Vier Gegentore – dennoch war VfB-Torhüter Tyton ein Rückhalt Foto: Baumann

Nach der Tracht Prügel beim FC Bayern fahndet VfB-Trainer Zorniger nach einem versierten Innenverteidiger. Am Sonntag war er in Italien. Der polnische Nationalspieler Kamil Glick (27) vom FC Turin ist ein Kandidat.

München - Wohl selten hat ein 0:4 beim VfB so viel Erleichterung ausgelöst wie die Pleite vom Samstag, die in der ersten Halbzeit einer sportlichen Hinrichtung glich – auch wenn Schiedsrichter Bastian Dankert ­(Rostock) die Abseitstore zum 0:2 und 0:4 ab- und den regulären Treffer von Timo Werner anerkennt hätte. So legten die Münchner Ballermänner nach der Pause, als der VfB in einer 4-4-2-Grundordnung stabiler auftrat, ein lockeres Trainingsspielchen ein, kamen aber dennoch zu Chancen, die sie allesamt großzügig vergaben.

Hinterher war guter Rat teuer: Dem VfB fehlt es an allen Ecken und Enden – in allen Mannschaftsteilen vor dem starken Torhüter Przemyslaw Tyton, bei der Einstellung, im Zweikampfverhalten und im Spielverständnis. Selten dämlich, wie sich der VfB nach eigenem Eckball das 0:1 selbst einschenkte. Ein Fehler ergab den nächsten – bis sechs Rote die einzige Absicherung (!) namens Serey Dié überrannten.

"Der Markt ist leer gefegt"

Solch stümperhaftes Verhalten ist nicht neu beim VfB, doch nie traten die Defizite so brutal zutage wie diesmal. Was Robin Dutt dazu bewog, die erneut aufkeimenden Zweifel am offensiven Spielsystem von Trainer Alexander Zorniger mit hochstehender Abwehr im Keim zu ersticken.

„Wenn uns einer eine Spielkonzeption anbietet, mit der man in München punkten kann, würden wir sie kaufen. Doch der Markt ist leer gefegt“, sagte der Sportvorstand – selbst Topteams wie der VfL Wolfsburg, Borussia Dortmund und der FC Arsenal gingen zuletzt in der Allianz-Arena mit 1:5 unter.

So ganz vermochte Dutt die Skeptiker freilich nicht zu überzeugen, selbst in den eigenen Reihen war das Grummeln nicht zu überhören. „Wir haben vielleicht zu viel gewollt“, sagte Kapitän Christian Gentner. „Vielleicht war es ein Fehler, dass wir relativ hoch gestanden sind“, meinte Daniel Schwaab. Und Timo Werner ärgerte sich: „Wir haben den Bayern das gegeben, was man ihnen nicht geben darf: viel, viel Platz. Wir standen einfach zu hoch und sind denen ins offene Messer gelaufen.“

So wuchsen die Irritationen im Minutentakt. Wofür Alexander Zorniger das Verständnis fehlte: „Wir wollten viel direkter, viel aggressiver anlaufen. Entweder du spielst es ganz – oder eben gar nicht.“ Immerhin blieb dem Coach trotz des 0:4 genug Zuversicht, um seinen Pressing-Plan zu Ende zu denken: „Es gibt eine Spielweise, mit der man dem FC Bayern beikommen kann, ohne tief zu stehen. Wir müssen so arbeiten, dass wir irgendwann die Qualität haben, um in München zu punkten.“

Innenverteidiger Kamil Glik gilt als kompromissloser Abräumer

Das kann noch den einen oder anderen kalten Winter dauern. Aktuell täte dem VfB schon ein Mann gut, der wie ein Rammbock im Abwehrzentrum steht und womöglich auch die eine oder andere Idee für die Spieleröffnung hat. Deshalb machte Zorniger am Sonntag den Abflug nach Italien. Wenn nicht alles täuscht, zum Spiel des FC Turin gegen Inter Mailand (0:1). Bei Turin, dem Club von Ex-VfB-Verteidiger Cristian Molinaro, ist er auf den polnischen Nationalspieler Kamil Glik (27) aufmerksam geworden, der dem Anforderungsprofil nahe kommt. Der 1,90-m-Mann, mit einem Vertrag bis 2017 ausgestattet, gilt zwar nicht als Pfeil, dafür als kompromissloser Abräumer. Glik, der im Sommer für acht Millionen Euro Ablöse im Angebot war, fühlt sich in der Serie A nicht wohl und drängt in die Bundesliga. Zum VfB? Bedarf wäre vorhanden.

Nachlässigkeiten wie gegen den FC Bayern schüttelt der VfB schon seit Jahren nicht ab, auch nicht gegen schwächere Gegner, auch nicht mit anderen Trainern und Spielsystemen. Deshalb hängt er mit zehn Punkten wieder im Keller, deshalb darf bis zur Winterpause zumindest gegen den FC Augsburg, Werder Bremen und Mainz 05 nichts anbrennen.

„Stuttgart bleibt in der Bundesliga“, sagte Guardiola. Es könnte sein zweites Täuschungsmanöver gewesen sein. „Ich mag Gegner mit dieser Mentalität“, pries er das Zorniger-System und hebelte es mit fünf Stürmern aus – wohl wissend, dass der VfB dieser Übermacht nichts entgegenzusetzen hat. Was zurück zu Kamil Glik führt: Nothelfer wie er sind jetzt dringend nötig.

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