VfB-Trainer Zorniger, Verteidiger Schwaab: Schwere Zeiten. Foto: Baumann

Drei Spiele, drei Niederlagen – und zehn Gegentreffer. Jetzt stellt sich beim VfB Stuttgart die System-Frage. Die Spieler sind überfordert, Änderungen unausweichlich. Aber Coach Alexander Zorniger sagt: „Ich kann nur so.“

Stuttgart - Es gehört mit Sicherheit nicht zu den leichtesten Aufgaben im Fußball, immer auf alles eine Antwort zu finden. Wenigstens auf dieser Seite des Geschäfts bewegte sich der VfB Stuttgart bis dato in den lichteren Sphären der Tabelle mit den besten Ausflüchten. Nach dem 1:4-Debakel gegen die Durchschnittskicker aus Hessen graben die Ersthelfer württembergischer Fußball-Kunst aber tief in ihren Notfallkoffern. Und der Neuerscheinung auf dem Trainer-Markt droht nach drei Spieltagen mit null von neun Punkten und 4:10 Toren das Schicksal einer hübschen Verpackung ohne den passenden Inhalt. Eine Situation, die Alexander Zorniger als „extreme Scheiße“ beschreibt. Vielleicht kann man es feiner sagen, im Kern trifft es aber so ziemlich die Wahrheit.

Es ist eben nichts schlimmer, als ein Produktversprechen abzugeben, das sich kurze Zeit später als heiße Luft entpuppt. Zwar war es nett anzuschauen, als es Manchester City im Testspiel vor dem Saisonstart gegen den VfB mal so ganz ohne Abwehr probierte (4:2), das 1:3 gegen den 1. FC Köln ließ sich mit einigem Wohlwollen noch als Betriebsunfall interpretieren. Doch spätestens seit dem 2:3 bei den Anti-Kickern aus Hamburg und erst recht nach der öffentlichen Bloßstellung gegen die Frankfurter Eintracht stellt sich das alte Problem neu: Kann man aus einem Haufen überwiegend verunsicherter Berufsfußballer mit wiederkehrendem Hang zur Grobmotorik ein feinmechanisches Uhrwerk mit höchster Präzision entwickeln?

Das System hakt

Weil im Fußball nichts unmöglich ist, werden Realisten den Erfolgsfall nicht ausschließen, Pragmatiker sich aber stets dazu entschließen, einen Schritt nach dem anderen zu tun. Die radikal optimistischen Ingenieure aus der VfB-Produktentwicklung allerdings schrieben für das neue Sofort-Programm eine hoch komplexe Software, die für das Spiel mit Raum und Zeit viel Übung, Verständnis, Gefühl, Können und Kenntnis voraussetzt. Jetzt hakt das System mit jedem neuen Druck auf die Enter-Taste. Und nach dem dritten erfolglosen Versuch meldet der Computer den Systemabsturz beim VfB. Verbunden mit dem Rätsel: Sind es die Fehler im System, die das Spiel zerstören? Oder ist der Fehler womöglich das System?

Robin Dutt antwortet auf derlei Probleme mit der Hand auf seiner Fußball-Bibel. An grundsätzlichen Glaubensfragen mag der Sportvorstand partout nicht rütteln, die „individual-taktischen Fehler“ rauben aber auch dem aktuellen Chef-Rhetoriker den geregelten Nachtschlaf. Anders ausgedrückt: Das seit Jahren vorhandene Bemühen der VfB-Spieler, stets einen der Ihren zu finden, der im Spiel komplett neben sich steht, führt verblüffend häufig zum Erfolg. Diesmal waren als Erste die beiden überforderten Innenverteidiger Timo Baumgartl und Adam Hlousek zu nennen, aber auch der irrlichternde Rechtsverteidiger Daniel Schwaab oder Stürmer Martin Harnik, der sich mit dem Kunststück in die Festplatten der Beobachter einbrannte, den Ball aus zwei Metern 20 Meter übers leere Tor zu dreschen. Überhaupt verfestigte sich mit zunehmender Spieldauer der Eindruck, dass es womöglich eine gute Idee sein kann, das gegnerische Tor zu berennen, die Anwesenheit eines Gegners aber nicht gänzlich zu unterschlagen ist. Die Leichtigkeit, mit der die Eintracht ihre Konter landete, würden jeden D-Jugend-Trainer in Weil im Schönbuch an den Rand der Verzweiflung treiben.

Das Ringen um Stabilität

„Wir müssen schauen, wie wir das wieder stabil kriegen“, seufzte Alexander Zorniger und machte dabei nur sehr bedingt den Eindruck, als sei der Schaden mit der Reparatur-CD schnell mal zu beheben. Ob es helfen könnte, ein wenig tiefer in der eigenen Hälfte zu stehen? „Eher nicht“, sagte der Coach, „dann machen wir die Fehler sogar am eigenen Sechzehner.“ Robin Dutt rang sich immerhin durch zu der Erkenntnis: „Ich denke schon, das wir unabhängig von irgendwelchen Konzeptionen mal darüber nachdenken sollten, warum wir jedes Mal bei einem Angriff eines Gegners gleich ein Tor ­zulassen.“

Beton will Zorniger jedenfalls nicht anrühren. Als Hilfsfunktion für ratsuchende Zweifler diente er lieber die Beispiele aus Leverkusen, Dortmund oder den guten Tagen in Hoffenheim an. „Das ist ja nichts, was wir im Labor ausprobieren. Das funktioniert.“ Nur eben nicht beim VfB, wo der etwas ungelenke Torhüter Przemyslaw Tyton Elfmeter sammelt wie Panini-Bilder und ein lang geschlagener Ball reicht, um die komplette Defensive ins Nirwana zu schicken. Oder ein schwacher Stürmer (Martin Harnik) durch einen noch schwächeren (Timo Werner) ersetzt werden muss.

Das alles zeigt, dass es eben nicht so einfach ist, die Vergangenheit auf den Index zu setzen, um die Zukunft neu zu gewinnen. Die Gefahr, dass sich die Mannschaft mit dem Zorniger-Spiel aus Raum und Zeit im Datenstau aus Misserfolgen und Selbstzweifeln vollends festfährt, ist jedenfalls nicht mehr von der Hand zu weisen. Der Trainer aber entgegnet allen Wünschen nach dem System-Wechsel mit seinem Dogma: „Ich kann nur das.“ Was in etwa der Feststellung des Chefpiloten gleichkommt, der sagt: „Starten konnte ich, mit dem Landen habe ich so meine Probleme.“

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