Gemächlich zuckelt er dahin: Ein Video zeigt, wie ein Biber mitten in der Nacht durch Esslingen läuft. Ein „höchst ungewöhnlicher“ Vorgang, sagt die Stadt. Ist das so?
„Flap, Flap, Flap, Flap“ tönt es durch die stillen Gassen der Esslinger Altstadt. Pfoten mit Schwimmhäuten treffen auf Asphalt. Ein ungewöhnlicher Besucher ist unterwegs. Montagnacht um 4.30 Uhr. Der Instagram-User abbasi.somewhere hat ihn per Videoaufnahme dokumentiert: Ein Biber zuckelt durch die Pliensaustraße Richtung Neckar.
Das Tier ist offenbar nicht auf der Suche nach einer Wohnung, denn am dortigen Immobilienmakler E & G Private Immobilien läuft er vorbei. Auch für einen Döner ist er nicht zu gewinnen, den Dönerladen Haus des Döners lässt er links liegen. Kein Wunder: Das Licht ist aus. Die Pliensaustraße ist leer, kein Mensch in Sicht. „Der Ort der Aufnahme ist höchst ungewöhnlich – die Tiere verlassen die Wassernähe im Normalfall nicht, zum einen, weil das Wasser ihnen Schutz bietet, zum anderen, weil sie zum Beispiel auch nicht gut klettern können“, teilt die Stadt auf Nachfrage mit.
Biber in Esslingen – „kann mal vorkommen“
Auch dem Biberberater des Esslinger Naturschutzbundes (Nabu), Harald Brandstetter, ist „kein Fall bekannt, dass Biber, wie auf dem Bild zu sehen, in Städten gesichtet wurden“. Die Tiere würden sich normalerweise nicht mehr als etwa 100 Meter von der Ufernähe wegbewegen.
Allein vom Wehrneckarkanal am Maille-Park bis zum Haus des Döners sind es laut Google-Maps fußläufig mehr als 150 Meter. Der auch für den Kreis Esslingen zuständige Biberbeauftragte des Regierungsbezirks Stuttgart Niels Hahn ist sich dennoch sicher: „Das ist nicht ungewöhnlich und kann mal vorkommen.“ Er halte es für wahrscheinlich, dass der Biber auf Nahrungssuche war.
Was isst ein Biber?
Abfälle essen Biber in der Regel nicht, „außer da würde ein Haufen Möhren herumliegen. Sie sind reine Vegetarier“, erklärt Hahn. Während Biber zwar nicht aus dem Wasser springen oder an höheren Wänden hochklettern könnten, sei es möglich, dass das Tier den Fluss über Treppenstufen verlassen habe. „Es könnte auch sein, dass der halbwüchsige Biber sein Territorium verlassen musste“, sagt der Biberbeauftragte – ein übliches Ritual.
Wohin genau das Tier unterwegs war, bleibt indes offen – und auch, ob es sich dabei um ein Männchen oder ein Weibchen handelte. „Biber haben keine äußeren Geschlechtsmerkmale“, so Hahn. Der nächtliche Besuch behält seine Geheimnisse also weitestgehend für sich. Klar ist nur: Auf der Gemarkung Esslingen gibt es seit ungefähr zehn Jahren Biber, „inzwischen im gesamten Bereich des Neckars und Rossneckars“, heißt es von der Stadt. Die Verwaltung geht derzeit von zwei Biberrevieren aus, bestehend aus insgesamt acht bis zehn Tieren.