Moderator Barner, Präsident Wahler, Dutt und Gentner (v. re.). Foto: Lichtgut

„Der VfB vor dem Steilpass in die Zukunft“, lautet das Motto des Treffpunkt Foyer unserer Zeitung. Schnell wird klar: Bis der Pass ankommt, braucht es Geduld und Beharrlichkeit.

Stuttgart - Viele Jahre seines Berufslebens hat Bernd Wahler als Manager des Sportartikelherstellers Adidas in den USA gelebt. Im Grunde seines Herzens aber ist er stets der Winzersohn aus dem Remstal-Örtchen Schnait geblieben. Und deshalb hält er nach wie vor die Werte der Region hoch. „Ich bin Schwabe“, sagt er, „da gibt man nur das Geld aus, das man hat.“

Das hören die 750 Gäste im Mozartsaal der Stuttgarter Liederhalle gern, denn alle eint eines: die Sorge um den VfB. Dabei meint Wahler (57) gar nicht den Verein. In diesem Moment geht sein Blick über den Rand der Untertürkheimer Kurve hinaus – nach Frankfurt und nach Nyon, wo der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und der Weltverband Fifa beheimatet sind. Plötzlich ist er bei Robert Louis-Dreyfus gelandet, der eine zentrale Rolle in der Affäre um die Vergabe der WM 2006 gespielt hat. „Er war mein direkter Chef bei Adidas, wir haben täglich eng zusammengearbeitet.“ Mit sachdienlichen Ausführungen zum Verbleib der ominösen 6,7-Millionen-Euro-Zahlung kann er freilich nicht dienen: „2002 war ich bei Nike.“ Auch Robin Dutt muss passen: „2002 war ich noch bei den TSF Ditzingen.“ Und jetzt haben beide andere Sorgen. „Beim VfB haben wir genug Baustellen, die wir wegräumen müssen“, sagt Wahler.

Das betrifft auch das Geld – aber nicht nur.

Christian Gentner war 2009 deutscher Meister mit dem VfL Wolfsburg – dem letzten Titelträger, der nicht Bayern München oder Borussia Dortmund heißt. Beim VfB hat er sich daran gewöhnt, die Tabelle eher von unten zu betrachten. „Wir stecken in einem Entwicklungsprozess“, sagt der Kapitän, „aber den müssen wir schnellstens zu Ende bringen.“ Danach sieht es allerdings nicht aus, wie Robin Dutt betont. „Der VfB ist in den vergangenen Jahren einen langen Weg nach unten gegangen. Um zurück nach oben zu kommen, dauert es genau so lange wie nach unten“, sagt der Sportvorstand und mahnt: „Wir sind erst am Anfang dieses Wegs.“ Ein Anfang allerdings, den das Trio auf dem Podium als den einzig richtigen bezeichnet. „Wenn du etwas verändern willst, musst du es radikal tun“, meint Dutt (50).

Diesen Einschnitt verkörpert seit diesem Sommer Alexander Zorniger. Der Fußball-Lehrer aus Mutlangen steht für einen eigenen Spielstil – und für eine eigene Sprache. „Die war zuletzt ein bisschen grenzwertig“, sagt Bernd Wahler, „das haben wir adressiert, damit ist das Thema beendet.“ Christian Gentner hat das Gespräch gesucht, er versichert: „Da ist in der Mannschaft nichts hängengeblieben.“

Alexander Zorniger steht für einen eigenen Spielstil

Wichtiger ist ohnehin, was Trainer und Spieler auf den Rasen bringen. „Die Ergebnisse sind bis heute nicht optimal, aber ich bin zu 100 Prozent davon überzeugt, dass dieser Weg sein musste – und dass es der richtige ist. Die ganze Mannschaft ist davon überzeugt “, sagt Gentner (30) und bekräftigt: „Das System unter Alexander Zorniger wird den Erfolg bringen.“ Aber wann?

Zurzeit fühlen sich manche Spieler noch sichtlich unwohl mit der Vorgabe, Ball und Gegner zu jagen. Przemyslaw Tyton etwa. „Im Spiel gegen Darmstadt haben wir ihm die Möglichkeit gegeben, sich auszuzeichnen“, witzelt Dutt und fügt ernsthaft hinzu: „Wir brauchen einen Torhüter, der auch Spiele für uns gewinnt. Die letzten beiden Heimspiele hat er für uns gewonnen.“

Oder Toni Sunjic, der in der Innenverteidigung noch den Freischwimmer macht. Dutt widerspricht: „Vergangene Saison haben wir mehr als 20 Gegentore nach Standards kassiert. Seit Sunjic da ist, haben wir kein einziges gefangen.“ Dennoch ist Bedarf da, die Mannschaft weiter zu verstärken. Am besten schon in der Winterpause. „Der VfB ist finanziell solide aufgestellt. Es gibt Handlungsspielraum“, sagt Bernd Wahler. Robin Dutt wird konkreter: „Wenn wir die Möglichkeit haben, etwas im Defensivbereich zu tun, werden wir das im Vorstand prüfen.“ Allerdings: Verstärkungen wie Serey Dié und Emiliano Insua, die für kein oder für wenig Geld kamen, sind die Ausnahme. Ohnehin wartet die weitaus größere Herausforderung nächsten Sommer, wenn Martin Harnik und Daniel Didavi ablösefrei gehen können und ein Filip Kostic ebenfalls abwandern will: „Ich will niemandem etwas vormachen“, sagt Dutt, „es kann sein, dass der personelle Umbruch dann deutlich größer sein wird als in diesem Sommer.“

Die Herausforderung für den Präsidenten ist die geplante Ausgliederung der Lizenzspielerabteilung, der ein gewichtiger Teil der Mitglieder bisher die Gefolgschaft verweigert. „Es braucht große Anstrengungen, deren Vertrauen zurückzugewinnen“, weiß Wahler. Dies und beharrliche Arbeit ist die Devise, der sich der VfB verschrieben hat. Und: Zurück auf den Erfolgsweg muss es gehen. Gunter Barner, Sport-Ressortleiter unserer zentralen Redaktion und Moderator des Abends, erinnert den Präsidenten an seinen Satz, in fünf Jahren wolle der VfB wieder in der Champions League spielen. Wahler lacht und sagt entschuldigend: „Als ich das gesagt habe, war ich noch nicht Präsident.“ Jetzt hat und spürt er die Verantwortung: „Unsere Aufgabe ist es, dass der VfB wieder wettbewerbsfähiger wird.“ Bayern München ist da nicht der Maßstab, zu weit ist der Rekordmeister den meisten anderen Clubs der Liga enteilt. Dennoch sagt Christian Gentner mit Blick auf das direkte Duell an diesem Samstag: „Wenn die Bayern im Spiel irgendwo eine Schwäche zeigen, müssen wir da sein.“

Zur Einstimmung und zum Ende eines launigen Abends kickt das Trio Bälle ins Publikum. Schlussfrage: Welche Schlagzeile wünschen Sie sich zum Saisonende über den VfB? Bernd Wahler muss nicht lange überlegen: „Ziel erreicht – ein gesicherter Mittelfeldplatz.“

Donnernder Applaus. Nach Jahren der sportlichen Tristesse wäre das fast zu schön, um wahr zu sein.

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