Thomas Schneider ist ein Urgestein des VfB Stuttgart: Seit 1983 ist er mit dem Verein eng verbunden – als neuer Cheftrainer soll er jetzt die Profis wieder auf Erfolgskurs bringen. Foto: Pressefoto Baumann

Thomas Schneider (40) hat einen Doppelauftrag: Er soll den VfB Stuttgart besser machen und die eigenen Talente fördern. "Das ist mir ein besonderes Anliegen", sagt der neue Trainer.

Stuttgart –  Thomas Schneider (40) hat einen Doppelauftrag: Er soll den VfB Stuttgart besser machen und die eigenen Talente fördern. „Das ist mir  ein besonderes Anliegen“, sagt der neue Trainer.

Herr Schneider, in Leonberg-Höfingen, Ihrem ehemaligen Wohnort, sind die Leute richtig stolz. Sie sagen: Einer von uns ist VfB-Trainer.

Das freut mich. Höfingen ist mein Heimatort, natürlich gibt es noch eine besondere emotionale Verbundenheit, auch wenn ich jetzt nicht jede Woche dort vorbeischaue. Aber an meine Anfänge als Fußballer beim TSV Höfingen erinnere ich mich gerne.

Ihre Familie wohnt im bayerischen Straubing. Wie schwierig ist es auf diese Distanz, den Kontakt zu halten?
Wir kriegen das ganz gut hin. Die Situation ist ja nicht neu, und ich versuche, jeden freien Tag bei meiner Familie zu verbringen. Dort kann ich auch am besten regenerieren.
Als Profitrainer bleibt dafür aber weniger Zeit?
Ich hatte als U-17-Trainer des VfB einen ähnlichen Wochenplan wie jetzt. Insofern macht es keinen Unterschied. Wir haben in der Regel einen freien Tag in der Woche. Meine Familie fühlt sich in Straubing pudelwohl, mein Sohn geht dort aufs Gymnasium, und wir haben eine Infrastruktur und ein ­soziales Umfeld aufgebaut. Das passt.
Ihr Sohn David ist zehn Jahre alt – und wie der Papa früher mit Talent gesegnet?
Sagen wir so: Er hat Spaß am Spiel. David spielt bei Jahn Regensburg, mal im Tor, mal im Feld. In diesem Alter sind die Jungs noch in der Findungsphase. Aber wir drängen ihn in keine Richtung. Er soll sich einfach ­normal entwickeln.
Sie haben bisher nur Jugendfußballer ­trainiert, jetzt haben Sie es mit gestandenen Profis zu tun: Willkommen in der neuen Welt!
So viel anders ist es gar nicht, zumindest inhaltlich. Klar, Athletik, Intensität und Tempo sind im Profibereich deutlich höher. Und neu ist für mich die verstärkte Medienarbeit.
Wie schwer fällt Ihnen die Umstellung?
Als Trainer will ich mich natürlich in erster Linie mit der Sache auseinandersetzen, ich will Wege und Lösungen für meine Mannschaft finden und sie entwickeln. Jetzt wird auch in anderen Bereichen von mir viel Zeit eingefordert, die ich inhaltlich nutzen könnte. Aber das gehört dazu, und ich mache das gerne.
Dafür erleben Sie in der Bundesliga richtig Spektakel – wie früher als VfB-Profi. Wie sehr haben Sie die großen Emotionen vermisst?
Das 6:2 gegen Hoffenheim war Gänsehaut pur! Das erleben zu dürfen ist ein Privileg, das ist mir bewusst. Es war immer mein Fernziel, dorthin zu kommen. Jetzt ging es schneller als gedacht.

