VfB Stuttgart Opfer der eigenen Naivität

Von Carlos Ubina 

Geballter Frust: der VfB-Torhüter Ron-Robert Zieler (links) schimpft nach dem späten Gegentor zum 1:2 auf seine Vorderleute. Foto: Baumann
Geballter Frust: der VfB-Torhüter Ron-Robert Zieler (links) schimpft nach dem späten Gegentor zum 1:2 auf seine Vorderleute. Foto: Baumann

Vier Auswärtsspiele, vier Auswärtsniederlagen – beim VfB Stuttgart gerät in Frankfurt einiges außer Kontrolle. Und nach dem bitteren 1:2 wächst die Gefahr eines Traumas beim Fußball-Bundesligisten.

Frankfurt - Ron-Robert Zieler ist fassungslos gewesen. Wütend flog sein rechter Arm durch die Luft. Samt geballter Faust. Er schüttelte immer wieder den Kopf. Er schrie. Doch wirklich gehört, hat den Torhüter des VfB Stuttgart in diesem bitteren Moment für den Fußball-Bundesligisten keiner mehr. Denn die Mitspieler hatten mit ihrer eigenen Enttäuschung zu kämpfen – und zu spät war es ohnehin.

Mit 1:2 unterlag der VfB in letzter Sekunde bei Eintracht Frankfurt. Sébastien Haller hatte in der vierten Minute der Nachspielzeit den Siegtreffer erzielt und die Stuttgarter mit seinem Seitfallzieher ins Mark getroffen. Weil sich das Team von Trainer Hannes Wolf ganz nah am Erfolg wähnte, weil die Eintracht eine halbe Stunde in Unterzahl spielte und weil sich der VfB jetzt mit der Eigendynamik des Misserfolgs auseinandersetzen muss.

Vier Auswärtsspiele, vier Auswärtsniederlagen – das ist die bisherige Saisonbilanz der Stuttgarter. Und diese null Punkte auf fremden Plätzen haben ihnen in der Commerzbank-Arena buchstäblich den Boden unter den Füßen weggezogen. Timo Baumgartl und Josip Brekalo kauerten nach dem Abpfiff auf dem Rasen. Daniel Ginczek stand allein und machte sich Vorwürfe, da er den letzten Freistoß nicht aus der Gefahrenzone geköpft hatte.

Auch Niko Kovac lobt den VfB

Schon da leistete der Trainer erste Aufbauarbeit. Er tröstete seinen frustrierten Mittelstürmer und half den jungen Baumgartl und Brekalo wieder auf die Beine. Im Grunde suchte Wolf aber selbst nach etwas Halt. Lange hatte es so ausgesehen, als könnte nur der VfB als Sieger vom Platz gehen. „Ich kann jetzt aber nicht dasitzen und wieder erzählen, was wir alles gut gemacht haben“, sagt der Coach – und: „Ich habe keine Lust auf so eine Never-Ending-Story.“ Denn von Berlin über Schalke und Mönchengladbach bis hin zu Frankfurt zieht sich ein Muster, das die Gefahr eines Auswärtstraumas wachsen lässt: Die Mannschaft spielt gut mit und erhält Lob von der Gegenseite (diesmal von Trainer Niko Kovac). Aber die Mannschaft erlaubt sich zu viele Patzer und verliert.

„Schon vor dem zweiten Gegentreffer sind uns gefühlt 20 Fehler der gleichen Art unterlaufen“, sagt Wolf. Ungenauigkeiten im Passspiel, Fahrlässigkeiten in der Absicherung der eigenen Angriffe, Orientierungslosigkeit bei der Gegnerzuordnung und Unkonzentriertheiten in den Zweikämpfen, was in der Summe eine ganze Reihe von Freistößen und Eckbällen für die Gastgeber ergab. Rein zeitlich bemessen war das nur eine 20-minütige Phase im Spiel, den Rest hatten die Stuttgarter unter Kontrolle. Vom Ausgang der Partie her betrachtet ist der VfB aber auf diese Weise ein Opfer seiner Spielweise geworden.

„Das war ein Stück weit naiv von uns“, sagt Zieler und hat es kommen sehen. Zweimal verhinderte der Schlussmann einen Rückstand noch, doch seine anschließenden Appelle an die Vorderleute verhallten. „Wir hatten nicht mehr die Ruhe am Ball und wollten unser zweites Tor unbedingt erzwingen“, sagt Zieler. Der Schuss ging jedoch nach hinten los, da es den Gästen nicht gelang, ihre Überlegenheit nach dem Ausgleichstreffer durch den eingewechselten Simon Terodde (61.) in weitere Tore münden zu lassen. Der VfB verlor sich vielmehr in seinem Sturm und Drang. „Das war zu forsch“, sagt Dennis Aogo, der die VfB-Elf erstmals als Kapitän auf das Feld führte, „da hätten wir am Ende cleverer spielen müssen, um wenigstens noch einen Punkt mitzunehmen.“

Kein Mangel an Erfahrung

Doch einmal mehr stehen die Stuttgarter nun blöd und mit leeren Händen da. Das miese Gefühl, sich einer Fundamentalkritik stellen zu müssen, wird sie durch die Länderspielpause begleiten – anstatt in den langen Tagen vor der nächsten Begegnung mit dem 1. FC Köln über ihre Fortschritte zu reden. Denn auf dem Platz geriet das Geschehen außer Kontrolle – und von außen war es offenbar auch nicht mehr zu steuern. Dabei greift ein Hinweis auf die jugendliche Unerfahrenheit der Elf nicht. Mit Ron-Robert Zieler, Holger Badstuber, Marcin Kaminski, Dennis Aogo sowie Simon Terodde und Daniel Ginczek standen in den Schlussminuten genügend Profis auf dem Rasen, die wissen, wie es läuft.

„Ich bin von allen enttäuscht, auch von mir“, sagt Wolf und will erst gar keine Diskussion über den Mangel an Führungskräften aufkommen lassen. Der Trainer sieht im Kader genügend Persönlichkeiten, die eine Mannschaft zusammenhalten können. Er sah jedoch auch, dass seine letzte personelle Maßnahme nicht griff. Wolf wechselte Ebenezer Ofori in der Überzeugung ein, dem Stuttgarter Spiel mit einem zweiten Mann auf der Sechserposition wieder mehr Struktur zu verleihen.

Drei Abwehrspieler plus zwei defensive Mittelfeldspieler, so lautete die Rechnung des VfB-Trainers, das sollte reichen, um den Punkt zu sichern und im Optimalfall selbst noch einen Lucky Punch setzen zu können. Doch Ofori spielte einen Pass ins Nirwana, foulte anschließend und überließ so Sébastien Haller das letzte Wort.

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