Enttäuschung pur: VfB-Kapitän Christian Gentner Foto: Baumann

Der VfB rutscht immer tiefer – und das hat Folgen: Die Verunsicherung in der Mannschaft wächst weiter, die Entscheidungen des Trainers werden mehr und mehr hinterfragt, und die sportliche Lage lähmt den ganzen Verein. Dabei steht der mal wieder vor einer Grundsatzentscheidung.

Bremen - Es braucht ja eigentlich gar nicht viel, um ein bisschen Begeisterung zu schüren. Das beste Beispiel dafür ist in diesen Tagen der SV Werder Bremen. Zwei Helden von einst übernehmen das Traineramt, das Duo minimiert die Fußballkunst aufs Wesentliche und stärkt auch im Spiel gegen den VfB Stuttgart die Defensive. Das Team hat zwar keine Torchancen, erzielt aus Eckbällen aber zwei Treffer – und weil dies den dritten Sieg in Folge bedeutet, suhlt sich ein ganzes Stadion in der Glückseligkeit. Viktor Skripnik, der Trainer der Grün-Weißen, darf hinterher sagen: „Wir sind überglücklich.“

In den Minuten, in denen die Worte des Ukrainers noch nachhallen, steigt Armin Veh in den Katakomben des Bremer Weserstadions vom Podest, auf dem die Protagonisten der Pressekonferenz Platz nehmen dürfen. „Ich komm mal runter“, sagt der Trainer des VfB Stuttgart – und manch einer muss sich den Hinweis verkneifen: „Da sind Sie doch schon.“ Denn während der SV Werder eine Art Auferstehungsgeschichte zelebriert, hat die Tristesse des Tabellenkellers den VfB Stuttgart wieder fest im Griff.

„Ja, da muss ich Ihnen recht geben“, sagt wenig später Christian Gentner zum Hinweis eines Reporters, auch der VfB habe in den vergangenen Wochen durchaus Möglichkeiten gehabt, der Saison einen positiven Trend zu verleihen. 3:3 nach 0:3 gegen Leverkusen, 5:4 in einem Wahnsinnsspiel in Frankfurt – doch dann: 0:4 gegen den VfL Wolfsburg, am Samstag dann 0:2 in Bremen, nun Tabellenletzter. Warum der Schwung ins Leere gelaufen ist? Kapitän Gentner schaut ratlos und klagt mit leiser Stimme: „Weiß ich auch nicht.“ Sein Trainer ist zumindest ein wenig lauter.

Dass seine Mannschaft neun der 25 (!) Gegentore in elf Spielen aus Standardsituationen bekommen hat, treibt Armin Veh schier zur Verzweiflung. „Da wirst du ja blöd. Das habe ich noch nie erlebt“, sagt er und muss eingestehen, dass ein weiterer Kniff seinerseits nicht funktioniert hat.

Schon der Wechsel im Tor von Sven Ulreich zu Thorsten Kirschbaum, der anfangs durchaus nachvollziehbar war, hat seine positive Wirkung längst verloren – die neue Nummer eins hat durch Unsicherheiten viel an Ausstrahlung eingebüßt. In dieser Woche versuchte Veh nun, dem Standard-Problem mit der Umstellung von Mann- auf Raumdeckung Herr zu werden – nun kennen die VfB-Profis gleich zwei Varianten, die nicht funktionieren. „Wir werden bei solchen Aktionen wieder konsequenter sein“, verspricht Gentner, die nun anstehende Länderspielpause soll Übungszeit bieten, vielleicht wird auch die eher offensive Ausrichtung überdacht. Allerdings fehlen zahlreiche Akteure. „Einstudieren werden wir da eher weniger“, gibt denn auch der Spielführer zu. Und Sportdirektor Jochen Schneider merkt an: „Psychologisch ist das natürlich nicht gerade von Vorteil.“ Gemeint ist der Blick auf die Bundesligatabelle, die den VfB nun zwei Wochen lang als Schlusslicht ausweist. Doch das ist noch nicht mal das größte Problem.

Der VfB Stuttgart schließlich ist nach wie vor auf der Suche. Einerseits nach einem Nachfolger für Ex-Sportvorstand Fredi Bobic – doch welch renommierter Fachmann für Sportmanagement wechselt auf eine Stelle, auf der ihm ein Arbeitsumfeld in Liga zwei droht? Zweitens benötigt das Team in der Winterpause Verstärkung. Echte Verstärkung – was Armin Veh bei jeder Gelegenheit betont. Doch welcher Hochkaräter schließt sich einem Team an, das vom Tabellenkeller grüßt und einfachste Dinge verkehrt macht? Ein Argument wäre eine stattliche Bezahlung, weshalb der VfB mal wieder vor einer Grundsatzentscheidung steht.

Geht der Club trotz ohnehin leerer Kasse ins Risiko und finanziert die Teamauffrischung auf Pump und in der Hoffnung, dass im Zuge einer baldigen Ausgliederung Kapital fließt? Oder agiert er im bescheidenen Rahmen des Machbaren und riskiert so den Abstieg – der noch größere Löcher reißt? Es gibt leichtere Entscheidungen.

Weshalb sie auf dem Cannstatter Wasen hoffen, dass sich die Lage bis zum Winter wenigstens ein wenig hoffnungsvoller gestaltet. Sechs Spiele sind bis Weihnachten noch zu spielen, es geht gegen vermeintliche Gegner auf Augenhöhe wie Augsburg (Heimspiel am 23. November) und Freiburg (auswärts am 28. November), „es kommt eine wichtige Zeit“, weiß Abwehrmann Florian Klein. Nur: Was macht eigentlich Hoffnung? Womöglich ein Blick nach Bremen.

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