„Es ist eine Art von Sucht.“ Atakan Karazor hat mit dem VfB noch einiges vor. Foto: Baumann

Der Sieg im DFB-Pokal hat die Brust bei vielen Spielern breit werden lassen. Die Aussagen und Ziele sind ambitioniert wie lange nicht – und beziehen sich auf mehrere Wettbewerbe.

Dass Jamie Leweling über Qualitäten als Unterhalter verfügt, ist spätestens seit der Pokalfeier kein Geheimnis mehr. Hoch und runter lief die Szene in den sozialen Medien, in der sich der Flügelstürmer des VfB Stuttgart unvermittelt das Mikrofon schnappte, das Programm auf dem Schlossplatz minutenlang übernahm – und Zehntausende Fans mit einem neuen Ziel verzückte: Nichts Geringeres als der Gewinn der Europa League soll in der kommenden Saison her.

 

Nun hatte die Szenerie natürlich ihren eigenen Kontext. Euphorie, Party, wenig Schlaf – kurzum: nicht der Ort für eine sachliche Reflexion. Eine spaßige Aussage ohne inhaltlichen Wert also? Mitnichten. Sechs Wochen später beim Trainingsauftakt erneuerte sie Leweling nämlich in nahezu identischer Weise. Er habe viel Resonanz auf den Auftritt bekommen und sei natürlich in einem anderen Körperzustand als jetzt gewesen. Aber: „Ich bleibe bei meiner Aussage, dass wir dieses Jahr die Europa League gewinnen wollen.“

Und nicht nur die. „Wir dürfen nicht vergessen, den Supercup haben wir auch noch“ ergänzte Leweling mit Blick auf die Partie gegen den FC Bayern am 16. August vor heimischem Publikum. „Da können wir auch einen Titel gewinnen. Das ist das erste Ziel.“ Der 24-Jährige, daran besteht bei diesen Sätzen kein Zweifel, hat also einiges vor in der Spielzeit 2025/26.

Deniz Undav: „Der Titel-Geschmack war lecker“

Ein überambitionierter Exot innerhalb der Stuttgarter Mannschaft ist Leweling mit seinen Aussagen aber nicht, sie sind durchaus repräsentativ. „Der Hunger auf mehr ist da“, betonte auch Stürmer Deniz Undav bei seiner Rückkehr ins Mannschaftstraining, „wir haben jetzt einen Titel gewonnen und wollen im Supercup den nächsten gewinnen. Der Titel-Geschmack war lecker.“

Das sieht der VfB-Kapitän im Übrigen ganz genauso. „Es ist eine Art von Sucht“, sagte Atakan Karazor bei der Kino-Premiere der vereinseigenen Dokumentation über den Pokalsieg gegen Arminia Bielefeld. „Es macht einen süchtig. Diese Freude, die man danach verspürt hat. Diese Gemeinschaft, die dann einfach nochmals stärker geworden ist nach dem Sieg. Ich würde dieses Gefühl gerne öfter haben.“

Deniz Undav will mit dem VfB den Supercup gewinnen. Foto: Pressefoto Baumann

Keine Frage, der Gewinn des DFB-Pokals hat etwas ausgelöst beim VfB – und die Brust breiter werden lassen. Zum Vergleich: Weniger als zwei Jahre ist es her, dass der damalige Kapitän Waldemar Anton im Interview mit unserer Redaktion im Oktober 2023 inmitten des Höhenflugs auf die Euphorie-Bremse gedrückt hatte: Man müsse erst einmal 40 Punkte erreichen. Inzwischen hat sich die Tonalität in Bad Cannstatt geändert, die Titellust ist groß.

Nun gehören an dieser Stelle einige Einschränkungen zur Gesamtbetrachtung. Zunächst mit Blick auf den Supercup: Welches andere Ziel als den Sieg sollte man sich schon setzen in einem Wettbewerb, der aus einem einzigen Spiel besteht? Auch, wenn der Gegner der Rekordmeister und damit in der Favoritenrolle ist? Da überraschen die Titel-Ansagen wenig.

In der Europa League und im DFB-Pokal sind die sportlichen Kräfteverhältnisse derweil relativ klar: In beiden Wettbewerben mischen Teams mit, die nominell stärker besetzt sind als der VfB. Im Pokal sowieso mit Blick auf die nationale Spitze, aber auch in der Europa League. Zum bisherigen Teilnehmerfeld – mehr als die Hälfte der Plätze wird erst noch vergeben in der Qualifikation – zählen bereits namhafte Mannschaften mit großen finanziellen Möglichkeiten, allen voran die Premier-League-Vertreter Aston Villa und Nottingham Forest.

Wie weit der VfB in diesen Wettbewerben kommt, ist also komplett offen und von verschiedensten Dingen abhängig. Der Tagesform, Verletzungen, auch mal von einem Heimspiel im DFB-Pokal zur richtigen Zeit, das die Siegchance mit den Fans im Rücken steigert. Das alles wird sich erst im Saisonverlauf konkretisieren – fest steht bis dato nur: Der VfB ist auf den Geschmack gekommen und geht die Aufgaben ambitioniert an.