Die Sechser-Bande vom VfB feiert den Viererpack gegen ManCity Foto: Baumann

Gegen Manchester City hat sich die Spielidee des neuen Trainers bewährt. Alexander Zorniger und sein Team sammelten mit dem 4:2-Sieg gegen den englischen Topklub Bonuspunkte. Die Wiedererweckung des VfB Stuttgart mit schwäbischem Pioniergeist bleibt ein riskantes Projekt mit hohem Unterhaltungswert.

Stuttgart - Vielleicht hatte Filip Kostic kurz mal das Gefühl, wieder in der Schulbank zu sitzen. Damals, als er mit seinem Nebensitzer über die Schöne aus der ersten Reihe quatschte, anstatt, wie geheißen, den Satz des Pythagoras zu rezitieren. Der Weckruf des Trainers jedenfalls war so markerschütternd, dass der kleine Serbe umgehend die Laufarbeit wieder aufnahm: „Fiiiiliiiip!“ Alexander Zorniger schätzt es nun mal so sehr wie der Schwabe den Müßiggang, wenn seine Eleven den Dienst in den Dreiecks-Verhältnissen seines Spielsystems vorübergehend einstellen. „Wenn oiner net mitmacht“, pflegt der VfB-Trainer im Gmünder O-Ton zu predigen, „dann funktioniert’s alles net mehr richtig.“

Eine Halbzeit haben alle mitgemacht. Dann stand es 4:0 gegen Manchester City. Und der VfB war bis dahin vermutlich öfter vor dem Tor des Gegners aufgetaucht als zusammengenommen in drei Jahren zuvor. Weil dazu noch ein Treffer so blitzsauber fiel wie der andere, guckten die 40 122 Besucher in der Mercedes-Benz-Arena so ungläubig und dankbar, als hätte ihnen ihr Lottoschein einen Sechser mit Zusatzzahl beschert.

„Sie waren geil auf Pressing“

Die Hochfinanz aus England dagegen, immerhin Nummer zwei in der Premier League, mag sich vorgekommen sein, als hätte sie die Türen für den Sommerschlussverkauf zu früh geöffnet. Die Männchen mit dem durchgehenden roten Brustring strömten in ihre Räume, als gäbe es kein Morgen mehr. „Sie waren geil auf Pressing“, befand der Trainer mit der Miene des Lehrers, der lächelnd die Klassenarbeit an seine Musterschüler verteilt. Zwar gibt es hie und da noch was zu bekritteln, das Umschaltspiel auf die Defensive zum Beispiel, aber im Großen und Ganzen scheint die neue Spielidee nach sechs Wochen intensiver Büffelei schon ganz gut zu sitzen. Systemtest, Teil 1, bestanden.

Weil die schwäbischen Pioniere um den Geislinger Altmeister Helmut Groß und seine Jünger aber nie im Sinn hatten, den Gegner volle neunzig Minuten lang unbarmherzig durchs Karree zu jagen, wird es in den Tagen bis zum DFB-Pokalspiel gegen Holstein Kiel vor allem darum gehen, die richtige Balance zu finden; zwischen den laufintensiven Phasen der Dauerattacke in Überzahl weit in der Hälfte des Gegners und den Minuten, die kompakt und wohlgeordnet dazu dienen sollen, den Puls wieder auf erträgliche Frequenzen zu dimmen.

Zorniger bremst dennoch die Euphorie

Da sich Spieler aber (noch) nicht programmieren lassen wie Maschinen, werden wohl auch in Zukunft die Cannstatter Bäume nicht in den Himmel wachsen. „Die Automatismen können sich in so kurzer Zeit noch nicht komplett verfestigt haben“, sagt Robin Dutt. Und nur weil der Sportvorstand nach Spielschluss – anders als in der vergangenen Saison – frei von Adrenalin Auskunft erteilen durfte, heißt das nicht, dass sich Holstein Kiel am nächsten Wochenende ähnlich problemlos filetieren lässt wie ManCity. „Wir wären nicht die Ersten“, sagt Zorniger im leichten Brummton, „die nach einer gelungenen Generalprobe in der ersten Pokalrunde rausfliegen.“

Weshalb er nicht undankbar dafür war, dass die Engländer noch zu zwei Toren kamen, als nach etlichen Auswechslungen die Mixtur aus Pressing, Gegenpressing und kompakter Defensivarbeit ein bisschen durcheinander kam. „Es wird Mannschaften geben, die gegen uns Lösungen finden“, ahnt Daniel Ginczek. „Und dann“, sagt der Stürmer, „wird es richtig interessant.“

Das ist es auch so schon. Weil zum jetzigen Zeitpunkt niemand sein Monatsgehalt darauf wetten kann, wohin beim VfB die Umbauarbeiten mit dem Ziel der Wiedererweckung noch führen. Andererseits werden selbst die größten Skeptiker nicht bestreiten, dass alles besser ist als das, was der VfB Stuttgart der weiß-roten Glaubensgemeinschaft in den vergangenen Jahren zu bieten vermochte. „Ein Teil des Wohlstands dieser Region“, sagt Zorniger, „basiert doch auch darauf, dass es hier im Land immer schon Tüftler gab, die ihre Ideen gegen alle Bedenken und Widerstände durchgeboxt haben.“

Was bedeutet, dass der Coach und seine Helfer gern einen Vertrauensvorschuss nehmen würden auf die Erfolgsgeschichten schwäbischer Visionäre wie Gottlieb Daimler oder Robert Bosch, die ihre Projekte mit unerschütterlicher Zuversicht realisierten. Schließlich stammt die Spielidee, die 2006 unter Jürgen Klinsmann den Status der Salonreife erlangte, aus den Denkerstuben der württembergischen Fußballschule. Jetzt kehrt das Update der Version mit Zorniger zurück an ihren Ursprung. Eine schöne Geschichte. Sie hätte ein Happy End verdient.

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