Kellerduell: Martin Harnik (VfB/u.), Assani Lukimya (Bremen). Foto: dpa

Vor geraumer Zeit waren der VfB Stuttgart und Werder Bremen Dauergäste im europäischen Fußball. Jetzt reicht es für beide nicht mal mehr in der Bundesliga fürs Mittelmaß. Das ist die Quittung für strategische Versäumnisse und personelle Missgriffe.

Stuttgart - Seit Armin Veh wieder in Stuttgart ist, spielt der Trainer eine Doppelrolle. Er steht für den letzten großen Erfolg – 2007 wurde er mit dem VfB deutscher Meister. Gleichzeitig verkörpert er die Gegenwart: Platz 15 in der Liga, Aus im DFB-Pokal, die Europa League kein Thema. Der VfB ist zur grauen Maus verkommen – wie Werder Bremen, der Gegner an diesem Samstag (18.30 Uhr/Sky): 2004 Meister und Pokalsieger, 2009 Uefa-Cup-Finalist, aktuell Platz 18 in der Bundesliga, im fünften Jahr in Folge Kampf gegen den Abstieg.

Von 1998 bis 2013 hat der VfB zwölfmal international gespielt, der SV Werder von 1998 bis 2010 elfmal. In der Bundesliga lieferten sich beide über Jahre packende Duelle. „Das waren immer Spitzenspiele“, sagt Veh mit Wehmut. An diesem Samstag bestreiten beide Clubs zwar das Top-Spiel, „aber das Top-Spiel der Kellerkinder“.

Gute Zeiten, schlechte Zeiten. Der Niedergang ist hausgemacht, in Stuttgart wie in Bremen. Eine Bestandsaufnahme:

Transferpolitik: Jahrelang gelangen dem Bremer Ex-Manager Klaus Allofs und Ex-Trainer Thomas Schaaf Glücksgriffe, die günstig kamen und teuer gingen. Mit Zugängen wie Johan Micoud, Valerien Ismael, Ailton, Diego, Mesut Özil, Claudio Pizarro, Per Mertesacker, Naldo, Tim Wiese und Aaron Hunt wurden sie zu Architekten des Erfolgs. Je länger das Duo am Werk war, desto glückloser agierte es aber. Bankdrücker und Sorgenkinder wie Marko Arnautovic, Carlos Alberto, Wesley, Mehmet Ekici, Eljero Elia oder Boubacar Sanogo kosteten mehr als 37 Millionen Euro Ablöse. Allofs’ Wechsel zum VfL Wolfsburg im Dezember 2012 war dennoch eine tiefe Zäsur, sein Nachfolger Thomas Eichin fasst nur langsam Tritt.

Beim VfB schlugen Neuzugänge wie Pavel Pardo, Ricardo Osorio, Fernando Meira und Thomas Hitzlsperger ein. Seit Jahren aber stehen Namen wie Pawel Pogrebnjak, Yildiray Bastürk, Mauro Camoranesi, Ciprian Marica, Zdravko Kuzmanovic und Mohammed Abdellaoue für die sportliche Misere. Um den selbst auferlegten Sparkurs einzuhalten, hoffte der VfB Jahr für Jahr auf Transfer-Schnäppchen. Häufig schlug er auf den letzten Drücker zu, meist blieben dann nur Ladenhüter. So büßte die Mannschaft viel Substanz ein. Dennoch setzte die Vereinsführung stets unverändert hohe Ziele.

Kostenfalle Champions League: Bremen spielte von 2004 bis 2011 sechsmal in der Königsklasse und erwirtschaftete rund 60 Millionen Euro an Eigenkapital. Jetzt ist kaum etwas übrig. „Unser Fehler“, sagt Klaus-Dieter Fischer, seit 40 Jahren Werder-Funktionär, „wir dachten, es gehe immer so weiter.“ Zuletzt fuhr der Club ein Minus von 13,9 (2012) und 7,9 Millionen Euro (2013) ein, 2014 klafft eine ähnlich große Lücke.

Der VfB verlängerte 2007 nach der Qualifikation für die Champions League die Verträge etlicher Stammspieler und sprengte dadurch das Gehaltsgefüge. Darunter leidet der Verein bis heute. Um sich wieder zu konsolidieren fuhr er den Spieleretat seither von 67,5 (2009) auf 42 Millionen Euro (2013) zurück. Deshalb blieb weniger Geld für Neuzugänge – und das wurde häufig schlecht eingesetzt. Das Minus betrug zuletzt 9,7 (2012) und 3,1 Millionen Euro (2013).

Nachwuchs: Als Talentschmiede hat sich der SV Werder nie hervorgetan. In Zeiten leerer Kassen ist der Verein aber auf eigenen Nachwuchs angewiesen. Nur: Die zweite Mannschaft spielt in der Regionalliga, keines der Talente gilt kurz- oder mittelfristig als bundesligatauglich.

Andreas Beck, Andreas Hinkel, Kevin Kuranyi, Timo Hildebrand, Serdar Tasci, Sami Khedira, Mario Gomez und andere – der VfB hat seinen Profikader jahrelang selbst aufgefrischt. Die Abgänge der Jugendstrategen Frieder Schrof, Thomas Albeck und des inzwischen zurückgekehrten Rainer Adrion konnte der Verein bisher nicht auffangen.

Interne Querelen: Ex-Aufsichtsratschef Willi Lemke polarisierte seit Jahren, rangelte mit Klaus-Dieter Fischer und Ex-Präsident Jürgen L. Born um die Macht im Verein. Ein Investorenkreis von Bremer Kaufleuten stellte Geld in Aussicht. Ihre Bedingung war der Rücktritt von Lemke, der seinen Stuhl vor zwei Wochen zugunsten von Ex-Profi Marco Bode räumte.

Den VfB lähmte die Führungskrise um Ex-Aufsichtsratschef Dieter Hundt und Ex-Präsident Gerd Mäuser. Das Klima litt, die Turbulenzen lenkten vom Wesentlichen ab, der Verein stand vor der Zerreißprobe. Auch nach deren Rücktritten kam der VfB nicht zur Ruhe. Die Teilnahme am Pokalfinale 2013 übertünchte die Probleme nur.

Suche nach frischem Geld: Seit 2003 ist der SV Werder eine GmbH & Co. KGaA. Einziger Gesellschafter ist der e. V., der das gesamte Vermögen einbringt und 100-prozentiger Anteilseigner der KG ist. In guten Zeiten hat es der Verein versäumt, strategische Partner zu finden, jetzt ist er nur noch bedingt attraktiv für externe Geldgeber.

Der VfB plant 2015 die Ausgliederung der Lizenzspielermannschaft, die Suche nach strategischen Partnern läuft – Ausgang ungewiss. Auch der VfB hätte sich viel früher besser aufstellen müssen. Die meisten Ligakonkurrenten haben das getan. Ihnen hinkt der VfB bei den Erträgen und den sportlichen Erfolgen hinterher – wie der SV Werder.

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