Die Mannschaft des VfB Stuttgart schwört sich auf die verbleibenden Spiele ein. Foto: Baumann/Volker Müller

Der VfB Stuttgart ist in den verbleibenden zwei Ligaspielen womöglich zum Siegen verdammt – doch hält die wankelmütige Mannschaft diesem Druck stand?

Beim VfB Stuttgart ist die Angst zurück. Fast schon zum Greifen ist die Sorge vor dem Sturz in die Zweitklassigkeit – und sie treibt den Verantwortlichen den Schweiß auf die Stirn. Im wahrsten Sinne des Wortes, weil nach dem nächsten Spieltag feststehen könnte, dass die Mannschaft von Trainer Sebastian Hoeneß nicht mehr zu retten ist. Obwohl es noch vor zwei Spieltagen in der Fußball-Bundesliga anders aussah. Doch das Momentum im Abstiegskampf hat sich gedreht – und dem VfB könnte bereits am Sonntag schwindelig werden.

 

In Mainz treten die Stuttgarter an, und sollten sie verlieren, nachdem am Tag zuvor der FC Schalke 04, der VfL Bochum und die TSG Hoffenheim ihre Begegnungen gewonnen haben, dann wäre das Schreckensszenario bittere Realität. Der VfB stünde als zweiter Absteiger neben Hertha BSC vor dem letzten Saisonhalali fest.

Ein Beleg für Fehlentwicklungen

Es wäre der dritte Abstieg seit 2016 und ein Beleg für viele Fehlentwicklungen und Falscheinschätzungen. Doch zum Glück für den Tabellenvorletzten gibt es in den Hochrechnungen einige Unbekannte – die größte dürfte das eigene Team sein. Es sitzt permanent auf der Falltür zur zweiten Liga, weil es die Spieler nicht schaffen, dauerhaft ihr Leistungsvermögen abzurufen. Schwächephasen folgen Zwischenhochs – und immer wieder geht es von vorne los, wenn man meint, einen Aufwärtstrend zu erkennen.

Fehlende Konstanz nennt sich das, was letztlich auch eine Frage der Qualität ist. Ansonsten wäre es ja nicht der VfB, der sich vielleicht schon bald den Beinamen der Drama-Queen in der Bundesliga zulegen kann. Denn dem Gefühl der Machtlosigkeit will sich im Club niemand hingeben. „Die nervliche Anspannung wird in dieser Woche sicher zunehmen“, sagt Fabian Wohlgemuth, „aber daran werden wir arbeiten.“

Der Sportdirektor ist überzeugt davon, dass die eigenen Profis von ihren Erfahrungen profitieren können. „Die Mannschaft steht gefühlt seit zwei Jahren unter Druck. Sie kann hoffentlich besser damit umgehen als andere im Tabellenkeller.“ Das ruft die Bilder aus dem Vorjahr in Erinnerung, als der VfB auf epochale Weise am letzten Spieltag in der Nachspielzeit sein Happy End(o) feierte.

Mit zwei Unentschieden und einem Sieg zuletzt gelangte der VfB ans rettende Ufer, und das mit Fans geflutete Stadion verwandelte sich in ein Freudenmeer. An die Kraft der Wiederholung will der Anhang nun gerne glauben – aber reicht das in der Endabrechnung? „Wir werden sehen, was dieser Punkt gegen Bayer Leverkusen wert ist. Es bringt jetzt nichts zu rechnen“, sagt Hoeneß.

Der Trainer betrachtet seine Hauptaufgabe nach dem 1:1 nicht darin, Zweckoptimismus zu verbreiten oder auf den Relegationsplatz zu schielen, sondern einzig und allein darin, eine VfB-Elf so vorzubereiten, dass sie beim 1. FSV Mainz gewinnen kann. Danach gegen die TSG Hoffenheim. Klarheit in der Struktur und in den Köpfen fordert er dazu immer wieder. „Wir sind nicht gut beraten, jetzt hektisch zu werden und in Mainz wild nach vorne zu rennen“, sagt Hoeneß, ein Freund der kontrollierten Offensive.

Steigt mit dem Druck die Risikobereitschaft?

Einen mutigen Auftritt hat der Chefcoach gegen die Werkself erkannt, die Serhou Guirassy mit einem verwandelten Foulelfmeter belohnte (57.). Nicht lange hielt die Freude, da die Gäste durch Exequiel Palacios ebenfalls per Strafstoß trafen (70.). Der VfB-Torhüter Fabian Bredlow hatte ohne Not Edmond Tapsoba gerammt, und hinterher vergab Josha Vagnoman die Chance zum Sieg.

Zwei Schlüsselszenen. „Insgesamt gab es mehrere Situationen, in denen wir uns cleverer hätten verhalten sollen“, sagt der Abwehrspieler Waldemar Anton. Wie ein roter Faden ziehen sich Pleiten, Pech und Pannen durch die Saison – wodurch sich eine defizitäre sportliche Rechnung aufmachen lässt. Selbst für die kurze Zeit, in der Hoeneß nun tätig ist und die so gut begann.

Von sechs Ligapartien wurden zwei gewonnen, dreimal gab es ein Unentschieden und nur eine Begegnung ging verloren. Die Niederlage kürzlich bei Schlusslicht Hertha tat allerdings besonders weh und wirkt nach, aber auch die Punktverluste in Augsburg (1:1) und gegen Leverkusen bekommt der VfB jetzt zu spüren. Verlieren verboten, heißt es ab sofort. Womöglich sind die Stuttgarter gar zum Siegen verdammt.

Der Druck steigt also – und damit auch die Risikobereitschaft des Trainers? Ein klares Jein. „Es wird auf den Mix ankommen“, sagt Hoeneß, der mit dem VfB wieder eine Fußballidee pflegt, die den spielerischen Ansatz bevorzugt. Gegen kampfstarke und tief verteidigende Teams stößt der VfB dabei häufig an seine Grenzen, und die Fans wünschten sich, es wäre anders. Gegen kombinationsfreudige und hoch angreifende Kontrahenten halten die Stuttgarter dagegen ordentlich mit – ohne groß zu punkten. Ein Konstruktionsfehler, weshalb Hoeneß die Komponenten neu abmischt, um die Angst vor dem Abstieg doch noch zu besiegen.