Nikolas Nartey ist auf vielen Positionen einsetzbar. „Nur im Tor habe ich ihn noch nicht gesehen“, sagt sein Trainer Hoeneß. Foto: Baumann/Julia Rahn

Mehr als 100 Spiele hat Nikolas Nartey beim VfB verletzt verpasst. Nun wird der flexibel einsetzbare 25-Jährige immer wichtiger – und könnte die Rolle von Bilal El Khannouss besetzen.

Da unter der Woche ausnahmsweise mal kein Pflichtspiel anstand, hat Nikolas Nartey wie viele seiner Profikollegen vom VfB die Zeit gefunden, um enge Tuchfühlung mit den Fans aufzunehmen. Also führte der Weg des 25-Jährigen zu den Rot-Weißen Schwaben aus Berkheim, in den Stadtteil von Esslingen also, wo seit 1977 einer der ältesten und größten Fanclubs der Stuttgarter zu Hause ist.

 

Angekommen als Stütze des VfB-Spiels und zudem in der Rolle des Adventsgeschenks für die Fans – das ist die neueste Pointe in der Erfolgsstory des Nikolas Nartey, für den so lange unverschuldet nur die Zuschauerrolle reserviert war. Als Pechvogel vom Dienst.

2019 als Teenager vom 1. FC Köln nach Stuttgart gekommen, hatte der Linksfuß nach zwei Leihen zu Hansa Rostock und dem SV Sandhausen von 2021 an ja mehr als 100 Pflichtspiele der Stuttgarter verletzt verpasst – nun darf man ihn getrost als den Aufsteiger der Saison beim VfB bezeichnen. Doch das soll es noch nicht gewesen sein.

„Er bietet das Komplettpaket. Er ist schnell, laufstark, technisch stark, und zudem taktisch clever und flexibel“, sagt VfB-Trainer Hoeneß über Nartey, der bereits beim 4:0-Erfolg in Bremen in der Startelf stand („Da hat er ein richtig gutes Spiel gemacht. Ballsicher – und mit vielen guten Aktionen nach hinten wie vorne“). Nun dürfte der 25-Jährige auch am Samstag (15.30 Uhr) zum letzten Bundesligaspiel des Jahres gegen die TSG Hoffenheim von Beginn an spielen. Mehr noch: Gegen den badischen Rivalen aus dem Kraichgau (Fünfter der Tabelle) könnte Nartey beim VfB (Platz sechs) im Duell um die europäischen Töpfe eine besondere Rolle zukommen.

Schließlich hat Bilal El Khannouss, der sich mit Marokko auf dem Afrika-Cup (21. Dezember bis 18. Januar) vorbereitet, die Stuttgarter bereits verlassen – und muss in seiner zentralen, kreativen Rolle im offensiven Mittelfeld ersetzt werden. Das könnte ein Fall für Nartey werden, die Allzweckwaffe von Hoeneß, über den der Trainer sagt: „Er kann eigentlich überall spielen. Nur im Tor habe ich ihn noch nicht gesehen.“

Bruder Noah Nartey (li.) spielt im offensiven Mittelfeld von Bröndby Kopenhagen. Foto: IMAGO/Michael Barrett Boesen

Seit jeher genießt der talentierte Nartey, dessen Bruder Noah mit 20 Jahren bereits Stammspieler beim dänischen Erstligisten Bröndby Kopenhagen ist, bei Hoeneß höchste Wertschätzung. „Er hat eine ganz außergewöhnliche Verletzungshistorie, die ihn sehr lange daran gehindert hat, zu zeigen, was er wirklich kann – und er kann sehr viel“, sagt der VfB-Chefcoach. Also setzte Hoeneß kurz nach dem Beginn seiner Amtszeit in den beiden Relegationsspielen gegen den HSV in höchster Not auch auf Nartey.

Doch der verabschiedete sich danach in sein persönliches Tal der Tränen: Narteys Potpourri an Verletzungen – darunter Adduktoren, Bauch- und Oberschenkelprobleme – gipfelte von August 2023 an in einem hartnäckigen Knorpelschaden im Knie. So hatte Nartey die beiden vergangenen Spielzeiten fast komplett aussetzen müssen. Dennoch gab es im Sommer für ihn einen neuen, stark leistungsbezogenen Einjahresvertrag. Dafür hatte sich auch Hoeneß eingesetzt.

Der Vertrag könnte nun womöglich zeitnah verlängert werden, denn Nartey drängt es immer mehr in eine Hauptrolle beim VfB. Dabei kommt ihm seine Flexibilität zugute. „Meine Lieblingsposition ist eigentlich die Sechs“, sagt Nartey. Da im defensiven Mittelfeld mit Angelo Stiller, Chema und dem Kapitän Atakan Karazor ein Überangebot herrscht, ist der Däne, dessen Familie ghanaische Wurzeln besitzt, ausgewichen.

Beim Spiel in Wolfsburg (3:0) Mitte Oktober hatte Hoeneß ihn erstmals seit Mai 2023 in der Startelf aufgeboten, damals im Sturm neben Tiago Tomas. Dort fügte sich der 25-Jährige ein, als sei er nie weg gewesen. Vor rund zwei Wochen beim 0:5-Debakel gegen die Bayern war Nartey als Rechtsaußen der beste Stuttgarter auf dem Platz, erzielte ein Kopfballtor zum 1:1, das aber wegen knappem Abseits wieder einkassiert wurde.

Doch das Spiel förderte auch sein größtes Manko ans Tageslicht, das vorerst weiter existiert: Denn Nikolas Nartey, der gegen die Münchner 93 Prozent seiner Pässe anbrachte und 80 Prozent der Zweikämpfe gewann, musste nach nur 61 Minuten raus.

„Er hat schon lange kein Spiel mehr über 90 Minuten gemacht“, sagt Hoeneß über den Profi, dessen Einsatzzeiten aber kontinuierlich anwachsen – und damit auch sein Einfluss auf das Spiel des VfB. „Wir konnten ihn nie so regelmäßig sehen wie jetzt – und hoffen daher, dass das auch so bleibt.“

Womöglich gar in der Rolle des Spielgestalters der Stuttgarter – in Abwesenheit von El Khannouss könnte auf diese Weise der steile Aufstieg des Niko Nartey weitergehen.