Die Ära Sven Mislintat beim VfB Stuttgart ist zu Ende. Nun geht es um dessen Nachfolge – und viele andere Fragen, die der Bundesligist schnell beantworten muss.
Hoch und Tief. Glückseligkeit und Trauer. Begeisterung und Ärger. Treue und Trennung. So ist das im Sport. Der VfB Stuttgart hat diesbezüglich seine eigene, besondere Historie in diesem auch emotionalen Auf und Ab – und passenderweise markiert es der Club am Mittwoch selbst in skurriler Art und Weise in den sozialen Medien.
Auf der Plattform Instagram postet der VfB erst eine „Story“, in der Günther Mühlhäuser gezeigt wird, einer der treuesten Fans, der als Bäcker VfB-Brot backt und schon über 2000 Spiele und viele Trainingslager live erlebt hat. Zuletzt hat er das Team in die USA nach Austin begleitet, nun spricht er im Video über die Leidenschaft zum Club aus Cannstatt. Man will damit für neue Mitglieder werben. Dann springt die Anzeige um auf den nächsten, direkt folgenden und rund eine Stunde später veröffentlichten Beitrag. Dort heißt es: „Der VfB Stuttgart und Sven Mislintat trennen sich.“
Was am 1. Mai 2019 offiziell begann, endet also an diesem 30. November 2022. Nach Drei Jahren und sieben Monaten ist der Sportdirektor Sven Mislintat Geschichte beim VfB – und für viele gilt nicht nur das. Endet nicht nur eine Amtszeit im schnelllebigen Profigeschäft. Zieht nicht nur einer weiter, wie man es kennt von Spielern, Trainern, Funktionären. Der VfB Stuttgart hatte nach dem Abstieg 2019 vielmehr begonnen, eine neue Geschichte zu schreiben. Initiiert von Thomas Hitzlsperger, gestaltet von Sven Milsintat, umgesetzt ab Dezember desselben Jahres dann von Pellegrino Matarazzo. Nun, mit dem Abschied des bisherigen Sportdirektors, ist diese Story auserzählt.
Angebot nicht angenommen
Der VfB als Club, der die Dinge ein wenig anders angeht. Der der eigenen Geschichte trotzt und auf Kontinuität setzt. Der konsequent auf junge Spieler – externe und eigene – setzt. Der sich als Fußballunternehmen eine glaubwürdige Identität gegeben hat. All das sehen viele rund um den Verein für Bewegungsspiele nun infrage. Weil Hitzlsperger seine Tätigkeit im Frühjahr dieses Jahres beendet hat – Ausgangspunkt war der erbitterte Streit mit dem Präsidenten Claus Vogt. Weil Matarazzo unlängst Opfer des sportlichen Misserfolgs geworden ist – und weil es nun heißt: „Sven hat sich entschieden, unser Angebot nicht anzunehmen. Die Verhandlungen jetzt zu beenden, ist eine gemeinsame Entscheidung aller Verantwortlichen.“
Gesagt hat dies Alexander Wehrle, der im April dieses Jahres als Hitzlsperger-Nachfolger die Geschäfte als Vorstandsvorsitzender der VfB Stuttgart AG übernommen hat. Er hat aus der Zukunft des bisherigen Sportdirektors (der bisherige Vertrag galt bis Sommer 2023) in den vergangenen Wochen eine veritable Hängepartie gemacht. Und andere Prioritäten gesetzt. Wehrle baute den Sportbereich aus, engagierte Sami Khedira und Philipp Lahm als externe Berater. Zudem Christian Gentner als künftigen Leiter der Lizenzspielerabteilung. Mislintat, dessen Tätigkeitsbereich direkt betroffen war, wurde spät informiert – die Vertrauensbasis war, trotz Wehrles Entschuldigung, dahin. Statt der Verhandlungen über einen neuen Vertrag Anfang September gab es teils unsägliche Ränkespiele.
Eine Klausel als Knackpunkt
Dass jener Kontrakt nicht mehr die Ausgestaltung des bisherigen haben würde, war ohnehin klar. Im Dezember 2020 hatte Sven Mislintat seinen Vertrag schon einmal verlängert – und von Thomas Hitzlsperger Konditionen bekommen, die in der Branche als nicht üblich gesehen werden. Sehr gute Bezahlung, sehr viele Kompetenzen – und vor allem ein Vetorecht bei allen sportlichen Entscheidungen. Nun, teilt der VfB mit, habe man dem 50-Jährigen ein „absolut marktgerechtes Angebot“ vorgelegt. Eben ohne diese letzte Entscheidungskompetenz. Mislintat sah sich zu sehr beschnitten, als dass er das Angebot hätte annehmen wollen. „Keinen gemeinsamen Nenner“ habe man gefunden.
Verschwunden ist in Mislintat („Der VfB ist zu einer echten Herzensangelegenheit geworden“) nun also das letzte Gesicht des neuen Wegs, was zahlreichen Anhängern Herzschmerz, Sorgen und Wut beschert hat. Was einige Beobachter und Mitstreiter aber auch begrüßen – da der bisweilen dickköpfige Westfale beileibe nicht nur Fürsprecher hatte. Überaus kritisch wurden zuletzt vor allem drei Dinge beäugt.
Die vielen vom ihm verpflichteten Talente, die Kosten verursachen, aber scheinbar perspektivlos ausgeliehen sind. Die stockende sportliche Entwicklung – der VfB schwebt erneut in Abstiegsgefahr. Und die Tatsache, dass Mislintat die sportliche Lage oft mit der Tatsache begründete, er habe aus wirtschaftlichen Gründen immer wieder die besten Spieler abgeben müssen. Was Wehrle in der Mitteilung vom Mittwoch als „geradlinige“ Art benannte, war manch einem im roten Haus zudem zu direkt und selbstbewusst.
Tatsächlich aber hat der Mann, den sie „Diamantenauge“ nennen, einige Schnäppchen (Konstantinos Mavropanos, Wataru Endo) aufgespürt. Und dem VfB Erlöse beschert, die den Club unter anderem gut durch die Coronakrise haben kommen lassen. Kein Geheimnis ist es, dass er sich zügig einen Kapitalfluss von außen gewünscht hat, um diesem Zwang entfliehen und neue Ziele in Angriff nehmen zu können.
Wohin geht der Weg des VfB?
Seit 2017 ist der Club auf der Suche nach einem weiteren großen Investor neben der Mercedes-Benz Group (hält 11,75 Prozent der AG-Anteile). Das von Präsident Vogt avisierte Mittelstandsbündnis etwa ist bislang ein leeres Versprechen. Der Clubchef wollte seit seinem Amtsantritt Ende 2019 das Gute bewahren, alles andere verbessern, den Club stabilisieren und beruhigen. Doch auch er muss sich nun auf Gegenwind einstellen ob des Abschieds Hitzlspergers, Matarazzos und Mislintats im Laufe seiner bisherigen Amtszeit. Als Aufsichtsratsvorsitzender der AG „unterstützt“ Vogt mit dem Kontrollgremium das Vorgehen in Sachen Mislintat, dem vor allem Vizepräsident Rainer Adrion kritisch gegenüber stand. Die unruhigen Zeiten sind längst zurück, nun ist die Frage: Wohin steuern Vogt und Wehrle den VfB?
Für den Moment steht die AG nicht nur ohne weiteren Investor und Sportdirektor da. Auch die Entscheidung, mit welchem Trainer das Team in den Rest der Saison gehen soll, steht aus. Bis zum Trainingsstart am 12. Dezember sollen die personellen Entscheidungen gefallen sein. Egal, wie es ausgeht: Es bleiben weitere Fragezeichen.
Noch ist unklar, ob die Mercedes-Benz Bank dem Club als Hauptsponsor erhalten bleibt. Senkt das Unternehmen den Daumen, fehlt dem VfB nicht nur eine Summe von jährlich rund 16 Millionen Euro, sondern auch die Zeit, einen adäquaten Nachfolger zu finden. Die Rückzahlung der Corona-Hilfskredite, die Mindereinnahmen aus dem Stadionumbau und dessen Kosten belasten den VfB bis auf Weiteres zudem.
„Dank und Respekt“ für Sven Mislintat
Unter all diesen Rahmenbedingungen – dazu könnte der Unmut der Fans kommen – lautet das größte Ziel der kommenden Monate: Klassenverbleib in der Fußball-Bundesliga. Sven Mislintat war von seiner Mannschaft überzeugt, sah ihre beste Zeit noch kommen, die eigenen Talente im Kommen und hätte vor allem deswegen gerne in Stuttgart weitergearbeitet. „Ich hätte gerne weiter meinen Teil zu einer positiven Entwicklung dieses großen Vereins beigetragen“, sagte er am Mittwoch. „Ihm gelten Dank und Respekt“, erklärte derweil Wehrle – für dessen Handeln in Sachen Sportdirektor es nun zwei Versionen gibt.
Die einen sagen, er habe im Sinne der AG gehandelt, indem er einen Vertragsentwurf vorgelegt hat, der Kompetenzen und Bezahlung so berücksichtigen, wie es der Verantwortung gegenüber dem Unternehmen entspricht. Die anderen meinen, mit dem gestutzten Kontrakt sollte die Ablehnung des Westfalen vollends provoziert werden. Welche Version die richtige ist?
Spielt im Ergebnis keine Rolle. Sven Mislintat ist seit 30. November 2022 Teil der unsteten Geschichte des VfB Stuttgart.