Der Pokalsieger muss sich schon früh mit Kritikpunkten beschäftigen, die er hinter sich glaubte. Gibt er gegen Borussia Mönchengladbach die richtige Antwort?
Noch immer werden rund um den VfB Stuttgart die Köpfe geschüttelt beim Gedanken an das Wahnsinnsspiel bei Eintracht Braunschweig. Unfassbar, im positiven wie negativen Sinne. 20 Elfmeter, acht Tore und am Ende beim 12:11 nach Elfmeterschießen ein glücklicher Titelverteidiger, der in die zweite Runde des DFB-Pokals eingezogen ist. Verbunden mit wechselnden Emotionen, die der Begegnung einen hohen Erinnerungswert garantieren.
Doch nüchtern betrachtet zählt im K.-o.-Wettbewerb nur das Ergebnis. Das ist das Gute für den lange strauchelnden Pokalsieger. Und jetzt? Wird an diesem Samstag (15.30 Uhr) die Bundesligapartie gegen Borussia Mönchengladbach angepfiffen – ein völlig anderes Spiel, in dem der VfB bereits unter Druck steht. Denn schon früh in der Saison ereilen den Club Fragen, die sich mit der Entwicklung des Teams befassen.
Mangelnde Konsequenz und fehlende Kaltschnäuzigkeit sind zwei Themenfelder, die der VfB schon länger bearbeitet. Die mangelnde Bereitschaft, eine körperbetonte Spielweise des Gegners von Anfang an anzunehmen und die fehlende Cleverness in der Spielsteuerung sind zwei weitere kritische Ansätze, die in der vergangenen Rückrunde reichlich Siege gekostet haben. Und alles hat sich zuletzt in unterschiedlicher Ausführung in den ersten drei Pflichtpartien wieder gezeigt: beim Supercup gegen den FC Bayern (1:2), beim Bundesligastart beim 1. FC Union Berlin (1:2) und trotz des Weiterkommens im DFB-Pokal in Braunschweig.
Die Stuttgarter steuern offenbar auf einen schwierigen Punkt zu, den sie hinter sich geglaubt hatten. Oder wie kann es sein, dass ein Zweitligaverteidiger mit dem Namen Fabio Di Michele Sanchez gleich zweimal frei im Stuttgarter Strafraum auftaucht, zweimal mit dem linken Fuß den Ball aus spitzem Winkel in das Tor hämmert und den VfB an den Rand des Ausscheidens bringt?
Klar, da ist viel zusammengekommen. Doch es bleibt der Eindruck, dass es sich der VfB mit seiner Nachlässigkeit in Defensive und Offensive selbst schwer macht. Siehe Berlin und Braunschweig, wo jeweils mit einfachen Mitteln wie höherer Laufbereitschaft und leidenschaftliches Pressing der Gegner zum Torerfolg kam. Noch erscheint die Zeit für eine Grundsatzdebatte aber zu früh. „Wir haben in Braunschweig sicher keinen spielerischen Glanzpunkt setzen können. Und dennoch hat sich die Mannschaft in dieser denkwürdigen Partie einiges selbst bewiesen. Wir haben uns nach mäßigem Auftakt in diese Partie hinein gekämpft, haben Rückstände aufgeholt, als Team funktioniert, Stehvermögen gezeigt und unsere Nerven bis ins Elfmeterschießen im Griff gehabt“, sagt der Sportvorstand Fabian Wohlgemuth.
Alles wahr – und dennoch tauchen Zweifel an einem Reifeprozess des Europa-League-Teilnehmers auf. Zumal die als Verstärkung verpflichteten Lorenz Assignon und Tiago Tomas über einzelne Szenen hinaus noch beweisen müssen, dass sie die VfB-Elf voran bringen. Über Spieler für die Kaderbreite verfügen die Stuttgarter dagegen genug. Sie benötigen Spieler, die das Team stabilisieren und den Unterschied machen.
Auch diesbezüglich gibt es ausreichend Qualität, um in der Liga mehr zu erreichen als den neunten Tabellenplatz in der Vorsaison. Ein Beispiel: In Braunschweig wurden mit Nick Woltemade und Jamie Leweling zwei Nationalspieler für zwei EM-Teilnehmer eingewechselt, selbst wenn Deniz Undav und Chris Führich nicht für die kommenden Länderspiele nominiert wurden.
An den Fähigkeiten mit den Beinen liegt es demnach nicht. Zumal der VfB mit Hoeneß einen dominanten und mutigen Spielansatz pflegt – in den guten Phasen. Da gleichen die Stuttgarter einem Spitzenteam. In den weniger guten Momenten gefällt sich die Mannschaft jedoch darin, die Partie zu kontrollieren, ohne den nötigen Punch zu haben. Also alles eine Kopfsache?
Die Antwort lässt auf sich warten. Wohlgemuth glaubt jedoch an die Kraft des außergewöhnliches Sieges in Braunschweig. Der Erfolg soll sich positiv auswirken. „Das war eine extreme Prüfung und die Mannschaft hat sie bestanden. Es braucht diese besonderen Momente der Selbstbestätigung. Sie sind wichtig für den weiteren Verlauf der Saison, weil die Mannschaft in schwierigen Momenten immer darauf zurückkommen kann. Insofern gehen wir jetzt als Mannschaft gestärkt in die Partie gegen Gladbach“, sagt der Sportchef.