Der Schiedsrichter Felix Zwayer (links) und der VfB-Torschütze Deniz Undav weisen zwar in die gleiche Richtung, sind aber nicht einer Meinung. Foto: Baumann/Hansjürgen Britsch

Die Stuttgarter wollen aus dem ärgerlichen 2:2 bei Bayer Leverkusen neue Energie ziehen – und dem FC Bayern München im nächsten Spitzenspiel auf Augenhöhe begegnen.

Die Wut musste raus. Also schrie Waldemar Anton seinen Ärger in den Leverkusener Abendhimmel. Und er fasste sich dabei mehrfach an den Kopf. Weil der Kapitän des VfB Stuttgart ebenso wenig wie seine Kollegen begreifen konnte, was sich in den letzten Sekunden der Partie in der ausverkauften Bayarena abgespielt hatte.

 

Wahnsinn. Es ist ja nicht mehr zu erklären, wie das Meisterensemble von Xabi Alonso es schafft, drohende Niederlagen abzuwenden. Entschuldigend zuckte der Spanier mit den Schultern in Richtung seines Trainerkollegen Sebastian Hoeneß. „Es gibt keine Erklärung für das, was im Fußball passiert – aber es war gut für uns“, sagte Alonso.

Felix Zwayer steht stark in der Kritik

Für den VfB war es dagegen enttäuschend, da die Gäste bis in die sechste Minute der Nachspielzeit mit 2:1 führten. Im dritten Anlauf schien es möglich, die Leverkusener in dieser Saison tatsächlich zu bezwingen. Nur: es gelang nach dem Unentschieden im Bundesliga-Hinspiel und der Niederlage im DFB-Pokal in einer mitreißenden Partie wieder nicht. Robert Andrich traf zum 2:2-Endstand. Sportlich verdient, aber die Szene vor dem Tor löste weiß-roten Wirbel aus.

Felix Zwayer zog sich den Zorn der Schwaben zu, weil er ein Foul übersah, ein mögliches Handspiel nicht am Videobildschirm überprüfte und länger als zuvor angegeben spielen ließ. „Ich war mit dem zweiten Gegentor nicht einverstanden und ich war mit der Schiedsrichterleistung nicht einverstanden“, sagte Hoeneß. Bereits zuvor hatte der VfB-Coach in Fernsehinterviews deutlich zum Ausdruck gebracht, was er vom Unparteiischen aus Berlin in diesem erst taktisch geprägtem, dann rasantem und stets hitzigem Aufeinandertreffen zweier Topteams hielt.

Zwayer war dem Spitzenspiel nicht gewachsen. „Dieses unglaubliche Spiel hätte eine Spielleitung auf Augenhöhe verdient. Das war aus meiner Sicht nicht immer gegeben. Für beide Teams nicht. Es ist emotional verständlich, aber in der Sache sinnlos, sich damit aufzuhalten. Wir richten den Blick nach vorne und glauben auch an den Lerneffekt bei den Spielleitern“, erklärte Fabian Wohlgemuth. Der Sportdirektor war bemüht, die Gemüter zu beruhigen, da auch die VfB-Profis Gefahr liefen, in Rage zu geraten.

„Wenn ich etwas zum Schiedsrichter sage, dann bekomme ich Ärger“, meinte Deniz Undav, der nach der Führung durch Chris Führich (47.) das 2:0 erzielt hatte (57.). Doch Undav wäre nicht Undav, wenn er nicht sagen würde, was ihm durch den Kopf geht: „Der Schiedsrichter hat eine sehr große Rolle gespeilt – und da sollte nicht sein.“ Das war die diplomatische Version, die aufgewühlte Version war im Kabinengang zu hören, als er Zwayer verhöhnte.

Waldemar Anton hält Motivationsrede

Doch beim VfB ist jedem klar, dass er die große Chance selbst vergeben hat, die Leverkusener Erfolgsserie von nun 46 ungeschlagenen Pflichtspielen zu brechen. Serhou Guirassy nutzte seine Möglichkeiten allerdings nicht. Zweimal vergab der Torjäger den K.o. (59./87.). „Vielleicht wäre das dritte Tor der Wirkungstreffer gewesen, der Bayer in die Knie gezwungen hätte“, sagte Hoeneß. So kamen die Gastgeber durch das Anschlusstor von Amine Adli (62.) schnell zurück und bauten ungeheuren Druck auf.

Schließlich kam Pascal Stenzels ungeschicktes Foul in der Nachspielzeit, das den Ausgleich erst ermöglichte. Der eingewechselte Florian Wirtz gab den Freistoß herein, Victor Boniface räumte den VfB-Verteidiger Anthony Rouault aus dem Weg – und Andrich vollendete. Der Rest war Stuttgarter Ärger, der in neuen Antrieb verwandelt werden soll. Anton bildete noch auf dem Feld einen Mannschaftskreis und redete wie danach Guirassy gegen die leeren Gesichter an. Denn noch ist das Ziel nicht erreicht.

Es bleibt ein Schritt zu gehen, um die direkte Qualifikation für die Champions League zu sichern. „Ich musste hinterher nicht viel sagen, außer dass ich stolz auf die Mannschaft bin“, gab Hoeneß einen Einblick, „sofort kamen die ersten Spielerstimmen, um sich für die verbleibenden Spiele zu motivieren.“ Drei Spiele sind es noch, bei sieben Punkten Vorsprung auf den Tabellenfünften aus Dortmund. Das will sich der VfB nicht mehr nehmen lassen, auch nicht den dritten Rang, dem RB Leipzig durch den 4:1-Sieg gegen den BVB nähergekommen ist.

Kein Grund zur Unruhe. „Wenn wir eine Spitzenmannschaft wie die Leverkusener werden wollen, dann müssen wir aus den eigenen Fehlern lernen“, sagt Undav vor dem Südschlager am Samstag gegen den FC Bayern München. Ein Spiel, das es wieder in sich hat. Doch Hoeneß will sich im Vorfeld nicht zu provokanten Äußerungen hinreißen lassen. Angesprochen auf die zwei vermeintlich spielerisch stärksten Mannschaften in Deutschland – Bayer und der VfB – verneinte der Trainer diese Einschätzung und verwies auf den vor ihm liegenden Ausdruck: „Die Tabelle sagt etwas anderes.“