Der Trainer als Tor-Hüter: Alexander Zorniger bei der Handarbeit Foto: Baumann

Es klingt einfacher, als es ist: Pressen soll der neue VfB, den Ball erobern, schnell umschalten – und dann ab durch die Mitte. „Das ist der kürzeste Weg zum Tor“, sagt Trainer Alexander Zorniger und klärt im Interview mit StN-Sportredakteur Thomas Näher die letzten Stilfragen.

Mayrhofen. - Herr Zorniger, an diesem Montag endet das Trainingslager im Zillertal. Mit welchen Eindrücken fahren Sie zurück?
Hotel und Trainingsplatz waren optimal, und trotz der hohen Temperaturen konnten wir unser Trainingsprogramm durchziehen. Insofern bin ich sehr zufrieden.
Sie haben nach und nach die ganze Mannschaft kennengelernt, auch die Nationalspieler. Welchen Eindruck haben Sie von der Truppe?
Ich habe inzwischen mit fast allen Spielern Gespräche geführt, manchmal auch auf dem Fahrrad auf dem Weg vom Trainingsplatz zum Hotel. Das Klima ist gut – aber wie sollte es auch anders sein, wenn ein neuer Trainer da ist? Da will doch keiner anecken.
Haben Sie auch schon den Charakter der Mannschaft erkennen können?
Ich habe festgestellt, dass das eine unglaublich willige Mannschaft ist. Es passt schon viel, viel mehr, als ich dachte. Die Mannschaft ist sehr offen.
Moment, Sie kennen sich doch erst ein paar Tage. Wie meinen Sie das?
Ich habe von keinem Spieler gehört: Das haben wir bisher so und so gemacht, warum sollten wir das ändern? Kann sein, dass mancher Spieler meine Anweisungen für sich hinterfragt, aber keiner stellt sie infrage.
Das wäre ja noch mal schöner.
Ich brauche Spieler, die mir bedingungslos vertrauen – und keine, die nur sich bedingungslos vertrauen. Dazu gehört, dass sie offen sind – so wie ich offen zu ihnen bin.
Und wenn etwas nicht auf Anhieb klappt, sind Sie dann ein ungeduldiger Trainer?
Ich will, dass die Dinge funktionieren. Tun sie das nicht, muss man auf Fehlersuche gehen. Aber dann sollte es doch zügig klappen.
Der jetzige ist noch nicht der endgültige Kader. Antonio Rüdiger ist auf dem Sprung, einer Ihrer Eckpfeiler in der Mannschaft. Wie gehen Sie damit um?
Ich trainiere mit den Spielern, die hier sind.
Wie lange geben Sie Rüdiger Zeit, bis er sich entscheiden muss?
Das sollte natürlich möglichst früh geschehen, aber ich gebe keinen Zeitpunkt vor.
Und wann treffen Sie Ihre Entscheidung, wer die Nummer eins im Tor sein wird?
Ich schaue mir genau an, wie sich die Torhüter in der Vorbereitung präsentieren. Jetzt müssen sie Leistung vorweisen, aber das gilt für alle Spieler.
Wo sehen Sie Bedarf für Verstärkungen?
Daniel Schwaab ist für mich in erster Linie ein rechter Verteidiger, deshalb haben wir auf jeden Fall eine offene Position in der Innenverteidigung, da müssen wir auch ohne den möglichen Abgang von Rüdiger etwas tun. Links haben wir auch Bedarf. Im Mittelfeld sind wir gut aufgestellt.
Und im Angriff?
Zurzeit haben wir sieben Stürmer, mit denen allen werden wir nicht in die Saison gehen. Allerdings haben alle einen Vertrag und deshalb das Recht, beim VfB zu sein.
Sie stehen für Tempofußball. Das birgt Chance und Risiko.
Tempo macht für mich den Fußball aus. Mit hohem Tempo kann man der gegnerischen Mannschaft Probleme bereiten.
Was bedeutet das fürs Training?
Da ändert sich etwas. Aber auch da baue ich auf das, was bereits da ist. Die Mannschaft hatte vergangene Saison im Spitzenbereich ein Durchschnittstempo von 30,6 Kilometern pro Stunde, das ist ein sehr guter Wert. Die Konzeption steckt schon in der Mannschaft, jetzt müssen wir ihr einen klaren Plan mitgeben.
Viele Trainer predigen das Spiel über die Außen, Sie dagegen wollen verstärkt durchs Zentrum spielen. Worin liegt der Vorteil?
Ganz einfach: in der Anordnung der Tore. Da wird mir niemand widersprechen: Der kürzeste Weg zum gegnerischen Tor ist durchs Zentrum. Wir spielen im 4-3-1-2- oder 4-4-2-System, da haben wir ohnehin viele zentrale Spieler. Warum sollten wir dann auf die Außen ausweichen?
Vielleicht weil der Weg zum Zentrum durch gegnerische Spieler versperrt ist.
Ich habe klare Vorstellungen vom Spiel meiner Mannschaft. Wir werden nicht von unserer generellen Linie abweichen.
Haben Sie Vorbilder als Trainer?
Helmut Groß und Ralf Rangnick haben mich stark geprägt. Und Jürgen Klopp hat mich in seinem ersten Jahr bei Borussia Dortmund stark beeinflusst. Ich habe im Amateurbereich ähnlich spielen lassen wie er beim BVB. Bei Jürgen Klopp habe ich gesehen, dass das auch auf Top-Niveau funktioniert.
Aber Klopp zu kopieren ist keine Lösung.
Nein, wir wollen einen VfB-Stil entwickeln. Zwischen dem Spiel gegen den Ball und eigenem Ballbesitz gibt es einige Facetten, die man anders machen kann.
Wofür soll das Spiel des VfB stehen?
Für Pressing, Balleroberung, rasantes Umschaltspiel und den Teamgedanken. Diese Komponenten müssen ständig sichtbar sein.
Die Fans schätzen Sie als bodenständigen Schaffer. Wie kommt das bei Ihnen an?
Ehrlich gesagt: Darüber mache ich mir weniger Gedanken. Am Ende werden wir Spiele gewinnen müssen.
Sie sind Schwabe, das ist unüberhörbar. Was denken Sie, wie das draußen ankommt?
Ich bin Fußballlehrer, kein Deutschlehrer. Schwaben sind stur und zielgerichtet – so bin ich auch.
Du oder Sie – wie müssen die Spieler Sie ­anreden?
Sie dürfen gerne Du sagen. (Schmunzelt) Vielleicht versuche ich mit der Du-Form auch nur, meine 47 Jahre zu vertuschen. Nein, im Ernst, Du ist okay, Sie ist okay, das sagen ohnehin die meisten, Trainer ist okay. Nur wenn einer Alex sagt, hat er ein Problem. Ich bin ja nicht der Kumpel der Spieler.
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