Der Kapitän des VfB spricht über seine Emotionen nach der aufgehobenen Sperre, äußert sich zu seiner Nationalelf-Entscheidung – und traut einem Mitspieler eine große Karriere zu.
Hinter Atakan Karazor liegen bewegte Tage: ein unberechtigter Platzverweis in Wolfsburg, die Aufhebung der Sperre, zudem eine persönliche Entscheidung bei der Nationalelf-Frage – und rund um all das noch das Heimdebüt für den VfB Stuttgart in der Champions League gegen Sparta Prag (1:1).
Am Rande der Partie gab der VfB-Kapitän am Dienstagabend nun Einblicke in seine Gedankenwelt, auch rund um den Entschluss in puncto Nationalmannschaft. „Ich habe mich mehr oder weniger schon entschieden“, sagte der gebürtige Essener mit türkischen Wurzeln, der auch für Deutschland spielberechtigt gewesen wäre – sich nun aber für die Türkei entschieden hat. Offiziell bestätigten wollte Karazor das zwar noch nicht, an der Begründung war ihm aber gelegen: „Ich höre immer wieder Herzensangelegenheit, aber für mich ist es rein sportlich.“
Spiele in der Nations League stehen an
Auf diesen Punkt war er bereits im vergangenen Dezember im Gespräch mit unserer Redaktion eingegangen: „Ich bin in Deutschland aufgewachsen. Aus der Türkei kommt meine Familie, wir waren in meiner Kindheit dort oft im Urlaub. Beide Länder bedeuten mir sehr viel. Ich könnte mich deshalb niemals zwischen beiden Ländern entscheiden und würde für den Verband spielen, der mich zuerst einlädt.“
Hier läuft es nun auf die Türkei hinaus, Karazor soll schon bei den anstehenden Länderspielen in der Nations League gegen Montenegro und Island im Kader von Trainer Vincenzo Montella stehen. Im zentralen Mittelfeld waren dort zuletzt Kapitän Hakan Calhanoglu (30, Inter Mailand), Ismail Yüksek (25, Fenerbahce Istanbul) und Kaan Ayhan (29, Galatasaray Istanbul) aufgelaufen.
Der deutsche Bundestrainer Julian Nagelsmann hatte auf diesen Positionen in den vergangenen Partien auf die Dortmunder Pascal Groß und Emre Can (Borussia Dortmund), Robert Andrich (Bayer Leverkusen) Aleksandar Pavlovic (FC Bayern) und Karazors VfB-Teamkollegen Angelo Stiller gesetzt. Und: Ewig kann und will Karazor nicht mehr warten, der in wenigen Tagen 28 Jahre alt wird und im besten Fußballeralter ist.
Vor der Nationalmannschaft steht aber nochmals die Bundesliga im Fokus – und dass Karazor am Sonntag gegen die TSG Hoffenheim (19.30 Uhr) dabei sein kann, war lange alles andere als sicher. Am Dienstag aber hob das DFB-Sportgericht die Sperre infolge der unberechtigten Gelb-Rote Karte gegen Karazor aus dem Spiel in Wolfsburg auf. Längst nicht immer haben Einsprüche bekanntlich Erfolg, auch der VfB-Kapitän hatte nicht zwingend damit gerechnet: „Es ist natürlich nicht selbstverständlich“, sagte Karazor, „ich freue mich sehr über die Entscheidung, vielen Dank.“
Zudem erneuerte Karazor seinen Appell an einen gesitteten Umgang untereinander. „Ich glaube, dass wir nach der Situation korrekt miteinander umgegangen sind.“ Auch das Fehlereingeständnis von Schiedsrichter Sven Jablonski habe ihn „wirklich mega“ gefreut. „Beleidigungen oder Hasskommentare im Internet sollten abgestellt werden. Das geht in alle Richtungen, das gilt für die Allgemeinheit, im Fußball oder außerhalb davon.“
Sonderlob für Enzo Millot
Damit dürfte das Thema fürs Erste abgehakt sein – und sich der Blick wieder auf den Sport richten. Hier geht es Schlag auf Schlag, einige Tage bleiben Karazor und dem VfB, um sich auf die Partie gegen die Hoffenheimer am Sonntag vorzubereiten. „Ich glaube, dass uns die englischen Wochen gut gelegen kommen, wir stehen lieber im Stadion als auf dem Trainingsplatz.“
Einem Profi kommt dabei laut Karazor eine besonders tragende Rolle zu: „Enzo Millot ist für uns unersetzbar, er kann eine gewisse Magie in unser Spiel bringen“, sagt der VfB-Kapitän über den formstarken Techniker im offensiven Mittelfeld – der aber ab und zu gebremst werden müsse: „In der Kabine müssen wir aufpassen, dass unser kleiner Franzose nicht zu sehr fliegt.“ Das kriege man aber sehr gut hin, so Karazor: „Er ist ein guter Junge. Wenn er seinen Weg weitergeht, kann er eine sehr große Karriere vor sich haben.“ Und weitere gute Spiele für den VfB, womöglich schon am Sonntag wieder.
Bleibt noch eine Frage: Steht Karazor dann auch wirklich auf dem Platz? Darüber entscheidet ja nicht nur das Sportgericht, sondern ganz wesentlich auch Sebastian Hoeneß: „Jetzt bleibt noch abzuwarten, ob der Trainer mich eingeplant hat für die Startelf am Sonntag.“ Dafür spricht vieles.