Viele Anlageopfer klagen Die Rosinenpicker der Finanzwelt

Von Petra Otte 

Ein Kleinanleger wurde um seine Ersparnisse betrogen. Er klagt auch gegen den Finanzvertrieb.

Stuttgart - Diesen Montag wird der Stuttgarter Manfred Wegner (Name geändert) nicht vergessen. 15 Jahre nunmehr kümmert sich die Deutsche Vermögensberatung (DVAG) um die Finanzen Wegners, dann konnte der 49-Jährige seinen Vermögensberater plötzlich nicht mehr erreichen. Aus dem Verdacht, mit seinen Anlagen könne etwas nicht in Ordnung sein, wurde an einem Montag Gewissheit: An dem Tag hat der Stuttgarter stundenlang mit der DVAG in Frankfurt telefoniert, „danach habe ich geheult“, sagt er. Von rund 22.000 Euro, die er als zusätzliche Altersvorsorge angespart hatte, waren wenige Cent übrig.

Seinen Berater hat Wegner danach persönlich besucht, sein Geld hatte der Mann da längst ausgegeben. Und nicht nur die 22.000 Euro des 49-Jährigen: Die Staatsanwaltschaft Stuttgart ermittelt wegen Verdachts auf Betrug gegen den Vermögensberater aus Ostfildern, mindestens 20 Personen im Großraum Stuttgart soll er um insgesamt rund 300.000 Euro geprellt haben. Die Ermittlungen dauern an, die DVAG hat die Geschäftsbeziehung zu dem Beschuldigten nach Bekanntwerden der Vorfälle beendet. Wegners Verlust will sie nicht erstatten, seinem Anwalt hat der Konzern mitgeteilt, dass der DVAG weder ein strafrechtlich relevantes Verhalten des Vermittlers noch von ihm ausgestellte Bestätigungen zugerechnet werden könnten. Begründung: Wegners Berater habe als selbstständiger Handels­vertreter Finanzprodukte vermittelt.

Was wie eine Ausrede klingt, ist ein Streit, der die deutsche Justiz regelmäßig beschäftigt. Vereinfacht gesagt geht es um die Frage, ob Vermögensberater und Versicherungsvertreter als Repräsentanten ihrer Unternehmen oder auf eigene Rechnung handeln. Dies ist vor allem dann interessant, wenn ein Berater Geld veruntreut hat und der geprellte Anleger Ersatz fordert. Neben der DVAG bedienen sich unter anderem die Finanzvertriebe MLP und AWD freier Handelsvertreter, zudem Bausparkassen und Versicherer wie die Allianz. Die Vertreter sind zwar nicht fest angestellt, treten aber im Namen des Unternehmens auf und leben vorwiegend von Provisionen. Dabei nutzen sie Papier mit dem Firmenlogo etwa der DVAG und sind über die Konzern-Internetseite auffindbar.

Der Berater besaß Kontovollmachten

Wegner hat über die DVAG drei Fonds, eine Lebens- und eine Unfallversicherung sowie einen Sparvertrag abgeschlossen. Der Vermittler aus Ostfildern wurde dem Stuttgarter im Herbst 2009 zugeteilt und als „sehr zuverlässig“ empfohlen. Der 49-Jährige hat den Mann als „gut gekleideten und sympathischen“ Mittvierziger kennengelernt, der auch mal von seinen Kindern erzählt hat. „Ein Vertreter aus dem Katalog eben.“ Als sein Kunde nach einem Unfall nur eingeschränkt sehen konnte, änderte der Berater Wegner zufolge Dokumente zu seinen Gunsten ab. Um den Kunden in Sicherheit zu wiegen, stellte er Kontoauszüge auf DVAG-Papier aus. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft besaß der Beschuldigte von mehreren Kunden Kontovollmachten. „Ihr Geld hat er aber nicht wie versprochen angelegt, sondern anderweitig verwendet“, sagt eine Sprecherin der Stuttgarter Behörde.

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