Erstes Training beim VfB Stuttgart: Tayfun Korkut Foto: Baumann

Die Fans sind wenig begeistert: Warum der Empfang für Tayfun Korkut, den neuen Trainer des VfB Stuttgart, alles andere als herzlich ausfällt.

Stuttgart - Kein Applaus, keine Buh-Rufe. Stattdessen: Gespenstische Stille, als Tayfun Korkut am Dienstagnachmittag das erste Training beim VfB Stuttgart leitet. Begleitet von 250 Fans und sechs Kamerateams deutet in diesem Moment nichts auf die Stimmungslage rund um den Club hin. Doch die ist verheerend.

Am Vormittag legte ein Fan vor der Geschäftsstelle eine Grabkerze, eine Trauerkarte und weiße Lilien nieder. Als Zeichen der – ja was eigentlich? Trauer, Wut, Enttäuschung? Wohl eine Mischung aus alldem. Im Netz geben sich schon seit der Bekanntgabe von Tayfun Korkut am Montag Hassprediger, Zyniker, verkappte Komiker, Experten wie Thomas Berthold („Mir fehlt bei dem Trainer die Fantasie“) und einfach nur enttäuschte Fans das Wort. Vieles ist nicht druckreif, manches nachdenkenswert, anderes amüsant. „Wäre ich nicht schon Mitglied, würde ich jetzt eintreten, nur um wieder kündigen zu können“, schreibt einer und bildet damit jene Fraktion ab, die soweit gehen will, Mitgliedsausweis und Dauerkarte per Einschreiben an die Mercedesstraße zurückzuschicken.

Minuspunkte schon vor dem Start

Thomas Hitzlsperger sah sich genötigt, dem Shitstorm entgegenzutreten. „Es geht darum, dass wir Trainer und Mannschaft unterstützen. Heute haben sich viele ausgekotzt, ok. Aber lasst uns zusammen die Liga halten“, schrieb das Präsidiumsmitglied auf Twitter. Dennoch versichern nicht wenige Fans, mit dem Club „endgültig abgeschlossen zu haben“. Was in Wahrheit so viel heißt wie: Bis zum nächsten Sieg.

Tatsächlich hat eine Trainerneuverpflichtung auf dem Wasen selten einen solchen Sturm ausgelöst. Einen Taifun der Empörung, gegen den Orkan Friederike vor zwei Wochen wie ein laues Lüftchen daher kam. In vergleichbarem Maß auf die Barrikaden gingen die VfB-Fans nur, als 1986 Egon Coordes Willi Entenmann ablöste. Oder zwölf Jahre später, als Gerhard Mayer-Vorfelder glaubte, in KSC-Urgestein Winfried Schäfer den richtigen Nachfolger für Joachim Löw gefunden zu haben. Zum Glück für Coordes und Schäfer, muss man rückblickend feststellen, gab es damals noch keine sozialen Medien. Spätestens seit Korkut weiß man, wie ein Coach durch ein paar Tweets und Emoticons mit einem dicken Punktabzug an den Start geschickt werden kann, noch bevor er sich die Trainingsklamotten übergestreift hat.

Parallelen zu Coordes und Schäfer

Nun gibt es abseits der sportlichen Situation gewisse Parallelen zu früher. Auch Hannes Wolf spielt in der Gemengelage eine Rolle, dem – wie damals Entenmann und Löw – allseits beliebten Gesicht. Dem aber, das nebenbei, erst seit seiner Entlassung wieder die volle Verehrung der Fans entgegenschlägt. Wo in den Wochen zuvor auch nicht mehr alles so super war mit dem Trainer-Neuling.

