Stadiongesänge und Fußballhymnen des VfB im innovativen Gewand. „Klassik trifft Kurve“ hat in der Liederhalle vor vollem Haus eine packende Premiere gefeiert.
Die Spielidee, sie kam diesmal nicht von Angelo Stiller, dem Mittelfeldmotor und zentralen Lenker auf dem grünen Rasen des Neckarstadions. Vielmehr saß der Fußballprofi vom Fußball-Bundesligisten VfB Stuttgart im Auditorium erwartungsfroh in Reihe drei. Um ihn herum die bunt gekleideten Fans, die Altstars, Funktionäre und die Freunde des VfB, aber auch zahlreiche Anhänger der klassischen Musik, alle vereint im mit 1860 Gästen proppevollen Hegelsaal der Liederhalle.
Neben Stiller gaben sich auch der Verteidiger Finn Jeltsch sowie der Flügelstürmer Jamie Leweling die Ehre. Kickstiefel hatte keiner des Trios an – denn den Takt gaben diesmal vorne auf der Bühne andere vor. Um es vorweg zu nehmen: Es war ein mitreißender Abend im Zeichen des Stadiongesangs.
„Klassik trifft Kurve“, lautete das Motto. Oder: Wenn der Capo, der Vorsänger mit seinem Commando Cannstatt 1997, der größten Ultra-Gruppierung des VfB, und die Konzertmeisterin Susanne von Gutzeit mit dem rund 30-köpfigen Ensemble des Stuttgarter Kammerorchesters gemeinsame Sache machen. Es steckte ein reichlich innovative Gedanke hinter diesem Konzertabend in festlichem Ambiente: Fangesänge, Stadionklassiker und Fußballhymnen zu Ehren eines Traditionsclubs im feinen, musikalisch virtuosen Gewand zu präsentieren, das war das verbindende Element.
Wehrle schwärmt von „Klassik trifft Kurve“
„Das ist eine Weltpremiere!“, schwärmt Alexander Wehrle, der Vorstandsvorsitzende der VfB Stuttgart 1893 AG, gleich mal in den höchsten Tönen. Und in der Tat: Die Idee, ersonnen von Markus Korselt, dem Geschäftsführenden Intendanten des Stuttgarter Kammerorchesters, von Wehrle und ihren emsigen Teams im Hintergrund, sie ist neu. Fangesänge im Konzertsaal, das hat die Bundesliga so noch nicht gesehen.
Um 20 Uhr erfolgt am Dienstagabend der Anpfiff. „Stuttgart kommt“, den inzwischen 30 Jahre alten Klassiker aus der Feder von Wolle Kriwanek, der bei keinem Heimspiel des VfB fehlen darf, er macht den Anfang. „Ich habe gut trainiert“, sagt Sänger Philipp Volksmund von der Band „Die Fraktion“. Und die gut geölten Kehlen im Saal machen auch gleich keine Gefangenen. Der Funke zwischen Orchester, Commando Cannstatt und dem Publikum springt bei diesem Mitmachkonzert der besonderen Art sofort über.
Es folgt „Allez, VfB!“ nach einer Melodie von Giuseppe Verdis Triumphmarsch aus Aida. Aber es geht nicht nur mit Volldampf, mit Offensiv-Pressing, wie der Fußballer sagt. Raum ist auch für die Klassik, etwa beim Auszug aus Antonio Vivaldis „Vier Jahreszeiten“, zunächst Adagio, dann doch wieder Presto. Dabei zeigt sich, dass auch das Kammerorchester, bestückt mit Violinen, Bratschen, Celli und zwei Kontrabässen, begleitet von Pauke, Trompete, Gitarre und Klavier, in der Tat Champions-League-Niveau besitzt.
Auch die Akustik passt. Im Zusammenspiel zwischen Fans und Streichern ist keiner zu leise, keiner zu laut. Die meisten Musiker tragen weiße Trikots mit dem roten Brustring unter den schwarzen Sakkos, die in der Hitze der Konzernacht bald am Haken landen. Allerdings hat irgendwer vergessen, der Konzertmeisterin Susanne von Gutzeit hinten die Nummer 10, das Kennzeichen der Spielmacherin, auf den Rücken zu drucken. Schließlich hängt sich die grazile Kammermusikerin voller Elan und Finesse mit ihrer Violine dicht am Bühnerand rein, als bräuchte es den Beweis, dass Berufsmusiker auch Sportler sind.
Dann nimmt es der Moderator Michael Bollenbacher, der mit VfB-Stadionsprecher Holger Laser durch den Abend führt, mit einem Augenzwinkern: „Wir hatten hier kurz Sorge, dass die Empore vorne über kippt.“ Denn die VfB-Fans können zu Liedern wie „Wenn die ganze Kurve tobt“ oder „Wir sind die Jungs aus Cannstatt“ derart ausdauernd im Takt hüpfen, dass der Konzertsaal mächtig in Wallung kommt.
Standing Ovations für Musiker mit Behinderung
Zu Beginn der zweiten Halbzeit, in der es auch Guns N’Roses (“Paradise City“) und Iron Maiden (“Phantom der Oper“) sowie einen Chor zu hören gibt, dann die ersten Standing Ovations. Nämlich, als die „Brenz Band“ bestehend aus Musikern mit Beeinträchtigung gemeinsam mit „Der Fraktion“ den Klassiker „Für immer VfB“ anstimmt. Der Fußball kann also auch Inklusion.
VfB-Cheftrainer Sebastian Hoeneß, der auf seinem Stuhl dicht vor der Bühne fleißig mitsingt und mitklatscht, tut derweil etwas für seine Video-Sammlung. Fleißig macht der Architekt des Stuttgarter Fußball-Aufschwungs mit seinem Smartphone Aufnahmen vom Szenario auf der Bühne und im Saal. Dann das Finale, welches natürlich dem Kurvensong gewidmet ist, der nach den schmerzhaften Abstiegen des VfB von 2016 und 2019 so sinnbildlich für die geheilte Seelenlage von Fans und Verein steht: „Stuttgart International“. „Europapokal! Ohoo. Nach all der Scheiße, geht’s auf die Reise“, heißt es da.
Diese Reise ist für den VfB, der sich bald im Achtelfinale der Europa League mit dem FC Porto misst, noch voll im Gange. Im Gegensatz zum Konzertabend, der ganz viele zufriedene Freunde von klassischer Musik, VfB und Fangesang in die Nacht entlässt – und dessen Spendeneinnahmen an die VfB-Stifung „Brustring der Herzen“ gehen. „So einen Abend müsste es eigentlich jedes Jahr geben“, sagt Moderator Michael Bollenbacher dann noch. Recht hat der Mann.