Typische Szene aus einem Heimspiel der VfB-Reserve: Das Grüppchen der eigenen Fans ist überschaubar, nur der Gästeblock von Hansa Rostock ist gut gefüllt Foto: Baumann

Seinen Heimspielauftakt am Freitag (19 Uhr) gegen Preußen Münster dürfte der VfB erneut vor weitgehend leeren Rängen austragen. Nicht ohne Grund: Ultras werfen ihrem Verein Doppelmoral vor.

Stuttgart - Anlässlich des Starts in ihre achte Spielzeit wurde vor wenigen Tagen die ewige Tabelle der dritten Liga veröffentlicht. Darin belegt die zweite Mannschaft des VfB Stuttgart hinter Spitzenreiter Rot-Weiß Erfurt den dritten Platz. Die U 23 des Bundesligisten ist von Anfang an dabei und lässt die Pendants anderer Proficlubs weit hinter sich. Der VfB und seine Reserve – rein sportlich betrachtet eine Erfolgsgeschichte.

Nur in einem Punkt herrscht im Schatten des weiß-roten Profibetriebs latente Unzufriedenheit: Stimmung herrscht bei den Spielen meist keine. Allenfalls der Anhang von Gästeteams wie Dynamo Dresden oder Hansa Rostock sorgt dafür, dass sich die Atmosphäre nicht anfühlt wie bei einem Landesligakick. Für die Unterstützung der eigenen Mannschaft finden sich nur selten mehr als 400 bis 500 Getreue im Gazistadion oder im letztjährigen Ausweichquartier in Großaspach ein. Ultras, die bei den Spielen der ersten Mannschaft für das Salz in der Suppe sorgen, sucht man praktisch vergebens. Einzig die „Remsecker Rabauken“ machen ein wenig Remmidemmi.

"Mannschaft hätte sicher mehr Unterstützung verdient"

„Angesichts der Erfolge in den vergangenen Jahren hätte sich die Mannschaft sicher mehr Unterstützung verdient“, sagt Trainer Jürgen Kramny. Allein, auch in dieser Saison mit dem Heimspielauftakt am Freitag (19 Uhr) gegen Preußen Münster dürfte sich der Zuschauerschnitt wieder bei 1000 einpendeln. Die Verantwortlichen geben sich da keinen Illusionen hin. Im vergangenen Jahr war dies der schlechteste Wert aller Drittligisten – selbst die Spiele der Zweitvertretung von Mainz 05 waren besser besucht. Zu den Drittliga-Partien von Borussia Dortmund kamen dreimal so viele Fans ins Stadion Rote Erde.

Bei den Schwarz-Gelben sorgt die altehrwürdige Spielstätte im Schatten des Signal-Iduna-Parks für den gewissen Kick. Hier die warmherzige Amateuerklasse, dort der durchkommerzialisierte Zirkus Fußball-Bundesliga – für nicht wenige Dortmunder Ultras haben sich in den vergangenen Jahren die Prioritäten verschoben. Außerdem spielen die Eintrittspreise im Revier eine nicht unerhebliche Rolle, wenn die Fans sagen: „Gemma lieber zu die Amateure!“

Ähnlich die Situation auf Schalke. Bei Heimspielen der Knappenschmiede gibt es seit Jahren Dauersupport. Die Spiele der Amateure gelten als Versuchslabor. Neue Fan-Gesänge werden hier zuerst ausprobiert. Zwar sind die Besucherzahlen rückläufig, seit die kleinen Knappen nach Bottrop und Wanne-Eickel ausweichen müssen. Bald soll aber das neue Amateurstadion fertig sein.

Dann sind auch wieder Zuschauerzahlen im Bereich von 5000 denkbar – einem Bereich, in den bisher nur Eintracht Frankfurt vorstieß. Dort verliehen vor allem die vielen Eintracht-Ultras mit Stadionverbot den Sportplätzen im Hessischen echte Fußball-Atmosphäre. Heute müssen sie sich anderweitig vergnügen – aus Kostengründen hat die Eintracht ihre U 23 abgemeldet.

Bayern-Fans zieht es in die Hermann-Gerland-Kampfbahn

Abgewendet hatten sich in der vergangenen Saison die Ultras von Hannover 96 – und zwar von ihrer eigenen Profi-Mannschaft. Genauer: von Präsident Martin Kind und dessen Visionen eines reinen Fußballunternehmens. Die Vereinigungen zeigten den Profis die kalte Schulter und pilgerten stattdessen zum Regionalligateam – ehe sie angesichts des drohenden Abstiegs zum Saisonende wieder auf die Bundesligabühne zurückkehrten.

Es gibt also viele Gründe für Fans, lieber Spiele auf wackligen Stehtribünen gegen Weiche Flensburg oder Großaspach zu verfolgen, als mit der eigenen Bundesligatruppe gegen den FC Bayern München mitzufiebern. Apropos FC Bayern: Auch dort gibt es Abweichler, die lieber zum Nachwuchs ins Grünwalder-Stadion (sie nennen es Hermann-Gerland-Kampfbahn) gehen. Um dort Dinge zu erleben, die sie aus der Bundesliga überhaupt nicht kennen: einen spannenden Kampf gegen den Abstieg beispielsweise.

Und beim VfB? Dort sind die Gründe für die maue Unterstützung bei der Zweiten ebenfalls vielschichtig. Gerade die Älteren machen noch immer einen Bogen um die Heimspielstätte Gazistadion – für sie ist es auf ewig der Kickers-Platz. Großaspach war ebenfalls keine Option, am liebsten sähen die eingefleischten Fans die kleinen Roten im Schlienz-Stadion kicken. Einstige Überlegungen, das Stadion drittligatauglich zu machen, scheiterten jedoch am Geld.

Immer wieder wird der Vorwurf laut, der Verein selbst unternehme zu wenig, seine erfolgreiche U 23 besser in Szene zu setzen. Außer verbilligten Tickets fiel den Entscheidern nicht viel ein, sie hatten zuletzt genügend andere Baustellen. Viele Ultras vom Commando Cannstatt und dem Schwabensturm machen indes ganz bewusst einen Bogen um die dritte Liga. Sie werfen ihrem Verein Doppelmoral vor, wenn dieser sich einerseits Tradition auf die Fahnen schreibt, andererseits aber durch seine eigene Sportpolitik anderen Traditionsvereinen das Tor zur dritten Liga versperrt. „Wie in der vergangenen Saison ausgemusterte oder lange Zeit verletzte Profis zahlreich in der zweiten Mannschaft einzusetzen, halten wir für Wettbewerbsverzerrung“, sagt ein Vertreter der Ultras. „Da machen wir nicht mit.“

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