Doch Ratio war im Fußballgeschäft noch selten ein ernst zunehmender Begleiter. Dass die Gefühlswelt der Anhänger Achterbahn fährt und Korkut die Rolle des Blitzableiters einnimmt, hat ja auch nachvollziehbare Gründe. Sportlich steht der VfB so schlecht da wie noch nie in dieser Saison. Es herrscht freie Sicht auf die Abstiegsränge. Die Angst geht um vor einem neuerlichen Absturz in Liga zwei, der angesichts der Konkurrenz schwerer zu verhindern sein dürfte als vor zwei Jahren. Damals mischten noch Underdogs wie der FC Ingolstadt und Darmstadt 98 im Oberhaus mit. Die beide drin blieben.

Zudem dürfte ein Abstieg folgenschwerer ausfallen als damals. Noch einmal herrscht nicht die Aussicht auf die sofortige, mit großer Euphorie begleitete Rückkehr vor. Eher die Sorge vor dem weiteren Niedergang. Vor diesem Hintergrund sind die Cannstatter Chaostage und das Korkut-Bashing zunächst einmal zu betrachten.

Verkürzt gesagt: Die Nerven liegen blank. Weniger aus der Emotion heraus, wenngleich nicht minder einschneidend, richtet sich die Ablehnung im weiß-roten Lager auch gegen die Herren Reschke und Dietrich. Der Sportvorstand hat seit seinem Amtsantritt noch nicht viel auf seiner Habenseite. Weder halten seine Transfers bislang die Überzeugung aufrecht, dass es am Ende reichen könnte für die gesteckten Ziele, noch gab der 60-Jährige bei der Wolf-Entlassung ein glückliches Bild ab.

Trainerlösung hält VfB-Fans den Spiegel vor

Die Bilanz von Präsident Wolfgang Dietrich wiederum geht eng mit der von Michael Reschke einher. Schließlich hat er den Manager als Nachfolger des wie Wolf beim Anhang beliebten Jan Schindelmeiser geholt. Und gemeinsam mit den beiden die Ausgliederung vollzogen. Die nun wie ein Wasserfall auf die Mühlen jener Kritiker prasselt, die damals schon gewusst haben wollen: Eine AG schießt keine Tore.

Und nun Korkut als vorläufig letztes Glied in dieser Personalkette. Bei Markus Weinzierl oder Thomas Tuchel wären die Reaktionen sicher sanfter ausgefallen. Doch diese Kategorie Trainer scheint für den Tabellen-14. derzeit unerreichbar. Womit die vielen Fans den Spiegel einer Realität vorgehalten bekommen, die schmerzt: Ihr VfB ist keine große Nummer mehr.

Korkut eilt der Ruf des Gescheiterten voraus. Sein Punkteschnitt von 1,17 (bei Hannover 96), 1,08 (1. FC Kaiserslautern) und 1,0 (Bayer Leverkusen) gleicht keiner Visitenkarte eines Erfolgstrainers. Der Deutsch-Türke weiß das, und es nagt an ihm. Bei genauerem Betrachten relativiert sich aber vieles. In Leverkusen war Korkut zur falschen Zeit am falschen Ort. In Kaiserslautern, wo Korkut bald zurücktrat, kann man über das Chaos in Stuttgart nur müde lächeln, was mit ein Grund für seinen Ausstieg war. Und in Hannover erlebte der frühere türkische Nationalspieler, der als Trainer auf Erfahrung im Kampf gegen den Abstieg verweisen kann, ein gutes erstes Jahr. Viele erinnern sich, wie er nach einer 0:3-Klatsche gegen den Erzrivalen Eintracht Braunschweig mit Megafon in der Hand die Fans auf Zusammenhalt einschwor. Was ihm Respekt einbrachte.

Sein erstes Spiel mit 96 gewann er übrigens mit 3:1 beim VfL Wolfsburg. Also dort, wo er auch am Samstag (15.30 Uhr) mit dem VfB seine Premiere feiert. Es ist noch nicht alles verloren!

VfB Stuttgart - Bundesliga

lade Widget...

Tabelle

lade Widget...
Komplette Tabelle
Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: