Sportlich ist der VfB Stuttgart im Aufschwung – auf der Geschäftsstelle aber rumort es. Jetzt soll ein Betriebsrat die Situation verbessern. Was steckt dahinter?
Stuttgart - Das gesamte Unternehmen war in seiner Existenz bedroht, als sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Borussia Dortmund zu einer historischen Entscheidung durchrangen. Inmitten der großen Finanzkrise 2004/2005, die fast zur Insolvenz des Traditionsclubs aus Westfalen geführt hätte, wollte die BVB-Belegschaft den sich häufenden Kündigungen ihrer Kollegen nicht länger tatenlos zuzuschauen – und gründete im August 2005 den ersten Betriebsrat in der Fußball-Bundesliga.
Bis heute sind organisierte Arbeitnehmervertretungen bei Proficlubs nicht die Regel, sondern die große Ausnahme – auch weil ein Arbeitsplatz in der Fußballbranche für viele Angestellte sehr häufig nicht nur ein Job, sondern vor allem eine Herzensangelegenheit ist. Überstunden, Wochenendarbeit oder eine Entlohnung ohne tarifliche Grundlage gelten oft als selbstverständlich und werden klaglos in Kauf genommen – zumindest so lange die Jobzufriedenheit und die Identifikation mit dem Arbeitgeber stimmen.
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Beides scheint auf der Geschäftsstelle des VfB Stuttgart aus dem Lot geraten, denn nun soll nach Informationen unserer Zeitung auf Betreiben dreier langjähriger Mitarbeiter auch dort ein Betriebsrat ins Leben gerufen werden. Bisher folgten neben dem konzerngelenkten VfL Wolfsburg nur der FC Schalke 04 und der Hamburger SV dem Dortmunder Beispiel. Von einem Klima der Angst und Einschüchterung berichteten Mitarbeiter auf Schalke, ehe seit Frühjahr 2019 auch dort das Betriebsverfassungsgesetz die Zusammenarbeit zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmern regelt. Sportlicher Niedergang und wiederkehrendes Führungschaos waren ein halbes Jahr vorher beim heutigen Zweitligisten HSV der Grund gewesen, erstmals einen Betriebsrat zu wählen.
VfB-Mitarbeiter berichten von schlechter Stimmung an der Basis
Bei der VfB-AG hingegen ändern offenbar auch der sportliche Aufschwung und die derzeitige Ruhe an der Vereinsspitze nichts am wachsenden Unmut auf den unteren Ebenen. Er geht teilweise so weit, dass Mitarbeiter, die schon seit Jahren für den VfB tätig sind und manchen Sturm erlebt haben, davon berichten, die Stimmung an der Basis sei selten schlechter gewesen.
Zu viel habe sich im Laufe der Zeit angestaut, zu oft habe es an Transparenz gemangelt, wenn bei Umstrukturierungen neue Posten, Bereiche und Zuständigkeiten geschaffen wurden. Aus schwer nachvollziehbaren Gründen, so lautet bei Teilen der Belegschaft die Klage, seien einzelne Mitarbeiter befördert und andere übergangen worden. Kurzum: Es herrsche bei vielen Angestellten ein Klima der Unzufriedenheit.
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Für mehr Mitbestimmung in Personalfragen soll künftig ein Betriebsrat sorgen und auch ansonsten die Interessen der rund 350 VfB-Mitarbeiter vertreten. Die nötigen Vorkehrungen laufen. Auf der Geschäftsstelle an der Mercedesstraße hängen Informationsschreiben aus, auch Beratungsgespräche mit Funktionären der Dienstleistungsgesellschaft Verdi hat es bereits gegeben. So schnell wie möglich, so lautet die Hoffnung der drei Initiatoren, sollen die Vorbereitungen abgeschlossen und die Wahlen terminiert werden. Rein theoretisch könnte ein Betriebsrat auch bei der Verpflichtung neuer Spieler auf seine Zustimmung pochen – ein Recht, das in der Praxis jedoch völlig abwegig ist.
Vorstandschef Thomas Hitzlsperger spricht von einem „legitimen Wunsch“
Als „legitimen Wunsch aus den Reihen unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“, wertet VfB-Vorstandschef Thomas Hitzlsperger die Bestrebungen und sagt: „Der VfB ist ein modernes Unternehmen, das in den vergangenen Jahren stark gewachsen ist und sich weiterentwickelt.“ Der Vorstand, so verspricht Hitzlsperger, werde „diesen Prozess so begleiten und unterstützen, wie es vorgegeben und gewünscht ist“.
Zuspruch kommt von der Spielergewerkschaft VDV, die zwar nur die Interessen von Profis vertritt, der aber auch Probleme auf Geschäftsstellen nicht fremd sind. „Ein Betriebsrat bietet immer auch die Chance, die Unternehmenskultur und somit die Betriebsergebnisse zu verbessern“, sagt Geschäftsführer Ulf Baranowsky – weiß aber auch: „Leider will nicht jeder Manager seine Macht teilen und neue Wege einschlagen.“ Zu verhindern ist ein solches Vorhaben nicht – es obliegt allein den Arbeitnehmern, die Initiative zu einer Betriebsratswahl zu ergreifen.