„Ich hatte von Anfang an ein richtig gutes Gefühl“

In den ersten Tagen als VfB-Trainer waren Sie voll gefordert, mit zwei Spielen in vier Tagen. Sind Sie während der Länderspielpause ein wenig zur Besinnung gekommen?
Ich habe mir bisher eigentlich nur Gedanken über meine neue Aufgabe gemacht, über das Drumherum weniger. Wir waren im Trainerteam damit beschäftigt, die Inhalte und Abläufe zu strukturieren. Dazu war die Länderspielpause gut. Weniger gut war, dass nur ein Teil der Truppe vor Ort war.
Wie wirkt die Mannschaft auf Sie?
Ich hatte von Anfang an ein richtig gutes Gefühl. Alle Spieler sind hoch motiviert und sehr aufmerksam. Und die interne Kommunikation passt auch.
Direkt vor den Spielen halten Sie sich aber verbal bewusst zurück?
Ja, weil ich denke, dass die wesentlichen Dinge vor dem Spieltag klar sein müssen. Der Großteil meiner Arbeit findet unter der Woche statt. Eine halbe Stunde vor dem Anpfiff sind die Spieler nur begrenzt aufnahmefähig, da geht es nur noch um Details.
Worauf kommt es Ihnen bei Ihrer Arbeit ­besonders an?
Wir haben zunächst eine Ist-Analyse gemacht: Wo steht die Mannschaft, wohin wollen wir sie führen, was ist dafür zu tun, welche Strukturen benötigen wir?
Und wohin wollen Sie?
Bei dem Umfeld des VfB, bei seinen Fans und Sponsoren ist das internationale Geschäft immer der Anspruch.
Präsident Bernd Wahler spricht sogar von der Champions League, die der VfB über kurz oder lang wieder erreichen sollte.
Er hat aber auch von einem Zeitraum von drei bis fünf Jahren gesprochen. Natürlich wollen wir alle dorthin. Aber jetzt ist erst mal wichtig, dass wir eine Kompaktheit ­erreichen und Konstanz reinbekommen.
Da spricht der ehemalige Verteidiger. Welche Spielidee haben Sie für die Offensive?
Ich nenne nur ein paar Schlagworte: dominant, mutig, laufstark, aggressiv und ständige Angriffsbereitschaft – so stellen wir uns das für die Zukunft vor.
Trifft das die jetzige Stimmung um den VfB?
Absolut. Wir sind alle im Aufbruchmodus. Ich bin überzeugt, dass sich in den nächsten Monaten und Jahren noch vieles zum Guten wenden wird. Dafür ist es aber notwendig, dass wir alle Bereiche weiter optimieren, um konkurrenzfähig zu bleiben.
Es gibt viel zu tun. Haben Sie deshalb in Alfons Higl und Tomislav Maric gleich zwei Co-Trainer an Ihre Seite geholt?
Das ist ja nichts Außergewöhnliches. Ich finde diese Lösung für uns einfach optimal. So haben wir noch mehr Kompetenz im Trainerteam, die will ich gerne nutzen.
Wie haben Sie die Aufgaben verteilt?
Wir arbeiten im Team. Taktische Inhalte coache ich in erster Linie selbst. Tomislav Maric ist als ehemaliger Stürmer dafür prädestiniert, den Offensivpart in der Mannschaft abzudecken. Alfons Higl betreut auch den Übergangsbereich zur U 23 und bringt viel Erfahrung aus seiner Zeit als Co-Trainer im Meisterjahr des VfB mit. Insofern ist das eine gute Konstellation.
Mussten Sie untereinander erst Vertrauen schaffen?
Mit Tomislav habe ich im vergangenen Jahr schon das Büro geteilt, mit Alfons habe ich mit Beginn seiner Tätigkeit als Scout beim VfB auch schon viel zu tun gehabt. Nein, wir hatten gleich eine gemeinsame Idee, wie wir spielen und trainieren wollen.

Kein Jugendwahn soll ausbrechen

Hatten Sie mal Kontakt zu Ihrem Vorgänger Bruno Labbadia?
Nein, bisher nicht. Aber wir werden uns sicher mal unterhalten. Ich respektiere seine Arbeit sehr. Er hat den VfB in einer schwierigen Situation übernommen und nach Europa geführt. Als er noch Trainer hier war, haben wir uns auch häufig über die Talente beim VfB ausgetauscht.
Auf die Labbadia nach Ansicht vieler Fans zu selten gesetzt hat.
Er hat Raphael Holzhauser, Rani Khedira, Benedikt Röcker, Kevin Stöger und Timo Werner hochgezogen. Das zeigt, dass er Talente in den Profikader integriert hat.
Der Anspruch an Sie lautet, dass es noch mehr werden, die sich dann auch etablieren sollen.
Wir hatten in der Länderspielpause einige U-19-Spieler im Profitraining. Das ist auch ein Zeichen an andere Talente, dass wir jungen Spielern eine Chance geben.
Ist es auch ein Signal, dass Maric und Sie bisher Jugendteams des VfB betreut haben?
Mit Sicherheit. Für die Jungen ist es eine zusätzliche Motivation, dass jetzt die ehemaligen U-16- und U-17-Trainer die Profis betreuen. Wir kennen die Jungs. Und ich habe da den einen oder anderen auf dem Schirm.
Konkret?
Ich will keine Namen nennen. Aber ich stamme ja selbst aus der VfB-Jugend. Deshalb ist es mir ein besonderes Anliegen, unsere Talente zu fördern. Das bedeutet aber nicht, dass bei uns jetzt der Jugendwahn ausbricht. Am Ende entscheidet immer die Leistung.
An diesem Freitag treten Sie beim Aufsteiger Hertha BSC an. Ihre Einschätzung?
Das ist eine gestandene Truppe, die punktuell verstärkt wurde, kompakt steht und schnell umschaltet. Das wird hart.
Erleben wir Sie dann wieder, wie Sie sich laufend Notizen machen? Was schreiben Sie denn da auf?
Das sind taktische Dinge, die wir in der Halbzeitpause oder nach dem Spiel ­besprechen.
Und warum kauern Sie dabei in der Hocke? Ist das nicht furchtbar unbequem?
Gar nicht. Das habe ich schon bei der U 17 gemacht. Vielleicht kann ich mich in der Hocke sogar etwas besser konzentrieren.
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