Dass der VfB Stuttgart seinen Grundlagenvertrag nach Jahren modifiziert hat, wurde als Nachricht Ende März relativ achselzuckend aufgenommen. Doch dahinter stecken wichtige Regelungen.
Die Beziehungen zwischen der VfB Stuttgart AG und dem e. V. wurden angepasst. Rund vier Monate hat eine mehrköpfige Projektgruppe an dem neuen Grundlagenvertrag gearbeitet. Sie war interdisziplinär aufgestellt. Unter der Leitung von Vizepräsident Rainer Adrion fanden sich Personen aus der AG, dem Präsidium und dem Vereinsbeirat zusammen, um gemeinsam an einer Lösung zu arbeiten. Adrion berichtet auf Nachfrage von einer konstruktiven Zusammenarbeit. Man habe „die selbst gesteckten Ziele innerhalb der letzten Monate erreicht.“ Und somit nun einen „Grundlagenvertrag, der ein besseres Fundament für die Zusammenarbeit zwischen e.V. und AG darstellt.“
Doch was genau steckt dahinter? Um das zu erklären, muss man ein paar Jahre zurückgehen. Vor nunmehr sechs Jahren arbeitete man beim Club mit Hochdruck daran, die Profisparte aus dem e. V. auszugliedern. Und gleichzeitig einen Ankerinvestor zu finden, der eine signifikante Summe für seine Anteile zu zahlen bereit ist. Beides gelang– wenn auch teils unter Zuhilfenahme fragwürdiger Methoden, wie beispielsweise die Datenaffäre später aufdecken sollte. Damit eine entsprechende Summe fließen konnte, war es nötig, den Wert des Clubs und somit auch der „Marke VfB Stuttgart“ aufzustocken. Die damaligen Verantwortlichen um Präsident Wolfgang Dietrich setzten alles daran, dass dem so kam. So wurden zum Beispiel alle Rechte an Bild- und Wortmarke inkludiert und im Grundlagenvertrag ist eine Abtretung dieser Rechte verankert. Das bedeutet: Überall, wo das VfB-Wappen aufgedruckt ist, wird Geld verdient. Die Rechte und Lizenzen dafür vergibt die AG. Doch der Verein, der das Wappen einst als das seine definiert hat, sieht davon keinen Cent.
NLZ erhält zukünftig Vergütung für Talente
Auch weitere Rückflüsse gestalteten sich bislang minimal. Ein weiteres Beispiel: Wenn ein neuer Sponsor für die AG gefunden war, so wurde von der Summe für den e. V. nichts durchgeleitet. Selbst auf Sponsorensuche gehen konnte der e. V. oder die einzelnen Abteilungen nicht, der Grundlagenvertrag schob einen Riegel vor. Ein neues Vermarktungskonzept für die Abteilungen soll nun Abhilfe schaffen. Der e.V. trug seinerseits Kosten, etwa für das Nachwuchsleistungszentrum (NLZ). Nur die Leistungsmannschaften U 17, U 19, U 21, das Frauen-Team und die U17-Juniorinnen sind der AG zugehörig. Der komplette Grundlagen- und Ausbildungssektor dagegen gehört zum e. V. – und damit auch alle Kosten. Wenn aufgrund der guten Grundlagenarbeit ein Talent für eine hohe Summe den Club verließ, kassierte die AG den Transferbetrag. Zukünftig bekommt der e.V., beziehungsweise das NLZ eine Vergütung, wenn ein Talent aus dem Ausbildungs- in den Leistungsbereich wechselt.
Der vielleicht größte Kostenpunkt war die Mitgliederverwaltung. Der Club hat rund 76 000 Mitglieder. Die Verwaltung dieser wurde und wird weiterhin von der AG gemanagt. Die hat für diese Dienstleistung Geld kassiert – und zwar so viel, dass der e. V. am Ende beinahe noch draufzahlen musste. Kurzum: Obwohl der Verein immer noch über 85 Prozent der Anteile an der AG hält, also deren größter Anteilseigner ist, kam er im bisherigen Konstrukt nicht allzu gut weg. Nach Informationen unserer Redaktion musste er sich sogar bei der AG Geld leihen, um überhaupt eine ordentliche Mitgliederversammlung durchführen zu können. Denn die kostet rund eine halbe Million Euro. Eine Summe, die der Verein nicht aufbringen konnte.
Sechstellige Summe kann jährlich fließen
Nun wurden rückwirkend „sinnvolle Anpassungen vorgenommen und dadurch die Belastungen aus den wechselseitigen Dienstleistungs- und Vergütungsvereinbarungen gerechter verteilt“, bilanziert Adrion. Der e.V. sei „nunmehr in der Lage, das NLZ und die Vereinsabteilungen besser stärken und unterstützen zu können.“ Insgesamt kann so eine Summe von rund 500 000 Euro pro Jahr von der AG an den e. V. fließen. Abhängig von diversen Faktoren kann es auch weniger sein. Eine sechsstellige Summe ist es aber in jedem Fall und somit eine solide Grundlage. Man kann endlich auf Augenhöhe agieren. Dem e.V. steht zukünftig ein Beitrag zur Verfügung, mit dem er nicht nur die Abteilungen unterstützen, sondern auch am Ausbau seiner professionellen Strukturen gearbeitet werden kann.
Projektgruppenleiter Adrion verteilt Lob im großen Stil. Er dankt „den jetzigen Gremienverantwortlichen der AG und des Vereins für ihr lösungsorientiertes und verantwortungsbewusstes Handeln.“ Denn schließlich sei es zum Wohle des VfB Stuttgart“ gewesen, den Grundlagenvertrag „in dieser Weise anzupassen und umzusetzen.“ Das passt ganz in die Argumentationskette von Präsident Claus Vogt und dem Vorstandsvorsitzenden Alexander Wehrle, die nicht müde werden zu betonen, es gebe „nur einen VfB Stuttgart“ und eben nicht einen e. V. und eine AG.
Offen bleibt zumindest vorerst der Umstand, warum der ursprüngliche Grundlagenvertrag von 2017 noch immer öffentlich einsehbar ist, der neue den Mitgliedern aber bisher nicht in dieser Form verfügbar gemacht wurde. Nach Informationen unserer Redaktion läuft immerhin eine Prüfung, ob und wie dies geschehen könnte.