Durch den Mundnasenschutz sieht man das Gesicht, die Mimik nicht richtig“, so Braun.

Kreativität und Kooperation

Trotz allem gebe es auch Positives in dieser herausfordernden Situation: Für manche Kinder sei es gut, wenn der Druck der Schule wegfällt. „Sie möchten lieber von uns beschult werden, zum Beispiel, weil ihnen das Lernen schwerfällt“, erklärt Braun. Sie findet es zudem toll, dass in den Betreuungsgruppen viel Kreativität – etwa bei der Freizeitgestaltung – freigesetzt wurde. Und mit vielen Eltern funktioniere der Kontakt über Telefon trotz allem – „sie machen gut mit“, berichtet die Abteilungsleiterin der eva. Auch vom Kreisjugendamt komme viel Unterstützung. Dennoch: „Die Corona-Pandemie bringt Jugendliche und Betreuer oft an den Rand der Belastbarkeit.“

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