Der Stuttgarter Einzug in die Königsklasse ist längst ein realistisches Szenario. Wie groß ist derzeit die Chance, dass dafür auch Platz fünf in der Bundesliga reicht? Und welche Summen winken?
Auf dem Platz fehlt er derzeit verletzt, am Spielfeldrand aber hat Deniz Undav zuletzt den Takt vorgegeben. Als in der Schlussphase der Partie beim SV Darmstadt (2:1) der Anhang des VfB Stuttgart wieder einmal die Aussicht auf den Europapokal besang („Stuttgart international“), stimmte der nicht auf den Mund gefallene Mittelstürmer auf der Ersatzbank prompt mit ein – eingefangen von den Fernsehkameras, klar zu erkennen auch ohne ausgewiesene Expertise im Lippenlesen.
Die internationalen Ambitionen beschränken sich also längst nicht mehr nur auf die Kurve, sie sind im Kreis der Spieler angekommen. Höchst offiziell haben die Stuttgarter Verantwortlichen das Ziel einer sorgenfreien Saison zwar noch nicht nach oben korrigiert, für die Mannschaft aber ist die Sache klar. „Wir wollen natürlich international spielen“, hatte Kapitän Waldemar Anton bereits zu Beginn dieses Monats nach dem Sieg beim SC Freiburg (3:1) betont.
17 Punkte Vorsprung auf den ersten nicht-europäischen Platz
Alles andere würde auch schwer überraschen beim Blick auf die Tabelle: 17 Punkte beträgt der Vorsprung des VfB auf den ersten nicht europäischen Platz, den derzeit Werder Bremen auf Rang sieben einnimmt. Rein theoretisch lässt sich dieses Polster natürlich noch verspielen, 36 Punkte sind in den verbleibenden zwölf Partien noch zu vergeben. De facto aber ist das höchstunwahrscheinlich. Zum einen, weil kaum etwas auf einen völligen VfB-Einbruch mit einer Niederlagenserie hindeutet, der dafür nötig wäre.
Zum anderen, weil sich auch die Mannschaften direkt dahinter noch gegenseitig die Punkte nehmen und nicht jedes Spiel gewinnen werden. Ein Rechenbeispiel: Halten die siebtplatzierten Bremer ihren bisherigen Schnitt, stehen sie am Saisonende bei 45 Zählern. Der VfB hat jetzt schon einen Punkt mehr. Hinzu kommt: Sollte Topfavorit Bayer Leverkusen wie von vielen erwartet den DFB-Pokal gewinnen, reicht selbst der siebte Platz für Europa.
Die Frage lautet daher weniger, ob der VfB Stuttgart im Sommer nach elf Jahren Abstinenz auf die internationale Bühne zurückkehren wird – sondern eher, in welchem Wettbewerb. Das ist noch völlig offen. Die Stuttgarter Verfolger Borussia Dortmund (Platz vier) und RB Leipzig (Platz fünf) haben hohe Ambitionen und nominell starke Kader. Das VfB-Polster von fünf respektive sechs Punkten ist deshalb beileibe kein Ruhekissen. Danach aber klafft eine Lücke: 13 Punkte liegen die Stuttgarter vor der sechstplatzierten Frankfurter Eintracht, mindestens Rang fünf ist daher ein realistisches Szenario.
Dieser bedeutet eigentlich den Einzug in die Europa League – kann aber in dieser Saison auch für die Champions League reichen, die im Sommer von 32 auf 36 Teams aufgestockt wird. Zwei der vier zusätzlichen Plätze gehen an die beiden Ligen, deren Teams in dieser Saison am erfolgreichsten sind. Und hier liegt die Bundesliga momentan an zweiter Stelle mit einem Koeffizienten von 14,5 – hinter Italien (15,6) und vor England (13,9). Viel hängt vom Abschneiden der fünf verbliebenen deutschen Mannschaften auf internationaler Bühne in den nächsten Wochen ab, ein zusätzlicher fünfter Königsklassen-Platz für die Bundesliga ist aber definitiv in Reichweite.
Millionensummen in der Champions League
Finanziell überstrahlt die Königsklasse dabei die Europa League und die Conference League um Welten. Gut 15 Millionen Euro gibt es in dieser Saison alleine für die Teilnahme an der Gruppenphase – hinzu kommen knapp eine Million für jeden einzelnen erspielten Punkt und rund zehn Millionen für den Achtelfinaleinzug. Eine Ebene tiefer geht es in der Europa League um ganz andere Summen, wenngleich nach wie vor reizvolle: 3,6 Millionen Euro beträgt zum Beispiel hier das Startgeld.
Dem VfB würden die Europa-Millionen neue Spielräume eröffnen, wobei drei Bereiche zur Verwendung vorgesehen sind: die Stärkung des Eigenkapitals, Investitionen in Wachstumsbereiche wie die Internationalisierung und schließlich auch die Stärkung des Kaders. Die Wahrscheinlichkeit eines Verbleibs von Stars wie Serhou Guirassy würde sich deshalb ohne Zweifel erhöhen.
Zudem sind die Europa-Prämien ja nicht die einzige Einnahmequelle, die sich infolge des sportlichen Höhenflugs erschließt: Auch aus den Medienerlösen winken neue Millionen, die auf Grundlage der Fünfjahreswertung verteilt werden. Sobald im Sommer die laufende Saison 2023/24 in die Wertung einfließt, wird der VfB hier aller Voraussicht im TV-Ranking klettern – jeder einzelne Platz bringt rund 2,5 Millionen.
In einem Fall sind die fast schon sicher: Um den FC Augsburg in der Fernsehtabelle zu überholen, genügt es, am Saisonende einen Platz besser als die Fuggerstädter dazustehen – angesichts von derzeit 23 Punkten Vorsprung sind hier Zweifel nur noch theoretischer Natur. Zwei weitere Mannschaften könnten die Stuttgarter ebenfalls noch abfangen, wobei die Konstellation hier deutlich enger ist: Um den 1. FC Köln einzuholen, müsste der VfB am Ende dieser Saison acht Plätze besser dastehen. Beim FSV Mainz 05 sind es sogar zehn Plätze. Beides wäre derzeit der Fall – der VfB ist Dritter, Köln und Mainz liegen auf Rang 16 und 17.
Aus dieser Warte kommt es also an diesem Samstag (15.30 Uhr) zum direkten TV-Tabellen-Duell, wenn die Kölner in Bad Cannstatt gastieren. Sportlich aber könnten die Voraussetzungen kaum unterschiedlicher sein: Der FC kämpft um den Verbleib in der Bundesliga, der VfB will nach Europa. Nicht nur Deniz Undav.