VfB Stuttgart „Wir müssen wieder eine feste Einheit werden“

Von Gregor Preiss 

VfB-Sportdirektor Jochen Schneider (44) geht seine neue Aufgabe selbstbewusst an. Zugleich räumt auch er seine Mitschuld am sportlichen Niedergang des VfB Stuttgart ein.

VfB-Sportdirektor Jochen Schneider (44) geht seine neue Aufgabe selbstbewusst an. Zugleich räumt auch er seine Mitschuld am sportlichen Niedergang des VfB Stuttgart ein.
 
Stuttgart - Herr Schneider, wie überrascht waren Sie von der Entlassung von Fredi Bobic – und Ihrer plötzlichen Beförderung?
Über den Zeitpunkt waren viele überrascht – ich eingeschlossen.
Haben Sie mit Fredi Bobic schon darüber ­gesprochen?
Wir waren am Mittwoch vor dem Spiel bei Borussia Dortmund (2:2) noch zusammen in der Sportschule Kaiserau, wo sich die Mannschaft vorbereitet hatte. Dann haben wir uns am Donnerstag hier im Clubzentrum noch einmal zusammengesetzt.
Wie hat er den Rauswurf aufgefasst?
Dass er sehr enttäuscht war, ist doch klar.
Jetzt stehen Sie erst mal an vorderster Front. Was werden Ihre ersten Amtshandlungen sein?
Ich werde mich mit unserem Präsidenten Bernd Wahler und Cheftrainer Armin Veh über die Aufgaben, die jetzt anstehen, besprechen. Zunächst wird es um die klare ­Zuteilung von Verantwortungen gehen.
Was sind die dringlichsten Aufgaben?
Wir müssen uns auf die kommende Transferperiode im Winter vorbereiten. Außerdem wird im Vordergrund stehen, näher an die Mannschaft heranzurücken.
Werden Sie während der Spiele auf der Bank Platz nehmen?
Nein.
Welche Tätigkeiten wird Armin Veh zusätzlich übernehmen?
Der Trainerjob ist eine Aufgabe, die einen zu hundert Prozent auslastet. Diese Erfahrung hat Armin Veh in Wolfsburg selbst gemacht. Es wird daher weiterhin so sein, dass Armin Veh in erster Linie Cheftrainer ist.
Was möchten Sie anders machen als Fredi Bobic?
Ich werde sicherlich Dinge anders angehen – aber das werde ich zunächst intern ­ansprechen.
Wie würden Sie selbst das Verhältnis Ihrer Kompetenzen in den Bereichen Wirtschaft und Fußball beschreiben?
Ich bin gelernter Bankkaufmann und habe ein abgeschlossenes BWL-Studium. Von daher bin ich auf diesem Gebiet sicher bewandert. Und ich bin jetzt 15 Jahre im Fußball-Business und habe mir da ein gutes Netzwerk aufgebaut. Ich denke, ich bin auf die Aufgabe, die mir Vorstand und Aufsichtsrat anvertraut haben, gut vorbereitet.
Wie war es um Ihre fußballerischen Fähigkeiten bestellt?
Meine Karriere fand auf Amateur-Niveau statt. Es war keiner bereit, für mich Geld auszugeben. Ich habe früh erkannt, dass ich auf anderen Feldern erfolgreicher sein ­werde.
Wo haben Sie denn gespielt?
Das war bei meinem Heimatverein im Kreis Schwäbisch Hall und bei einem Verein in Nürnberg während meines Studiums. Damit qualifiziere ich mich vordergründig vielleicht nicht für die große Bundesliga-Karriere. Ich habe aber andere Stärken.
Wie kamen Sie eigentlich zum VfB?
Nach meinem Studium wollte ich eigentlich wieder zur Bank zurück, in den Bereich Börsenwesen. Davor wollte ich aber unbedingt einmal noch ein Praktikum bei einem Fußballverein machen. Dann habe ich mich 1996 hier bei meiner Jugendliebe beworben. Der Kontakt ist nie abgerissen, und nach meinem Studium bekam ich 1999 ein Angebot, hier voll einzusteigen.
Und Sie mussten nicht lange überlegen?
Der Reiz des Fußballs war größer als der einer deutschen Großbank (lacht).
Seit nunmehr 15 Jahren stehen Sie nun im zweiten Glied. Warum hat es Sie nicht schon früher gereizt, in voller Verantwortung zu stehen?
Ich hatte zunächst erfahrene Leute wie Karlheinz Förster, Rolf Rüssmann oder Felix Magath an meiner Seite. Nach Horst Heldts Weggang war damals allen klar, im Vorstand wie auch bei mir, dass wir wieder einen klassischen Sportdirektor dazuholen wollen, am besten einen ehemaligen Profi-Fußballer. Jetzt ist eine andere Zeit. Ich wurde gefragt, ob ich bereit für die neue Aufgabe bin – und habe mit Ja geantwortet.
Sie sehen sich also nicht als Interimslösung?
Erst mal schon. Alles Weitere wird sich zeigen. Die Entscheidung darüber obliegt nicht mir.
Sie wären nicht abgeneigt, dauerhaft Sportdirektor Nummer 1 zu bleiben . . .
. . . wie schon gesagt, das ist eine Frage für Vorstand und Aufsichtsrat. Ich kann nur sagen, dass ich einhundert Prozent für den VfB geben werde.
Inwieweit sehen Sie sich selbst in der Verantwortung für den sportlichen Niedergang?
Wir sitzen alle in einem Boot. Es steht niemandem gut zu Gesicht, jetzt über andere zu richten und mit dem Finger auf sie zu zeigen. Wir sind ein Team – im Erfolgsfall genauso wie bei Misserfolg. Da befinden wir uns jetzt – und jeder hat seinen Teil dazu beigetragen. Ich nehme mich da nicht aus.
Ihr Cheftrainer spricht von einer „vergifteten Atmosphäre“ in Stuttgart. Ist es wirklich so schlimm?
Er hat das in erster Linie auf das Spiel in Dortmund bezogen, wo die Fans die Mannschaft nach einem 0:2-Rückstand unglaublich nach vorne getrieben haben. Ich glaube, er wünscht sich so etwas auch bei uns. Das soll jetzt aber keine Fan-Schelte sein, weiß Gott nicht. Sie unterstützen uns gut. Wir müssen es jetzt aber hinbekommen, dass wir alle – Fans, Mannschaft, Verein – wieder eine feste Einheit werden.
Zum Schluss eine Frage an den ehemaligen „Wetten, dass . .?“-Wettkönig? Was würden Sie darauf wetten, dass der VfB in der Bundesliga bleibt?
Alles.

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