Armin Veh glaubt, dem VfB Stuttgart nicht mehr helfen zu können. Foto: dpa

Die Rückkehr von Armin Veh zum VfB Stuttgart war mit vielen Hoffnungen und Erwartungen verbunden. Nach dem Rücktritt des Trainers am Montag ist klar: Es waren zu viele.

Stuttgart - Vermutlich hatte sich Bernd Wahler nicht mit Manfred Wimmer abgesprochen, bevor er am Montagmittag in der Mercedes-Benz-Arena vor die Presse trat. Dabei klang das, was der Präsident des VfB Stuttgart sagte, in großen Teilen nach dem, was der ehemalige Chef des FC Hansa Rostock einst von sich gab. Im Oktober 2003 hatte Wimmer erklärt: „Die Entscheidung hat uns sehr überrascht, aber wir akzeptieren sie. Der Arbeitsvertrag ist mit sofortiger Wirkung aufgelöst.“ Und: „Wir haben vergeblich versucht, ihn umzustimmen.“

Wahler sagte am Montag unter anderem: „Wir waren überrascht von der Entscheidung. Ich hätte mir gewünscht, dass er bleibt. Wir akzeptieren seine Entscheidung, obwohl wir von seiner Arbeit überzeugt waren.“ Es ging – damals wie heute – um den Rücktritt von Armin Veh.

Wie einst beim damaligen Zweitligisten in Rostock hatte der Fußball-Lehrer aus Augsburg am Sonntag nach der Niederlage gegen seinen Heimatverein das Gespräch mit den Verantwortlichen gesucht – und ihnen mitgeteilt, dass er es für besser halte, eine Trennung zu vollziehen. „Der Schritt ist mir schwergefallen“, beteuerte Veh. Vielen anderen fiel es schwer, ihn zu begreifen.

Sicher, die sportliche Situation des Tabellenletzten ist brenzlig. Von Vereinsseite drohte Veh aber noch kein Ungemach, da die Mannschaft zwar regelmäßig Punkte verschenkte, aber selten desolat aufgetreten war. Der Gefühlsmensch Veh begründete seinen Schritt daher auch eher weniger rational. „Ich habe eine Phase, da laufen die Dinge nicht so, wie ich es gewohnt bin“, sagte er, beklagte das fehlende Glück in seinen Entscheidungen und ergänzte: „Ich glaube, dass es besser ist, wenn ich nicht mehr da bin.“ Ein Trainer ohne Fortüne zu sein – das nagte am selbstbewussten Coach zu sehr, als dass er seine zweite Amtszeit beim VfB hätte fortsetzen wollen. Um das Glück zu zwingen, fehlten ihm Kraft, Lust und das innere Feuer. Weshalb nun auch die Frage im Raum steht: Hätte er diese zweite Amtszeit in Stuttgart erst gar nicht antreten sollen?

Es gibt Menschen mit viel Lebenserfahrung, die behaupten: Das Einzige, was besser wird, wenn man es aufwärmt, sei Sauerkraut. Soll heißen: Frühere Beziehungen sollte man lieber dort lassen, wo sie sind – in der Vergangenheit. Der VfB und sein Meistertrainer von 2007 wagten dennoch einen zweiten Versuch, der sogar auf zwei Jahre ausgelegt war, obwohl der Club ursprünglich vorhatte, den Ex-Trainer vorerst nur ein Jahr zu binden. Langfristig gab es andere Pläne, etwa mit Thomas Tuchel.

Veh sagte am Montag: „Ich bin zurückgekommen, weil mir der Club am Herzen liegt.“ Doch schon ­wenige Wochen nach Amtsantritt war klar: Diese Rückkehr war überfrachtet mit Erwartungen – von beiden Seiten. Der VfB verkaufte seinen Fans die Hoffnung auf erneut glorreiche Zeiten mit sportlichen Erfolgen und begeisterndem Fußball. Und Veh glaubte, in das heimelige Nest zurückzukehren, das er Ende 2008 verlassen musste. Schnell waren beide Seiten enttäuscht.

Veh kritisierte die mittlerweile aufgeblähten Strukturen des Clubs, beäugte die Managersuche mit Blick auf mögliche Kandidaten äußerst kritisch und war überrascht von der mangelnden Qualität der Mannschaft. Dem Team traut er zwar nach wie vor mehr zu, als sang- und klanglos abzusteigen („Da glaube ich fest dran“), zufrieden war er dennoch nie in den vergangenen Wochen. Und so passierten Dinge, die zu einer fußballerischen Erfolgsgeschichte einfach nicht passen wollen.

Auf seiner Suche nach einem funktionierenden Team versuchte es Veh mit gleich elf verschiedenen Startformationen. Er nahm Sven Ulreich aus dem Tor, dann patzte dessen Nachfolger Thorsten Kirschbaum. Veh beackerte sportliche Baustellen, waren sie geschlossen, taten sich neue auf. Keine seiner Aktionen brachte nachhaltig Erfolg. Nun steht der VfB am Tabellenende, „dafür bin ich verantwortlich“, sagte Veh, „und mir fehlte auch das notwendige Quäntchen Glück“. Der Coach ist sicher: Ohne ihn kann es zurückkommen. Das klingt generös, wirkt aber irgendwie auch wie eine Flucht.

Der Genussmensch Veh, so der Vorwurf, scheue die kniffligen Situationen. In Rostock trat er zurück, beim HSV kündigte er seinen Rückzug zum Saisonende 2011 an, auch in seiner ersten VfB-Amtszeit soll er im Herbst 2008 Horst Heldt ein freiwilliges Aus angeboten haben. Der damalige Manager lehnte ab, wenig später musste er Veh entlassen – was richtig Geld kostete. Geld, das der VfB nun spart. Eine Abfindung steht dem Coach nicht zu.

Von daher halten andere den Zurücktreter Veh auch für einen Ehrenmann. Einen von einer seltenen Sorte in der auf Profitmaximierung getrimmten Profi-Branche. „Ich lasse den VfB nicht im Stich“, sagte Veh am Montag daher. Und Wahler lobte: „Er ist ein guter Trainer, ein guter Typ und ein toller Mensch.“ Vehs Begründung für den Rücktritt habe er nachvollziehen können, nachdem dieser ihm von früheren Lebenssituationen berichtet hatte, in denen er ähnlich empfunden habe wie jetzt. Umzustimmen war der selbst ernannte Überzeugungstäter nicht mehr. Veh sagt: „Ich hoffe, mein Rücktritt bewirkt Positives.“

Am Freitag (20.30 Uhr) beim SC Freiburg tragen die bisherigen Co-Trainer Armin Reutershahn und Reiner Geyer die Verantwortung, schon bald womöglich Vehs Vorgänger Huub Stevens. Wenn sich der VfB eine weitere Rückholaktion traut.

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