Auf Biegen und Brechen: VfB-Profi Adam Hlousek (links) gegen Tim Siedschlag Foto: Pressefoto Baumann

Eine Runde weiter – darauf kommt es im DFB-Pokal an. Aber nicht für Alexander Zorniger. Der Trainer des VfB Stuttgart will rasche Fortschritte sehen. Da kommt auch ein Drittligist gerade recht.

Kiel - Daniel Didavi stand die Verwunderung noch lange nach Spielschluss ins Gesicht geschrieben. „Das habe ich lange nicht mehr erlebt. Ich hatte ja schon befürchtet, mein Gegenspieler geht zur Halbzeit auch noch in die Kabine mit“, sagte der Mittelfeldspieler sichtlich pikiert. Die Anhänglichkeit seines Kontrahenten Rafael Czichos hatte Gründe. Holstein Kiel bearbeitete den VfB mit einer ebenso hartnäckigen wie für die Bundesligaprofis ungewohnten Manndeckung. Damit war das Team von Rainer Karsten Neitzel taktisch zwar nicht ganz auf der Höhe der Zeit, hielt den Gegner aber effektiv in Schach. „Manndeckung ist ekelhaft“, befand Alexander Zorniger und sprach damit seinen Spielern aus der Seele.

Auch die Kieler Marotte, sich bei den eigenen Offensivanstrengungen meist auf lange Bälle in die Spitze zu beschränken, stieß auf der Gegenseite auf keinen Gefallen. Denn so kam der VfB erst gar nicht dazu, sein neues taktisches Mittel des Gegenpressings einzusetzen. Die Bälle flogen aus der Kieler Hälfte hoch über die Mittelfeldreihe und landeten direkt vor dem eigenen Tor, wo sich meist ein Kopf zur Abwehr fand. Als der VfB seinerseits auf Gegenangriff umschaltete, wurden Erinnerungen an die vergangenen Spielzeiten wach. Die zweiten Bälle waren ebenso ein Problem wie der weitere geordnete Spielaufbau. „Wir haben das Spiel gegen den Ball trainiert, doch heute war eher das Spiel mit dem Ball unser Problem“, sagte Daniel Didavi. Die Folge: Missverständnisse, Fehlpässe, stockender Spielfluss. Oder, wie Daniel Ginczek befand: „Ein Spiel der Kategorie Augen zu und durch.“

Man werde „so ein Spiel in der Bundesliga nicht erleben“, sagte Christian Gentner mit Erleichterung in der Stimme. Strikte Manndeckung und lange Bälle nach vorn sind im modernen Fußball nicht mehr Teile der Lehre, wobei gleich der erste Gegner 1. FC Köln bekanntermaßen ähnlich auftritt, nur nicht so konsequent wie die Kieler. Womöglich also auch zum Saisonstart am kommenden Sonntag (18.30 Uhr/Sky) in der Mercedes-Benz-Arena. Weshalb das Spiel in Kiel einen doppelten Nutzen verspricht.

Torschütze Didavi bittet um Nachsicht

Zum einen steht der VfB, anders als in der vergangenen Saison, in der zweiten DFB-Pokalrunde, zum anderen hat er jetzt gleich die Mühen des Alltags näher kennengelernt. Nicht immer trifft er auf eine spielerisch ansprechende Mannschaft mit überschaubar ausgeprägtem Zweikampfverhalten wie Manchester City und nicht immer auf eine bärbeißige Truppe mit antiquierten spielerischen Mitteln wie Kiel – die Wahrheit wird wohl zwischendrin liegen und von Spiel zu Spiel variieren. Insofern birgt jede Partie einen Lerneffekt. „Wir stehen noch am Anfang unserer Entwicklung im neuen System“, bat Didavi um Nachsicht, „die Einstellung war da, aber wir haben anfangs nicht die richtigen Mittel gefunden.“

Kiel hat jedenfalls allen künftigen VfB-Gegnern eine Zermürbungstaktik aufgezeigt, die dem VfB seit je her zu schaffen macht: Gebt den Roten den Ball, und sie haben ihre liebe Mühe. Vor allem haben sie dann so gut wie keine Spielidee. „Wir waren unheimlich kompliziert im Aufbauspiel, und die Körpersprache hat mir anfangs auch nicht gefallen“, sagte Zorniger.

Zornigers Fazit: Weiter, Auftrag erledigt

Erst nach dem 1:1 fand der VfB seine Linie und erfüllte dank der Treffer von Didavi (41.) und Ginczek (60.) seine Pokalpflicht, was denn auch den Trainer besänftigte: „Gewonnen, eine Runde weiter – Auftrag erledigt.“ Oder, wie es Sportvorstand Robin Dutt formulierte: „In zwei Jahren spricht kein Mensch mehr von diesem Spiel. Aber in zwei Monaten bringt es uns in die zweite Pokalrunde.“ Genau genommen sind es drei Monate: Am 27. und 28. November wird die zweite Runde ausgespielt, der Gegner wird bei der Auslosung an diesem Freitag (22.45 Uhr/ARD) ermittelt. Er darf sicher sein: Bis zum direkten Duell dürfte der VfB in seiner Entwicklung schon ein paar Schritte weiter sein. Wie viele es sein werden? Auf die Antwort ist wahrscheinlich keiner mehr gespannt als Alexander Zorniger: „Jede Erfahrung auf dem Platz, die am Ende noch zum Erfolg führt, bringt uns weiter.“ Sein Auftrag in Kurzform: Spielen, siegen, lernen!

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