Unsere Sportredakteure erklären, wer die Auszeichnung beim DFB-Pokalsieger aus Stuttgart aus ihrer Sicht am meisten verdient hat.
Hier geht es weniger um Statistiken und Werte, sondern um die subjektiven Eindrücke einer Saison. Unser Mein-VfB-Team hat die Mannschaft des VfB Stuttgart ein Jahr lang begleitet und kommt am Ende zu ganz unterschiedlichen Schlüssen, wer das Spiel des Pokalsiegers am meisten geprägt hat. Fünf Köpfe, fünf Meinungen.
Heiko Hinrichsen über Ermedin Demirovic
Er hat seine Torausbeute aus der Vorsaison wiederholt: Wie für den FC Augsburg hat Ermedin Demirovic in der Bundesliga auch für den VfB 15 Tore geschossen – und ist damit in diesem Wettbewerb, dem wichtigsten von allen beim Tanz auf drei Hochzeiten, der beste Stuttgarter Torjäger der Saison.
Er hätte deutlich mehr Buden machen müssen, habe zu viele Dinger versiebt, sagen die einen; nur weil Nick Woltemade im ersten Saisondrittel der Bundesliga-Saison gar nicht spielte, konnte Demirovic Toptorjäger werden, finden andere.
Dabei hat der in Hamburg geborene Bosnier auch auf anderen Feldern seine Qualitäten gezeigt. So musste sich der 27-Jährige erst an das Spiel des VfB gewöhnen, das von ihm anders als in Augsburg nicht nur Qualitäten ganz vorne in der Box abverlangt. Ermedin Demirovic ist inzwischen nicht mehr nur der Ein-Kontakt-Torschütze.
Er ist zudem ein Teamplayer, der nicht murrt, wenn er wie im Pokalfinale gegen Arminia Bielefeld zu Beginn auf der Bank sitzt. Da in dem Stürmer auch ein großer Kämpfer steckt, in dessen Karriere es trotz diverser Rückschläge stetig bergauf ging, dürfen die VfB-Fans von Ermedin Demirovic mit Blick auf die kommende Spielzeit einiges erwarten.
Philipp Maisel über Enzo Millot
Extravaganz und Extraklasse – Enzo Millot besitzt das gewisse Etwas. In den letzten Monaten hat er dazu noch in Sachen Einstellung einen Schritt nach vorne gemacht. War griffig, giftig, gierig und immer dann ganz besonders auf Sendung, wenn die großen, wichtigen Spielen anstanden. Das, gepaart mit 20 Scorerpunkten in dieser Saison (zwölf Tore und acht Vorlagen in 43 Pflichtspieleinsätzen; nur Ermedin Demirovic hat einen Scorerpunkt mehr), macht ihn zu einem immens wertvollen Spieler für den VfB Stuttgart und Trainer Sebastian Hoeneß. Und sorgt dafür, dass er dem Club eigentlich schon entwachsen ist – weswegen er wohl in Berlin das letzte Spiel für die Weiß-Roten gemacht hat.
Gregor Preiß über Jeff Chabot
Da der erste Eindruck bekanntlich zählt, erinnert man sich gerne an ein Interview zu Saisonbeginn zurück. Jeff Chabot war gerade frisch vom 1. FC Köln nach Stuttgart gewechselt. Mit der schwierigen Aufgabe und einigen Zweifeln an ihm im Gepäck, in die großen Fußstapfen von Waldemar Anton treten zu können.
Der erste Eindruck: Der Abwehrspieler, der auf den vollständigen Namen Julian Jeffrey Gaston hört, gibt sich im persönlichen Gespräch so, wie er spielt: schnörkellos, geradeheraus, mit offenem Visier. Sympathisch. Und selbstkritisch genug, sich seine eigenen Schwächen einzugestehen. Etwa im Spielaufbau. Wobei sich dieser im Laufe der Saison gebessert hat.
Auch wenn die Auszeichnung zum Spieler der Saison etwas hochtrabend erscheint: Der 27-Jährige hat sie sich verdient. Als „Jeff, der Chef“ einer nicht immer sattelfesten, da noch nicht eingespielten Abwehr, als bester Zweikämpfer im Team. Mit Potenzial für eine Spielzeit 2025/26, die (noch) besser verläuft als die abgelaufene – für ihn wie für den gesamten VfB.
David Scheu über Maximilian Mittelstädt
Die Szene schaffte es zwar nicht in viele Zusammenfassungen, aber sie wirft ein ziemlich präzises Licht auf Maximilian Mittelstädt: Pokal-Halbfinale, Schlussphase. Der VfB führte, RB Leipzig drängte – und blieb an der Strafraumgrenze am grätschenden Stuttgarter Verteidiger hängen, der die Arme in die Höhe riss und die Klärungsaktion wie ein Tor feierte.
Mit Aktionen wie dieser hat der 28-Jährige in dieser Saison immer wieder aufkommende Gefahren im Keim erstickt, dabei mit vollem Einsatz und großer Lust am Verteidigen die linke Stuttgarter Abwehrseite stabilisiert. Die offensiven Impulse sind dabei nicht zu kurz gekommen: In 44 Pflichtspiel-Einsätzen gab Mittelstädt zwölf Torvorlagen, so viele wie kein anderer VfB-Profi diese Saison. Ein ungemein wertvolles Gesamtpaket also, das der Linksfuß regelmäßig auf den Platz brachte – ohne richtig schwache Spiele oder große Ausreißer nach unten.
Damit zählt er beim VfB fraglos zum Kreis derjenigen, die am nächsten rangekommen sind an ihre Fabelform aus der vorherigen Vizemeister-Saison. Die Krönung folgte für den gebürtigen Berliner ganz zum Schluss mit dem Pokalsieg in seiner Heimat. Der verdiente Lohn für ein starkes Jahr.
Carlos Ubina über Nick Woltemade
Im November ist es noch recht einfach gewesen, mit Nick Woltemade ins Gespräch zu kommen. Er war ein Einwechselspieler mit dem Potenzial zu mehr. Abgerufen hatte es der VfB-Stürmer bis dahin noch nicht so richtig. Weshalb er auch nicht für die Champions League berücksichtigt wurde. Doch es stand eben das Rendezvous mit Woltemades alter Liebe an: Werder Bremen.
Im Interview plauderte der 23-Jährige locker und leicht, ohne den Ernst des Profiseins zu vernachlässigen. So wie sein Spiel ist – und er es seither oft gezeigt hat. Woltemade ist nach Anlaufschwierigkeiten der Senkrechtstarter unter den Stuttgartern. Nicht nur wegen seiner 17 Tore (zwölf in der Liga/fünf im Pokal) in 33 Pflichtspielen, sondern wegen seiner spektakulären Auftritte. Ein Riese, der dribbeln kann. Zu herrlichen Vergleichen ist es deshalb gekommen. Zwei-Meter-Messi, Big Nick, Wondermade.
Jetzt macht sich der Original-Woltemade nach dem Pokalsieg erst mal auf den Weg zur Nationalelf. Der nächste Karriereschritt in kurzer Zeit. Danach geht es zur U-21-EM. Der Angreifer ist mit seiner Spielweise und sympathischen Art gefragt wie nie. Interviews bekommt man deshalb nicht mehr so einfach, aber der Schlaks ist dabei, weiter an Größe zu gewinnen.