Der Antrag des VfB Stuttgart auf staatliche Corona-Hilfen hat gespaltene Reaktionen hervorgerufen. Zwar stehen auch Fußballvereinen die Fördertöpfe zur Verfügung. Doch machen nicht alle Clubs davon Gebrauch – auch nicht die VfB-Rivalen aus Baden-Württemberg.
Stuttgart - Eines kann dem VfB Stuttgart niemand vorwerfen: Dass die Verantwortlichen auf der Suche nach Einsparpotenzialen nicht alle Ecken ihres Vereins ausleuchten würden. Am Mittwoch zum Beispiel verkündete der Club, dass das eSport-Team des VfB mit sofortiger Wirkung aufgelöst wird. Mit einigem Tamtam war es 2017 gegründet worden und hatte zwei Jahre später die Vizemeisterschaft in der virtuellen Bundesliga gefeiert. Jetzt blieb dem VfB nur das Versprechen, dass man mit den bisherigen Teammitgliedern auch weiterhin „im guten Austausch bleiben“ werde.
Kurz zuvor war bekannt geworden, dass der Aufsteiger in seiner finanziellen Not auch an viel größeren Rädern dreht. Finanzchef Stefan Heim bestätigte die Recherchen unserer Zeitung, dass der VfB einen Antrag auf einen Hilfskredit aus dem Corona-Sonderprogramm der staatlichen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) gestellt hat. Es soll sich um einen Betrag von zehn bis 15 Millionen Euro handeln, mit dem der Club mögliche Liquiditätsengpässe im Zuge ausbleibender Einnahmen überbrücken will.
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Die Nachricht hat einige Aufregung ausgelöst – auch beim zuständigen Bundeswirtschaftsministerium und der Deutschen Fußball-Liga (DFL), die sich aufgrund unserer Recherchen zu kurzfristigen Gesprächen zusammengeschaltet haben sollen. Groß ist vor allem bei der DFL die Sorge, dass sich die Frage, ob der Staat für die Rettung von in Not geratenen Bundesligisten wie dem VfB zuständig ist, zum allzu emotional besetzten Politikum ausweiten könnte. Es ist auch eine Frage der Betrachtungsweise.
Der Linken-Chef hat kein Verständnis für den Hilferuf des VfB
Auf der einen Seite schwamm der Profifußball jahrelang im Geld und hat es mit beiden Händen ausgegeben – bis die Corona-Pandemie die unerschöpflich scheinenden Geldquellen schlagartig versiegen ließ. „Und dann beantragt ein Proficlub, der Millionengehälter zahlt, Hilfen aus dem Corona-Topf?“, sagt der Linken-Chef Bernd Riexinger und schüttelt den Kopf. „Dafür habe ich wenig Verständnis.“ Er sei zwar großer Fußballfan, „mein Herz gehört zu einem guten Teil dem VfB“ – allerdings: „Wir haben gerade so viele notleidende Menschen, die das Geld dringender brauchen.“
Auf der anderen Seite besteht kein Zweifel daran, dass auch Proficlubs Wirtschaftsunternehmen sind, die Arbeitsplätze schaffen und Steuern zahlen – und somit den Anspruch haben, an den milliardenschweren Hilfspaketen des Staats zu partizipieren. So jedenfalls sieht es naturgemäß die DFL, dessen Vorsitzender Christian Seifert die Rettung von Arbeitsplätzen in den Vereinen und den vielen (Klein-)Betrieben im Umfeld des Fußballs vom ersten Tag an in den Mittelpunkt seines Krisenmanagements gerückt hat.
Die Clubs bekämen vom Staat kein Geld geschenkt
Dass Bundesliga-Clubs wie alle anderen Wirtschaftsunternehmen zu behandeln sind, findet auch der Vorsitzende der FDP in Baden-Württemberg, Michael Theurer: „Wenn Staatshilfen zur Verfügung gestellt werden, dann müssen die gleichen Kriterien gelten. Insofern ist ein Zugang zum Kreditprogramm der KfW in Ordnung.“ Ohnehin geht es nicht darum, dass den Vereinen vom Staat Geld geschenkt wird. Der Steuerzahler muss nur dann einspringen, wenn die Kredite nicht bedient werden können.
Der VfB ist mit seinem Hilferuf an den Staat nicht alleine. Neben Werder Bremen dürften sich auch zahlreiche weitere Clubs aus der ersten und zweiten Liga an die KfW gewandt haben – genauere Angaben sind darüber bei der DFL nicht in Erfahrung zu bringen. Doch gibt es auch Vereine, die einen solchen Schritt kategorisch ablehnen – darunter die beiden Bundesliga-Rivalen des VfB aus Baden-Württemberg, die ihre Mitarbeiter (anders als die Stuttgarter) nicht einmal in Kurzarbeit geschickt haben.
Die TSG Hoffenheim und der SC Freiburg verzichten auf staatliche Hilfe
„Wir haben keine Hilfen beantragt und planen dies auch nicht“, sagt Christian Frommert, der Sprecher der TSG Hoffenheim, auf Nachfrage unserer Zeitung. „Im Gegenteil: Wir haben bereits im März einen Hilfsfonds aufgelegt, mit dem wir andere Clubs und Einrichtungen unterstützen.“ Dank ihres Mäzens Dietmar Hopp mögen die Hoffenheimer gut reden haben – doch gehört zur Wahrheit auch, dass die TSG in den vergangenen fünf Jahren Transferüberschüsse in Höhe von rund 123 Millionen Euro erzielt hat. „Nachhaltiges Wirtschaften hat uns bislang in die Lage versetzt, den Club sanft durch diese Krise zu steuern“, sagt Frommert: „Achtsamkeit, vorausschauendes Planen und Handeln werden natürlich auch weiterhin den Kurs bestimmen.“
Nicht anders ist es beim SC Freiburg, der zwar noch immer als Verein geführt wird, das Sonderkreditprogramm der KfW für Unternehmen aber dennoch in Anspruch nehmen könnte. Damit beschäftigt sich der Bundesligist nach eigenen Angaben nicht – und verweist auf seine Rücklagen und auf die vergangenen Jahre, in denen sehr seriös gewirtschaftet worden sei. Im Geschäftsjahr 2018/19 erzielte der SC einen Gewinn von 6,9 Millionen Euro, 2017/18 waren es 11,1 Millionen.
Mit Personalkosten in Höhe von 45 Millionen Euro hielten sich die Freiburger 2018/2019 komfortabel in der Bundesliga, in der abgelaufenen Saison wurden sie sogar Achter. Der VfB bezahlte seinen Spielern 2019 (ligaübergreifend) 76 Millionen und stieg trotzdem ab.