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VfB-Trainer Bruno Labbadia fordert von dem Instinktfußballer Timo Gebhart Disziplin.

Stuttgart - Geduld ist seine Stärke nicht. Dabei fordert die Rolle des Ergänzungsspielers alle Geduld von Timo Gebhart, weil sie ungewohnt ist für den letztjährigen Stammspieler. So ungewohnt wie die Anforderungen, die Bruno Labbadia an ihn stellt. Kann er den Trainer überzeugen?

Auf Toni Kroos hat Bundestrainer Joachim Löw einen Begriff gemünzt, der dessen Position im Mittelfeld der Nationalmannschaft ganz treffend umschreibt: den Zwischenspieler. Kroos spielt nicht im defensiven und nicht im offensiven Mittelfeld, sondern variabel in den Räumen dazwischen. So gesehen ist Timo Gebhart auf einem guten Weg. Auf den Spuren des Nationalspielers Toni Kroos, gewissermaßen. Doch damit endet die Parallele auch schon.

Seit dieser Saison ist Timo Gebhart (22) der Zwischenspieler beim VfB Stuttgart, allerdings in einer gänzlich anderen Bedeutung: zwischen Trainingsplatz und Bundesligastadien, zwischen Ersatzbank und erster Mannschaft, zwischen eigenen Ansprüchen und gefühlter Akzeptanz - kurz: zwischen Hoffen und Bangen. "Vor jedem Spiel hoffe ich, dass ich in der Startelf stehe. Vor jedem Training hoffe ich, dass ich das Leibchen derer bekomme, die in der ersten Elf stehen", sagt Gebhart. Und dann zieht er doch wieder nur eine Niete, muss sich wieder hinten anstellen. "Das fühlt sich jedes Mal an wie ein Tritt in den Hintern", sagt er.

Da fällt ihm sogar das Scherzen schwer. Gebhart ist ja bekannt dafür, alle möglichen Varianten von Torjubel für sich und die Mitspieler auszuhecken. Zuletzt jubelte Martin Harnik in der Rolle von Thor. "Plötzlich ist er im Bett gestanden und hat gesagt: Ich habe mir was Neues ausgedacht", sagt Gebhart über seinen Zimmergenossen, "diesmal war das komplett seine Idee." Das musste gesagt sein, "bevor die Leute meinen, ich hätte zu viel Freizeit".

Gebhart achtet bewusst darauf, dass kein falscher Eindruck entsteht. Es ist ja keine einfache Zeit, die hinter ihm liegt. Vergangene Saison plagten ihn eine Achillessehnenverletzung, Bänderrisse und eine Operation am Sprunggelenk. Gebhart, in der Hinrunde noch Stammspieler, war immerhin so wichtig im Kampf um den Klassenverbleib, dass er auf Bitten des Vereins die OP hinausschob, um der Mannschaft zu helfen. Von seiner Dynamik, seiner Spontanität, seiner Schnelligkeit und seiner Unberechenbarkeit im Spiel, das schien klar, würden die Roten auch künftig profitieren können - und wollen. Von dem Eingriff hat er sich längst erholt, doch seine Einsatzzeiten bewegen sich im Minutenbereich. Mal 13, mal 15, zuletzt 18 und 19 Minuten. Seit Saisonbeginn waren es 86 Minuten, das hat er früher in einem Spiel heruntergespult. "Ich weiß gar nicht mehr, wie es sich anfühlt, in der Startelf zu stehen. Aber ich muss dieses Gefühl haben, ich will unbedingt wieder von Anfang an spielen", sagt der Memminger.

Darüber hat er auch mit Bruno Labbadia gesprochen, immer wieder. Der Trainer hat sich die Zähmung des Widerspenstigen als Aufgabe gesetzt. Er hat ihm auseinandergesetzt, was er von dem Mittelfeldmann mit dem großen Offensivgeist fordert. Disziplin ist ein großes Wort, gemeint hat er Gebharts Bereitschaft, auch defensive Aufgaben zu übernehmen, sich beim Umschalten nach hinten aktiv einzubringen und nicht nur an die eigenen Stärken, sondern auch an die Bedürfnisse der Mannschaft zu erinnern. Nur so funktioniert die Spielweise der Roten. "So langsam habe ich kapiert, was der Trainer von mir will", sagt Timo Gebhart, "unser Spiel hat sich verändert, alle haben sich verbessert, und ich musste einige taktische Neuerungen nachholen, weil ich so lange verletzt war." Jetzt, findet er, muss die Lehrzeit ein Ende haben: "Ich kann nur auf dem Platz beweisen, dass ich es gelernt habe."

Für seine neue Rolle benötigt er vor allem eines: höchste Fitness, auch mental. "Die neue Spielweise ist viel aufwendiger und kräftezehrender. Was das an Konzentration kostet, ist enorm. Wenn ich mal durchspiele, werde ich 90 Minuten richtig beißen müssen", ahnt er. Timo Gebhart fühlt sich dazu bereit. Und er will es beim VfB zeigen. Die Roten schließen einen Wechsel aus, und auch Gebhart weist jeden Gedanken an einen Abgang im kommenden Winter brüsk zurück. Er sagt: "Ich habe mir so viel vorgenommen, als ich zum VfB kam. Ich will es hier schaffen."

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