Die Fans des VfB Stuttgart sind glückselig aus Berlin zurückgekehrt. Einer von ihnen aber auch mit Spuren auf der Stirn. Wie es zu der Wunde kam? Ist eine verrückte Geschichte.
„Des glaubsch au koim“ – so stand es auf einem Banner, das Teil der Choreografie war, die die Fans des VfB Stuttgart beim Pokalfinale im Berliner Olympiastadion zeigten. Und tatsächlich war die Tatsache, dass sich der VfB innerhalb zweier Jahre vom Relegationsteilnehmer zum Titelträger gemausert hat, für viele eher surreal. Aber, ja: Der Traum wurde wahr am vergangenen Samstag.
Für manch einen im Wortsinn – und mitsamt einer schmerzhaften Erfahrung.
In den Tagen nach dem Stuttgarter Pokalsieg erreichte unsere Redaktion eine wahrlich verrückte Geschichte, über die man auch sagen kann: „Des glaubsch au koim.“ Also haben wir nachgefragt – in diesem Fall bei Helmut Haslauer aus Esslingen. Dem ist eines gleich vorneweg ganz wichtig: „Ich habe an dem ganzen Wochenende keinen Schluck Alkohol getrunken.“ Er lacht schallend. Denn bei dem, was er nun erzählt, ist diese Information durchaus relevant.
Völlig nüchtern hat der fast 75-Jährige also zusammen mit seinem Sohn das Pokalfinale live im Berliner Olympiastadion erlebt. Selbst Fußball gespielt hat Helmut Haslauer übrigens nie („Mein Vater hat’s mir damals verboten“). Aber er kennt den Fußball und seine Protagonisten bestens. Als Realschullehrer in Ostfildern, zum Beispiel, gehörte einst der junge Tayfun Korkut (später türkischer Nationalspieler und Coach des VfB) zu seinen Schülern. Oder auch Tobias Rathgeb, der lange beim VfB II kickte und heute Co-Trainer der A-Junioren ist. Aber das nur am Rande.
Das Endspiel also war eine schöne Sache, der Stresspegel aber schon vorab hoch, weil es Probleme beim Zugang mit dem Sohn im Rollstuhl gab (der DFB ist bereits ausführlich informiert). Zwei Stunden hat’s gedauert, bis alle Hürden überwunden waren und sie endlich ihre Plätze einnehmen konnten.
Hotel gegenüber dem Krankenhaus
Nach der Partie haben die beiden dann lieber lange gewartet, um gut aus dem Stadion zu gelangen. Um 0.30 Uhr kamen sie im Hotel in der Berliner City an. Es wurden dann noch ein paar Zusammenfassungen des Finales und Interviews geschaut, gegen 2 Uhr legte sich Helmut Haslauer dann endgültig ins Bett – aber nicht für lange.
Denn: Der Pokaltraum riss ihn aus dem Schlaf. Nicht sanft, sondern mit einem ordentlichen Bumms.
„Ich hatte“, versichert Helmut Haslauer, „bis dahin noch nie vom Fußball geträumt.“ Nun aber stand er – imaginär und im Schlaf – plötzlich in der Innenverteidigung. Spielte, kickte, grätschte. Und köpfte. Das, erinnert er sich Tage später lachend, war der Moment, als Traum und Wirklichkeit auf schmerzhafte Weise verschwammen.
„Es hat einen Riesenschlag getan“, sagt Helmut Haslauer, der nicht nur vom Flugkopfball träumte, sondern in schlafwandlerischer Weise auch zu einem solchen ansetzte. Da aber so ein Hotelzimmer keine grüne Wiese ohne Hindernisse ist, köpfte er nicht den Ball aus der fußballerischen Gefahrenzone, sondern schlug mit der Stirn an der Schrankwand ein. Und endete so ähnlich wie einst Dieter Hoeneß im Pokalfinale 1982.
Der damalige Bayern-Stürmer entschied das Endspiel gegen den 1. FC Nürnberg mit einem Mull-Turban – zuvor hatte er sich eine Risswunde an der Stirn zugezogen. Helmut Haslauer wiederum wurde zwar nicht von Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt verarztet. Doch nachdem er mit blutender Stirn an der Hotelrezeption vorstellig geworden war, merkte er, was er neben seiner Wunde auch hatte: Glück im Unglück.
„Das Berliner Franziskus-Krankenhaus befand sich direkt gegenüber unserem Hotel“, sagte er – und kann nur lobend erwähnen, wie er dort versorgt worden ist: „Nach 50 Minuten lag ich schon wieder im Bett und habe bis 9.30 Uhr geschlafen.“
Mit einem Pflaster auf der Stirn, einem blauen Auge darunter. Aber glücklicherweise: ohne von einem Fallrückzieher zu träumen.