Freudensprung nach dem Weltrekord: Niko Kappel hat die Kugel 15,07 Meter weit gestoßen. Foto: red/Myriam Mazenauer

Seinen eigenen Weltrekord hat der kleinwüchsige Kugelstoßer Niko Kappel in dieser Saison schon verbessert, dabei stehen die Höhepunkte erst noch an: Bei der WM und den Paralympics will der VfB-Athlet Titel gewinnen.

Es ist eine knifflige Aufgabe für Sportler, Topleistungen genau dann abzurufen, wenn es zählt – und nicht zu früh in Form zu sein. Für den kleinwüchsigen Kugelstoßer Niko Kappel (29) gibt es in dieser Saison zwei wichtige Termine: erst die WM im japanischen Kobe, dann die Paralympics in Paris. Weshalb sich die Frage stellt, ob sein Plan aufgeht, denn es wird alles andere als einfach für ihn, sich noch einmal zu steigern.

 

Vor einer Woche stieß der Athlet vom VfB Stuttgart nicht nur einen neuen Weltrekord, er übertraf auch erstmals die magische Marke von 15 Metern. Kappel steigerte seine Bestleistung von 14,99 auf 15,07 Meter und war völlig euphorisiert. „Genial! Es hat alles gepasst, ich kann es gar nicht fassen“, jubelte er, „ich freue mich mega!“ Sorgen, dieses Niveau womöglich nicht halten zu können, machte er sich nicht. Im Gegenteil. „Diese Leistung gibt mir sehr viel Selbstvertrauen“, meinte er, „von der Trainingssteuerung passt alles. Ich bin verletzungsfrei über den Winter gekommen, habe gut gearbeitet und hoffe, dass es dieses Jahr noch weiter geht – körperlich stehe ich ja erst am Anfang der Saison.“ Die nun in Fernost weitergeht.

Niko Kappel verfeinert seine Technik

An diesem Freitag fliegt Niko Kappel nach Japan, am Montag (4 Uhr MESZ) findet bei der Para-WM in Kobe der Wettkampf der Kugelstoßer statt. Der Favorit kommt aus dem schwäbischen Welzheim, und er ist auch deshalb zuversichtlich, weil eine kleine Änderung große Wirkung zu haben scheint.

Niko Kappel beobachtet schon immer, wie andere Athleten arbeiten, was hinter deren Erfolgen steckt, auf welche Technik sie setzen. Als er sich Videos von Ryan Crouser, dem 150 Kilogramm schweren, 2,03 Meter großen Doppel-Olympiasieger, Doppel-Weltmeister und Weltrekordler, angeschaut hat, fiel ihm ein interessantes Detail auf: Der US-Amerikaner holt mit dem linken Bein kurz Schwung, ehe er seinen Drehstoß beginnt. Das probierte auch Niko Kappel aus, analysierte die Videos dieser neuen Bewegung mit seinem Trainer Peter Salzer ausgiebig und kam zur Erkenntnis: es passt! „Ich stoße seither im Training weiter und auch viel konstanter“, sagt er, „ich fühle mich mit dieser Neuerung sehr wohl und bin überzeugt, dass sie mir weiterhilft.“ Vielleicht ja auch beim Versuch, endlich mal wieder einen Titel zu gewinnen.

Konkurrent aus Usbekistan

Niko Kappel gehört seit 2015 zur Weltspitze, bei Großereignissen gewann er neun Medaillen. Seine beiden wichtigsten Erfolge aber liegen schon eine Weile zurück. 2016 holte er Gold bei den Paralympics in Rio de Janeiro, ein Jahr später dann auch Gold bei der WM in London. „Danach hat mir immer wieder einer dazwischengefunkt“, sagt Niko Kappel, „jetzt wäre es an der Zeit, mal wieder Geschichte zu schreiben.“

Der Mann, der das verhindern will, kommt aus Usbekistan. Bobirjon Omonov lag bei den Paralympics 2021 in Tokio und der WM 2023 in Paris vor Niko Kappel, ist jeweils der Titelverteidiger. Seine Bestweite steht bei 14,73 Meter. „Ich habe keine Ahnung, was er aktuell drauf hat. Klar aber ist, dass er der Mann ist, den es zu schlagen gilt“, sagt der VfB-Athlet, „wenn ich an die 15-Meter-Marke rankomme, ist der Sieg möglich. Dann müssen die anderen erst mal weiter stoßen. Ich fühle mich gut, bin bereit.“ Doch Sicherheit gibt es nicht im Leistungssport.

Späte Anreise nach Japan

Nach dem Rekordwettkampf in Hechingen nahm sich der Körper von Niko Kappel erst mal eine kurze Auszeit. Er bekam eine leichte Erkältung und Zahnschmerzen, drei Tage später schaffte er bei einem Meeting in Thüringen nur 13,78 Meter. Es war ein kleiner Dämpfer, der zeigte, dass große Weiten keine Selbstverständlichkeit sind. „Es hilft, solche Erfahrungen zu machen“, sagt Niko Kappel, der für die WM in Japan einen interessanten Weg gewählt hat: Während ein Großteil des deutschen Teams schon in Kobe ist, reist er erst kurz vor dem Wettkampf an und ignoriert die eigentlich nötige Zeitumstellung, so gut es geht: „Das habe ich schon öfter gemacht, es hat immer funktioniert.“ Und am Ende zählt sowieso nur das Ergebnis. „Ich bin bester Dinge“, sagt Niko Kappel, „mein Ziel ist, Gold zu holen.“ Und das am liebsten mit einem weiteren Weltrekord. Von einer etwaigen Frühform würde dann niemand mehr sprechen.