Dynamisch: Gotoku Sakai (li.). Foto: dpa

Außenverteidiger mit deutschen Wurzeln rückt ins Blickfeld von Bundestrainer Joachim Löw.

Stuttgart - Hans-Dieter Flick macht zunächst ein bisschen auf Understatement. Ja, er habe Gotoku Sakai schon einmal live im Stadion gesehen, sagt der Assistent von Bundestrainer Joachim Löw. Und ja, Sakai sei aufgrund der allgemeinen Bundesliga-Berichterstattung ein wenig ins Blickfeld gerückt. Aber im Speziellen habe das Trainerteam der Nationalelf noch nicht auf den Außenverteidiger des VfB geachtet.

Dabei konnten die Beobachter von Spielen des VfB die Qualitäten des Mannes, der im Winter vom japanischen Erstligisten Albirex Niigata auf Leihbasis an den Neckar wechselte, eigentlich nicht übersehen. So stark, so forsch, so selbstbewusst trat der Japaner, der eine deutsche Mutter und eine deutsche Oma hat, auf. Deshalb zählten ein paar Rechenkünstler schnell eins und eins zusammen.

Rechts stottert es gewaltig

Starker Außenverteidiger mit deutschen Vorfahren, das wäre doch was fürs Nationalteam, wo es ja auf den Außenpositionen der Abwehrkette hakt. Hinten links spielt Kapitän Philipp Lahm – aber sonst?

Rechts stottert es gewaltig, nachdem sich Christian Träsch oder Jerome Boateng auf dieser Position mit ihren Unsicherheiten zuletzt überboten. Und links braucht es ohnehin noch einen starken Ersatz für Philipp Lahm. Dennis Aogo, das scheint nach dessen schwachen Länderspielauftritten in den vergangenen Monaten klar, ist das nicht. Und der Dortmunder Marcel Schmelzer hat im Nationaltrikot auch noch nicht nach­haltig auf sich aufmerksam gemacht.

Da drängt sich die Frage auf, ob Sakai (21) bald den Bundesadler auf der Brust trägt.

Klar ist, dass er auf beiden Außenverteidigerpositionen ran könnte. Die Experten des VfB sind sich ja sogar nicht so ganz einig darüber, ob denn nun der rechte oder der linke Fuß Sakais stärker ist. Zudem hat er bisher noch kein A-Länderspiel für Japan absolviert – der Weg wäre also frei.

Sakais Flanken sind messerscharf

Bei den Roten hat Sakai voll eingeschlagen. Die Flanken sind messerscharf, das Passspiel ist sicher, das taktische Verständnis in der Defensive wächst von Spiel zu Spiel. Er hat die Erwartungen übertroffen. Und die Integration verläuft dank seiner höflichen, offenen Art reibungslos. Seine japanische Frau und die beiden Töchter wohnen mittlerweile in Stuttgart. Deutsch versteht Sakai schon, nur sprechen traut er sich in der Öffentlichkeit noch nicht so ganz.

All das, so könnte man meinen, macht ihn für das deutsche Nationalteam interessant. Und wer genau hinhört bei Hansi Flick, erkennt, dass der sich doch schon ein bisschen näher mit dem Außenverteidiger befasst hat. „Wenn er so weiterspielt, rückt er immer mehr in den Fokus“, sagt der Co-Trainer, „aber das Interesse muss immer vom Spieler ausgehen, er muss es signalisieren. Und ein bisschen Herz muss da immer dabei sein.“ Er sei ja schließlich Japaner. Die Tür für Sakai, das ist klar, sie ist zumindest nicht geschlossen. Für die EM im Sommer in Polen und der Ukraine sei er aber sicher noch kein Thema, sagt Flick. Was danach kommt, ist offen.

„Es gibt da noch keine Tendenz“

Gotoku Sakai selbst berichtet grinsend von einem Anruf aus Japan vor ein paar Tagen. Ein Funktionär des Fußballverbands war dran. Und der wollte wissen, ob er tatsächlich auch für andere Nationen ran dürfte und ob er deutsche Vorfahren habe. Sakai bejahte – und der Funktionär wird sich seinen Teil gedacht haben. Der japanische Verband wird sich wohl bald intensiv um die Dienste des Verteidigers bemühen, sollte der beim VfB weiter so auftrumpfen.

Sakai selbst übrigens lässt sich alle Optionen offen. Angesprochen auf mögliche Anrufe von Bundestrainer Joachim Löw oder des japanischen Nationaltrainers Alberto ­Zaccheroni sagt er, dass er noch nicht wisse, wie er sich entscheiden würde: „Es gibt da noch keine Tendenz. Ich fühle mich aber sehr geehrt, wenn die beiden Nationalteams wirklich an meinen Diensten interessiert sind. Ich habe eine deutsche Mutter, bin aber in Japan aufgewachsen – ich fühle mich beiden ­Ländern sehr verbunden.“ Mit seiner Mutter hat er schon über das Thema gesprochen. „Sie übt da keinerlei Druck auf mich aus“, sagt der Verteidiger, „sie hat gesagt, dass das alles allein meine freie Entscheidung sei.“

Der Weg ins deutsche Nationalteam scheint zumindest nicht versperrt.

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