Ein nachdenklicher Michael Reschke: der VfB-Manager hat zuletzt viel Kritik einstecken müssen, richtet nun den Blick aber nach vorne. Foto: Baumann

Michael Reschke polarisiert beim VfB Stuttgart wie kein anderer. Trotz der vielen Kritik lässt sich der Manager des Fußball-Bundesligisten aber nicht verbiegen – wie der Rheinländer tickt.

Stuttgart - Michael Reschke hat mit sich gerungen. Vermutlich tobte in seinem Inneren sogar ein großer Kampf. Nein, hat die Stimme der Vernunft in ihm gesagt, er solle sich nicht mehr zu der Lügendebatte, die ihn voll erfasst hat, äußern. Schon gar keine Rechtfertigungen. Er sei in diesen hitzigen Zeiten gut beraten, Ruhe zu bewahren und sich wieder dem zu widmen, was seine Kernaufgabe ist: Spieler sichten, Kader planen, den neuen Trainer vor dem schweren Spiel an diesem Samstag (15.30 Uhr) gegen den Tabellenführer Borussia Dortmund unterstützen.

Aber es gibt da noch diese andere Stimme in Michael Reschke, die den Kämpfer im Manager des VfB Stuttgart weckt. Ja, hat sie gemeint, er solle die Kritiker lieber kontern, statt sie zu ignorieren. Denn das Bild, das von ihm mit der langen Pinocchio-Nase bundesweit gezeichnet wurde, werde ihm nicht gerecht. Auch nicht der komplexen Krisensituation beim Fußball-Bundesligisten. Also reden, am besten Klartext, wie es die Art des 61-jährigen Rheinländers ist.

Hin und her muss das gegangen sein. Engelchen und Teufelchen im Clinch. Am Ende einigten sie sich auf ein Unentschieden. Erstmals äußert sich Reschke wieder nach der Diskussion, die seine „massive Wahrheitsbeugung“ beim Trainerwechsel von Tayfun Korkut zu Markus Weinzierl ausgelöst hat. Aber nicht mit markigen Sprüchen. „Ich respektiere jede Form von Kritik“, sagt der Sportchef, „aber ich würde mir wünschen, dass die Sachebene bei der Beurteilung von solchen Entscheidungen wieder in den Vordergrund rückt.“

Die wahren Gründe der Trennung

In der Tat überdeckte das Wie der Trennung von Korkut das Warum. Ebenso die Frage, ob denn Weinzierl tatsächlich der richtige Mann ist, um den VfB aus der sportlich misslichen Lage zu befreien. Zu Punkt eins: Schon vor der Länderspielpause wuchsen die Klagen der Fans über die Leistungen unter Korkut. Zu schwach, zu defensiv, zu langsam. Intern blieb das ebenfalls nicht verborgen – es gab Tendenzen, dass sich Trainer und Teile des Teams voneinander entfernten. Hinzu kamen die schlechten Ergebnisse und die stockende Entwicklung trotz hoher Investitionen in neues Personal. Tiefpunkt war schließlich die Niederlage in Hannover, die sich schon in der Aufstellung angekündigt hatte.

Ein Offenbarungseid. Also gingen die VfB-Granden in ihre anberaumte Nachsitzung – mit der hohen Wahrscheinlichkeit, dass Korkut seinen Posten verliert. Aber es sei eben noch nicht final entschieden ge­wesen, versichern mehrere Teilnehmer. Reschke brachte das in die verzwickte Lage, dass er am Abend Korkut mit seiner Radikalrhetorik noch den Rücken stärkte – und ihn am nächsten Morgen freistellte.

Wer Reschke nun in seinem Arbeitseifer kennt, weiß, dass er es wieder so machen würde. Und wer Reschke noch ein bisschen besser kennt, weiß auch, dass er kein Problem damit hat, dieses Täuschen und Tarnen zuzugeben. Man muss das alles nicht gut finden, aber für Reschke ist klar: So läuft eben das Geschäft, in dem viele Strippen gezogen werden, und so versteht er seinen Job, in dem ständig mit Millionen von Euro jongliert wird. „Ich spüre eine riesengroße Verantwortung für den Verein und die Region“, sagt Reschke.

Zuletzt hat er aber vor allem gemerkt, welche Eigendynamik sein Vorgehen entwickelt hat, welche Wucht ein Sturm der Entrüstung entfaltet, weil er während der Präsentation des neuen Chefcoaches den Moment verpasst hat, sich zurückzunehmen. Vielleicht sogar ein wenig Verständnis für jenen Teil der Öffentlichkeit aufzubringen, der sich beschwerte, in die Irre geführt worden zu sein. Doch Reschke befand sich im Kampfmodus. Er wurde mit Fragen angegangen – und da hielt sich der Fighter aus Frechen an die Strategie, die seinem Naturell entspricht: Angriff ist die beste Verteidigung.

Der Manager ist hart im nehmen

Doch musste der Manager heftig einstecken, weil er zur Reizfigur geworden ist. In den sozialen Netzwerke wurde gefeuert, in zahlreichen Einlassungen von Fans und Fachleuten Befremden und ein Das-geht-gar-nicht ausgedrückt. Reschke hält das aus, betont er selbst immer wieder. Er ist hart im Nehmen, aber eine Teflonschicht, an der alles abperlt, umgibt ihn nicht. Das persönliche Befinden rückt der Sportchef jedoch in den Hintergrund. Wenngleich man schon tiefer in den Menschen hineinschauen möchte, an dessen Lippen der Ruf des VfB im Augenblick hängt.

An Glaubwürdigkeit haben die Stuttgarter verloren. Kredit müssen sie mit den nächsten Spielen zurückgewinnen. Doch Reschke lässt sich durch den Druck nicht verbiegen. Er ist Überzeugungstäter, und in seiner Wahrnehmung geht es nicht darum, ob er noch in den Spiegel schauen kann, weil er gelogen hat, sondern andersherum: Reschke würde nicht mehr in den Spiegel schauen können, wenn er nicht so gehandelt hätte, wie er es getan hat.

Ein Problem dabei: Eine andere Weisheit, als dass der Zweck die Mittel heiligt, findet bei Reschke kaum Platz. Alles zum Wohle seines Arbeitgebers. Weshalb es ihn trifft, dass an seiner Kernkompetenz gezweifelt wird und einige der Neuverpflichtungen in die Kategorie Fehleinkauf abzurutschen drohen. Nicolas Gonzalez, Pablo Maffeo, Borna Sosa, Marc-Oliver Kempf – talentierte Jungs, die noch nicht gezündet haben. Gonzalo Castro und Daniel Didavi – gestandene Profis, die ihren Ansprüchen hinterherrennen. „Ich kann allen VfB-Fans versichern, dass unser Kader besser ist, als der Tabellenplatz gerade ausdrückt. Wir werden an den neuen Spielern noch viel Freude haben“, sagt der Chefeinkäufer.

Letzter ist der VfB, und damit hat er in Reschkes Welt keine Argumente. Nur eine Option auf die Zukunft: Weinzierl muss es jetzt richten. Er ist Reschkes Wahl, weil es ihm imponiert hat, dass es der Bayer ungerührt auf sich nimmt, womöglich mit zwei Niederlagen zu starten. Erst Dortmund, dann Hoffenheim – aber nicht nur gegen die beiden Champions-League-Clubs wird die Wahrheit auf dem Platz liegen.

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